Eine respektlose «Milchbüchlein-Rechnung» und Finnlands NHL-Titanen auf einer Mission
Eigentlich haben die Finnen heute Dienstag einen freien Tag. Sie sind direkt für den Viertelfinal qualifiziert. Aber bei Olympischen Spielen ist in der entscheidenden Phase des Turniers jeder Tag ein Arbeitstag. Die Finnen müssen üben für den Viertelfinal vom Mittwoch. Sie tun das während der Partie Schweiz gegen Italien in der Trainingshalle nebenan.
Die Schweizer führen schon nach einem Drittel 2:0 (am Ende werden sie 3:0 gewinnen) und ein Spektakel wird nicht geboten. Hier ist es nicht möglich, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Also verschiebt sich der Chronist in die provisorische Eisbahn in der Halle nebenan. Um ein wenig das Training der Finnen zu beobachten. Sozusagen als Operetten-Scout.
Das Training ist recht intensiv. So wie halt Trainings sind. Rein rechnerisch brauchen die Finnen mit ziemlicher Sicherheit mehr Energie als drüben die Schweizer gegen Italien: Das Training dauert rund eine Stunde, jeder ist also 60 Minuten lang mehr oder weniger permanent im Einsatz. Es gibt nur hin und wieder kurze Unterbrüche zwecks Korrekturen oder taktischer Erklärungen. Wie Trainings halt so sind.
Bei den Schweizer muss gegen Italien hingegen keiner länger als 20 Minuten die Beine bewegen und sogar Roman Josi, der wieder am meisten Eiszeit schultert, begnügt sich gegen Italien mit 19:48 Minuten. Kommt dazu: spätestens nach zwei Minuten Anstrengung darf sich jeder wieder auf der Bank ausruhen. Und als Anmerkung: Es gibt in diesem Training gepflegtere Auslösungen zu sehen als zuvor drüben im ersten Drittel von den Schweizern gegen Italien.
Aber das ist natürlich eine respektlose Milchbüchlein-Rechnung und die Anmerkung ebenso. Aber es ist wie es ist.
Für zwei finnische Feldspieler dauert das Training etwas länger. Mikko Lehtonen (32) von den ZSC Lions und Oliver Kapanen (22) von den Montreal Canadiens schieben eine kleine Sonderschicht. Sie brauchen Bewegung. Weil sie in den bisherigen Partien praktisch nie oder gar nicht zum Einsatz gekommen sind. Was bei Oliver Kapanen erstaunt. Er hat noch nicht eine einzige Sekunde gespielt. Noch schlimmer: Ein Spiel sass er auf der Spielerbank und durfte nicht eine einzige Sekunde aufs Eis. Die zwei restlichen Partien hat er auf der Tribüne verfolgt.
Das ist wahrlich bemerkenswert. Immerhin hat er diese Saison für Montreal bereits 18 Tore erzielt. Mehr als Timo Meier (14), Roman Josi (11) oder Nino Niederreiter (8). Wie ausgeglichen muss eine Mannschaft sein, in der ein solcher NHL-Titan noch eine ärgere Statistenrolle hat als ein ZSC-Verteidiger? Und wie stark muss die Autorität von Nationaltrainer Antti Pennanen sein, dass er einem NHL-Star diese schmähliche Nebenrolle zuweisen kann? Ach, was wäre das für eine Polemik rund um Patrick Fischer, wenn er Timo Meier, Nico Hischier oder Nino Niederreiter zu einer Statistenrolle degradieren würde! Wir wollen besser nicht grübeln.
Hingegen ist logisch, dass Mikko Lehtonen von den ZSC Lions keine Rolle spielt. Er ist der Einzige im Team, der sein Geld nicht in der NHL verdient. Weil er bei seinem ersten Einsatz im ersten Spiel gleich das 0:1 gegen die Slowakei verschuldete, ist er insgesamt an diesem Turnier nur auf 7:28 Minuten Eiszeit gekommen.
Die Laune lässt er sich nicht verderben und plaudert nach dem Training in der Mixed-Zone freundlich mit dem Chronisten aus der Schweiz. Die Hoffnung ist ja, die Finnen könnten ein wenig arrogant sein. Was die Chancen der Schweizer erhöhen würde. Aber davon will der ZSC-Verteidiger nichts wissen. Sein freundliches Lob über das Schweizer Eishockey ist echt. Wie fühlt er sich in der finnischen Kabine unter lauter Multimillionären? Anders als der ZSC-Kabine? «Nein, nein, überhaupt nicht. Wir sind ein Team und da spielt es keine Rolle, woher einer kommt und was er verdient.»
Er wird auch gegen die Schweiz nicht zum Zuge kommen, aber helfen könnte er trotzdem. Wird er vom Coach oder den Mitspielern gefragt, worauf man bei Sven Andrighetto aufpassen sollte oder wie den Checks von Christian Marti ausgewichen werden kann? «Nein, es hat mich noch niemand gefragt. Aber klar, ich könnte Auskunft geben.» Mit Christian Marti habe er sich im Olympischen Dorf schon ausgetauscht. Über Martis Arbeit als Förster im Wald? «Nein, einfach darüber, wie wir das Turnier hier erleben.»
Der freundliche Titan Granlund zerstreut seinen ehrlich gemeinten Respektsbezeugungen für die Schweizer die letzten Hoffnungen, Finnland könnte die Partie doch ein wenig auf die leichte Schulter nehmen. Da ist nämlich noch etwas: Die Olympische Magie. Finnland ist ohne NHL-Spieler vor vier Jahren in Peking Olympiasieger geworden und hat auf dem Weg zu Gold die Schweiz im Viertelfinal mit 5:1 vom Eis gefegt.
Nun sind Finnlands NHL-Stars hier in Mailand auf einer Mission. Das macht es für die Schweizer noch schwerer.
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