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Eismeister Zaugg: Weshalb die Schweiz gegen Finnland gescheitert ist

Patrick Fischer, head coach of Switzerland national ice hockey team, looks disappointed as they leave his bench after the second period, during the men's group A preliminary round game between Ca ...
Viele Erfolge, aber auch viele schmerzhafte Niederlagen: Patrick Fischer.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Patrick Fischer – wie ein Trainer «Opfer» seiner erfolgreichen Arbeit geworden ist

Patrick Fischer musste schon mehr dramatische Niederlagen verdauen als jeder andere Nationaltrainer unserer Geschichte. Er hat sich diese Niederlagen selbst eingebrockt.Weil er sein Team in Höhen führt, in denen der offensive Sauerstoff für die Schweizer zu dünn wird.
19.02.2026, 04:5919.02.2026, 09:30
klaus zaugg, mailand

Vor 50 Jahren hat ein Schweizer während der Olympischen Sommerspiele 1976 in Montréal die sogenannte «Mixed Zone» erfunden. Damals drängten die immer wichtiger werdenden TV-Stationen nach Wettkämpfen bei den Interviews die schreibenden Chronistinnen und Chronisten mehr und mehr zur Seite und die Reklamationen wurden immer grösser. Also beschloss Hugo Steinegger, Ordnung zu schaffen. Er ist heute 82 und nach wie vor fürs IOC tätig. Damals kümmerte er sich um die Organisation der Medienarbeit vor Ort. Er improvisierte und kreierte mit Seilabtrennungen zwei Zonen. Eine für die TV-Interviews und eine für die Befragungen durch die übrigen Medienschaffenden.

Heute ist daraus ein gut durchdachtes System geworden. Im Eishockey verlassen die Spieler das Eis (und die Coaches die Bank) und gehen auf dem Weg in die Kabine erst einmal an den TV- und Radiostationen vorbei, dann weiter durch eine grosszügig ausgebaute Zone, wo sie von den übrigen Medienschaffenden befragt werden können. Vor den TV-Kameras und Radio-Mikrofonen nehmen sich alle zusammen. Nur selten zeigen Eishockeyspieler oder -Trainer wahre Emotionen. Es ist das raue Spiel harter Männer. Und überhaupt werden heute – leider – alle im Umgang mit Medien geschult. Eine Polemik lässt sich im 21. Jahrhundert aus den Aussagen in der Mixed Zone kaum mehr drechseln.

Und doch: Ein wenig mehr Emotionen als vor den TV-Kameras zeigen Spieler oder Trainer manchmal bei den nicht sendenden und nur schreibenden Chronistinnen und Chronisten. So wie Patrick Fischer nach der bitteren Niederlage gegen die Finnen. Er hatte schon einige bittere Niederlagen zu verkraften. Und jetzt dieses 2:3 nach Verlängerung gegen Finnland mit dem besten Team, das er je zur Verfügung hatte. Nach einer 2:0-Führung bis zur 54. Minute. Zum dritten Mal hintereinander reicht es Patrick Fischer nicht für den olympischen Halbfinal.

So sauer, wortkarg und enttäuscht wie am Mittwochabend in Mailand war Patrick Fischer in der «Mixed Zone» ohne TV-Kameras noch nie. Und er brachte es bei der Befragung durch finnische Chronisten auf den Punkt:

«I am pissed, we are sad and we are not happy.»

Mehr gibt es nicht zu sagen. Und mehr wollte er nicht mehr sagen. Was hätte er auch sagen sollen?

Das Scheitern in Mailand reiht sich ein in eine Reihe, die 2018 beginnt und 2024 und 2025 fortgesetzt wird: Patrick Fischer führt sein Team zu hoch hinauf. Dorthin, wo der offensive Sauerstoff ausgeht. 2:3 nach Penaltys gegen Schweden im Final von 2018, 0:2 im Final von 2024 gegen Tschechien, 0:1 nach Verlängerung im Final von 2025 – und nun eben 2:3 gegen die besten finnischen NHL-Profis im olympischen Viertelfinal.

KEYPIX - From to left, Switzerland's players Nino Niederreiter, Ken Jaeger, Nico Hischier, Philipp Kurashev, Timo Meier, Pius Suter, Sven Andrighetto and Switzerland's Sandro Schmid, look di ...
Wieder sehr nah dran: Die Schweiz machte gegen Finnland vieles richtig.Bild: keystone

Es ist bei Lichte besehen die bitterste Niederlage: Ein olympischer Halbfinal wäre bei einem Turnier mit den besten Spielern der Welt sportlich noch wertvoller als WM-Silber. Das denkbar knappe, dramatische Scheitern bringt immer wieder den Coach in die Kritik. Warum schafft Patrick Fischer mit seinem Team den letzten, entscheidenden Schritt einfach nicht? Warum wird in der Schlussphase ein 2:0 noch aus den Händen gegeben? Das liegt doch auch am Nationaltrainer! Oder?

Nein. Die Schweizer scheitern «auf den letzten Metern» nicht wegen ihres Coaches. Sie sind vielmehr dank ihres Coaches so nahe ans Ziel herangekommen. Sie sind in allen diesen Hockeydramen noch nie defensiv gescheitert und haben nicht mehr Fehler gemacht als zu einem Hockeyspiel auch bei den Besten einfach dazugehören. Unter Patrick Fischer hat die Mannschaft ihren unverwechselbaren Stil gefunden – Laufen, Laufen, das Spektakel vors gegnerische Tor tragen, das Spiel des Gegners mit tiefem Forechecking an der Wurzel packen. Das entlastet die Abwehr und erleichtert es, die defensive Ordnung zu wahren.

Switzerland's Jonas Siegenthaler (71) challenges for the puck Finland's Mikko Rantanen (96) during a men's ice hockey quarterfinal game between Finland and Switzerland at the 2026 Winte ...
Defensiv absolute Weltklasse: Die Schweizer Verteidiger um Jonas Siegenthaler hielten Finnland mit Superstar Mikko Rantanen in Schach ...Bild: keystone

Wer in einem Final noch nie mehr als zwei Gegentore zugelassen hat – 2024 fiel das 0:2 sogar ins leere Tor – hat defensiv alles richtig gemacht. Aber zum Sieg, zum finalen Triumph, reicht es nur, wenn in einem Final – oder einem olympischen Viertelfinal mit allen NHL-Titanen – mehr als zwei Treffer erzielt werden. Die Defensive – also strukturiertes Spiel, Disziplin – ist lernbar und kann vom Coach einem Team beigebracht werden. Sie ist mehr Arbeit als Kunst.

epa12755398 Sandro Schmid of Switzerland (L) in action against goalkeeper Juuse Saros of Finland (R) during the Men's Ice Hockey quarterfinal match between Finland and Switzerland at the Milano C ...
... doch sie schafften es nicht, das so wichtige dritte Tor zu erzielen (Bild: Sandro Schmid scheitert an Finnland-Goalie Juuse Saros).Bild: keystone

Die Offensive nicht. Sie ist mehr Kunst als Arbeit und ihre Grundlage pures Talent. Talent ist ein Geschenk der Hockeygötter und nur schleif- aber nicht lernbar. Patrick Fischer hatte noch nie mehr als zwei Linien zur Verfügung, die das Talent haben, um auf höchstem Weltniveau verlässlich Tore zu erzielen. Die Schweizer sind 2018, 2024, 2025 und jetzt in Mailand in allererster Linie in der Offensive gescheitert.

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