Ach, die Schweden. Diese ewigen Eishockey-Ästheten und -Besserwisser. Sie betreten das Eis mit der Überheblichkeit von taktischen Akademikern. Sie pflegen ein Eishockey wie aus einem Ikea-Katalog: formschön, funktional, einwandfrei. Ihre Taktik? Eine mathematisch präzise Symphonie. Ihre Technik? So sauber wie ein schwedisches Wohnzimmer.
Und doch: Immer wenn’s ernst wird, wenn’s kracht, wenn man für den Puck durchs Feuer gehen muss, wenn Leidenschaft, Härte, Dynamik, Geradlinigkeit wichtiger werden – dann stehen sie da, mit grossen Augen wie Elche bei einem heranbrausenden Volvo und fragen sich, warum der Gegner plötzlich nicht nach Lehrbuch spielt.
Eishockey ist kein taktischer Eurovision Play Contest. Manchmal ist ein heldenhaft erkämpfter Puck mehr wert als ein perfekter Spielzug. Elegantes Gleiten übers Eis reicht nicht. Es wird eben auch geschoben, gehalten, geschlagen, gehobelt.
Die Schweden verlieren nicht regelmässig schmählich, weil sie hockeytechnisch unterlegen sind. Ganz im Gegenteil. Sie verlieren, weil sie glauben, sie seien zu gut. Zu gut für Emotion. Zu gut für Blut, Schweiss und Tränen. Hockey-Technokraten ohne Herz.
Noch nie in der Geschichte ist ein Favorit im eigenen Land in einem entscheidenden Spiel so arrogant aufgetreten wie die Schweden gegen die Amerikaner. Keine Emotionen, keine Intensität, lediglich drei (!) Torschüsse im ersten Drittel – im ausverkauften Stadion vor einheimischem Publikum. Und als es im Schlussdrittel gelingt, in 41 Sekunden von 0:4 auf 2:4 zu verkürzen und noch gut 12 Minuten bleiben, um eine wundersame Wende herbeizuführen, da genügt ein Timeout des amerikanischen Coaches, um dieses Strohfeuer zu löschen. Mit dem 5:2 (52.) ist alles vorbei.
Eine Schmach, die vielleicht nur noch vom blamablen Scheitern beim Olympischen Viertelfinal von 2002 in Salt Lake City übertroffen wird. Da verloren die Schweden mit allen NHL-Profis gegen Weissrussland 3:4. Aber das war wenigstens im fernen Amerika.
Diese Arroganz ist ganz besonders ausgeprägt seit den Jahren des grossen Ruhmes mit drei WM-Titeln (2013, 2017, 2018) in sechs Jahren. Die Bilanz seit 2018 ist nachgerade verheerend: Viertelfinal-Pleite 2019 gegen Finnland (4:5), 2021 nicht einmal im Viertelfinal, 2022 ausgeschieden im Viertelfinal gegen Kanada (3:4), 2023 schmählich verloren im Viertelfinal gegen Lettland (1:3) und immerhin unter dem neuen Nationaltrainer Sam Hallam als Trostpreis WM-Bronze vor einem Jahr.
Ach, wie sind die Schweden vor und während dieser WM gerühmt worden. Ihre Posturen, ihre Technik, ihre Spielintelligenz, ihre Taktik, ihre Lauf- und Schusstechnik – zeitweise tönte es so, als habe Schweden unter Sam Hallam das Eishockey neu erfunden.
Es hat Warnzeichen gegeben. Gegen Österreich lagen die ruhmreichen Schweden in den Gruppenspielen bis zur zweitletzten Minute 1:2 im Rückstand. Dass es dann doch noch gelang, mit 3 Toren in 58 Sekunden die Partie mit 4:2 zu gewinnen, dürfte die Arroganz noch verstärkt haben.
Aber wer mag den Spielern einen Vorwurf machen, wenn ihr Cheftrainer in seiner Arroganz bereits ab 2026 bei Servette unterschrieben hat, um endlich als Trainer so richtig Geld zu verdienen? Servettes smarter Sportchef Marc Gautschi sollte in den nächsten Tagen bei den Bürogenerälen des schwedischen Verbandes anrufen. Vielleicht kann er Sam Hallam schon für nächste Saison haben.
Und die Amerikaner? Sie haben geradliniges, mutiges, erfrischendes, ehrliches, einfaches, klares und wahres Hockey gespielt. Sie haben mehr Zweikämpfe, mehr Bandengeschiebe und mehr Laufduelle gewonnen. Welch ein Gegensatz zum blutleeren «Johan-Lundskog-Hockey» der Schweden – um einen Vergleich aus unserer Liga zu bemühen.
Da es in ihrer Heimat niemanden kümmert, wie weit die Amerikaner bei einer WM kommen, sind sie gegen Arroganz weitgehend geimpft. Zum ersten Mal seit Einführung des aktuellen Modus haben sie nun den WM-Final erreicht. 1960 waren sie zum bisher letzten Mal Weltmeister und Olympiasieger – damals zählte das Olympiaturnier auch als Weltmeisterschaft. 1980 holten sie olympisches Gold, 1972, 2002 und 2010 olympisches Silber. Die letzte WM-Medaille datiert von 2021 in Riga (Bronze).
PS: Die Amerikaner waren in den Gruppenspielen gegen die Schweiz am 12. Mai in Herning chancenlos und verloren 0:3. Und 2013 waren sie im WM-Halbfinal hier in Stockholm gegen die Schweiz ebenso chancenlos (0:3).