Grandiose WM-Hauptprobe und trotzdem eine bange Frage
Ängelholm war in den letzten Tagen mehr als ein Ort an der südschwedischen Küste. Mehr als die letzte Station vor dem WM-Start am nächsten Freitag in Zürich gegen die USA. Ängelholm war ein Versprechen: Weltmeister. Für unser Hockey ein Wort wie aus einer fremden Sprache. Noch immer.
Dieser Sonntagnachmittag gegen Tschechien! 6:1! Sogar ohne unsere geschonten NHL-Titanen Roman Josi, Nino Niederreiter, Timo Meier und Nico Hischier. Ein Resultat wie ein Donnerschlag über einem stillen See.
Ein Resultat mit historischen Dimensionen. Es ist der höchste Sieg gegen diesen Gegner seit mehr als hundert Jahren: In der offiziellen Länderspiel-Statistik finden wir ein 8:2 vom 24. Januar 1909. Damals gab es weder Tschechien noch die Tschechoslowakei, aber den 1908 gegründeten Eishockey-Verband Böhmen, die Wiege der tschechischen Hockey-Kultur. Deshalb wird dieses 8:2 als Sieg gegen Tschechien gewertet.
Die Schweizer spielen zum Abschluss der WM-Vorbereitung mit der Gelassenheit und Selbstverständlichkeit eines Titelanwärters. Der Puck läuft schnell und präzis. Die Kombinationen haben diese seltene Eleganz, die erst aus der Verbindung von Talent und Selbstvertrauen entsteht. Hockey wie ein Kammerorchester: technisch fein, rhythmisch sicher, elegant und mit erstaunlichen Automatismen.
Nie zuvor in der Geschichte sind die Tschechen von den Schweizern so dominiert, zerlegt, entwaffnet worden. Für einmal spielt es keine Rolle, wer das Tor hütet: Sandro Aeschlimann muss nicht hexen. Ohnehin ist klar, dass er bei der WM hinter Leonardo Genoni und Reto Berra die Nummer drei sein wird.
Zur grandiosen WM-Hauptprobe passt ein wundersames Comeback: Sven Andrighetto ist wieder da. Und er ist bei seinem Comeback gleich der wahre Sven Andrighetto. Er ist bei drei Treffern auf dem Eis und beim 4:1 versenkt er ein Zuspiel von Denis Malgin mit Direktschuss. Der Puck schlägt wie der Blitz im Netz ein. Er sagt auf eine entsprechende Frage, der wahre Sven Andrighetto sei er noch nicht. «Ich muss den Rhythmus noch finden.» Aber ansonsten sei er wieder hundertprozentig fit. Keine Selbstverständlichkeit.
Am 25. März stösst er im dritten Viertelfinalspiel gegen Lugano mit einem Mitspieler zusammen. Hirnerschütterung. Für die ZSC Lions kann er nicht mehr spielen. Aber er wird ins WM-Vorbereitungsprogramm integriert, darf aber lange Zeit nur mit den Torhütern zum Schusstraining aufs Eis. Erst in der finalen Phase der Vorbereitung ist er dazu in der Lage, das Training mitzumachen.
Nun hat er den finalen Test im Spiel gegen Tschechien bestanden. Er wird bei der WM ein Schlüsselspieler sein: Kein anderer Stürmer beherrscht die Kunst des Direktschusses so virtuos und er verändert das Powerplay wie ein Dirigent den Klang eines Orchesters.
Und doch gibt es keinen Grund zur Euphorie. Die Umstände haben die Schweizer begünstigt. Sie sind in Ängelholm praktisch mit dem WM-Team angetreten. Definitiv kommt nur noch NHL-Verteidiger Janis Moser zum Team, offen ist lediglich die Freigabe für Philipp Kurashev. Die Finnen, Schweden und Tschechen erwarten hingegen noch sechs bis acht Verstärkungen.
So vollständig war unser WM-Team in der Neuzeit zu diesem frühen Zeitpunkt noch nie. Und so ist die bange Frage berechtigt: Sind die Schweizer gestern gegen die Tschechen zu hoch geflogen? Jan Cadieux hat keine Flugangst: «Jeder in der Kabine kann die Leistung richtig einschätzen. Wir hatten uns vorgenommen, von Anfang an mit hoher Intensität zu spielen. Das ist uns gelungen.» Aus der Sicht des Nationaltrainers, der in seinem Wesen und Wirken von Tag zu Tag lockerer und souveräner wird: Test bestanden. Mehr nicht.
Da war in Ängelholm nämlich auch die zweite Partie am Samstag gegen Schweden (0:3). Die intensivste der gesamten Vorbereitung. Die Schweizer haben nicht nur verloren. Sie hatten nie eine echte Chance. Vom spielerischen Glanz aus dem ersten Spiel gegen Finnland (5:4 n. P.) und dem Schlussfeuerwerk gegen Tschechien war nichts zu sehen.
Vielleicht liegt die Wahrheit dieser schönen Tage von Ängelholm nicht im 6:1 gegen Tschechien. Sondern im 0:3 gegen Schweden am Tag davor. Dort, wo der Glanz verschwand. Dort, wo Hockey nicht mehr elegant, sondern mühselig war. Die intensivste Partie der ganzen Vorbereitung. Die Schweizer hatten nie wirklich eine Chance. Keine Räume. Keine Eleganz. Kein Schweben.
Weltmeisterschaften werden spätestens ab dem Viertelfinal nicht dort entschieden, wo Hockey glänzt. Sondern dort, wo Hockey schmerzt. Vor den Toren. An den Banden. Im Gedränge. Dort, wo aus Technik Überleben wird.
Die alles entscheidende Frage ist also im Hinblick auf die WM: Kann die spielerische Herrlichkeit mit genügend «Schleifpapier», Wasserverdrängung und Härte veredelt werden? NHL-Verteidiger Jonas Siegenthaler sowie Andrea Glauser und Michael Fora, die beiden bissigsten, härtesten Verteidiger unserer Liga, fehlen verletzungsbedingt. Raue Kerle, die schon geholfen haben, bei der WM Silber zu schmieden. Die dann die Differenz machen können, wenn es allenthalben eng, hektisch und unübersichtlich wird. Medaillen werden geschmiedet, nicht herausgespielt.
Die schönen Tage von Ängelholm auf den Punkt gebracht: Spielerisch gut genug, um erstmals Weltmeister zu werden, aber auch hart genug?
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