Ein perfektes Aufgebot mit Tücken
Auf den ersten Blick wirkt Patrick Fischers Olympia-Aufgebot so erwartbar wie der Hochnebel im Januar. Keine Überraschungen. Keine Experimente. Keine Gründe für eine Polemik. Die Schillerfalter der heimischen Liga, bleiben zu Hause. Zu weich, zu leicht, zu wenig widerstandsfähig für ein Turnier der besten Spieler der Welt (also der NHL-Stars), das nicht nur gespielt, sondern überstanden werden will und härter, intensiver als jede WM wird.
Selbst Théo Rochette, Liga-Topskorer, der die Leichtigkeit des Seins und der Vollendung des finalen Torschusses verkörpert wie sonst niemand mit Schweizer Pass, darf nicht nach Mailand reisen. Immerhin: Wenn es nicht so läuft wie erwartet, gibt es im Welschland hinterher einen Grund zur Polemik. Aber keinen Grund zu seriöser Kritik: Patrick Fischer hat bei seinem Aufgebot alles richtig gemacht. Oder gilt der Einwand: Ist nicht auch Denis Malgin ein Schillerfalter? Nein. Er stürmt zwar mit der Eleganz eines Schillerfalters. Aber anders als Théo Rochette hat er in mehr als 250 NHL-Partien bereits bewiesen, dass er rumpelfest ist. Und ein Leitwolf ist er auch.
Verteidiger: Tim Berni (Genève-Servette HC), Michael Fora (HC Davos), Andrea Glauser (HC Fribourg-Gottéron), Roman Josi (Nashville Predators), Dean Kukan (ZSC Lions), Christian Marti (ZSC Lions), Janis Moser (Tampa Bay Lightning), Jonas Siegenthaler (New Jersey Devils)
Stürmer: Sven Andrighetto (ZSC Lions), Christoph Bertschy (HC Fribourg-Gottéron), Kevin Fiala (Los Angeles Kings), Nico Hischier (New Jersey Devils), Ken Jäger (Lausanne HC), Simon Knak (HC Davos), Philipp Kurashev (San Jose Sharks), Denis Malgin (ZSC Lions), Timo Meier (New Jersey Devils), Nino Niederreiter (Winnipeg Jets), Damien Riat (Lausanne HC), Sandro Schmid (HC Fribourg-Gottéron), Pius Suter (St. Louis Blues), Calvin Thürkauf (HC Lugano)
Alles klar? Kein Problem? So einfach ist die Sache für Patrick Fischer dann doch nicht. Ja, er hat ein perfektes Olympia-Aufgebot gemacht. Und doch ist es eines mit Tücken. Die olympische Schicksalsfrage steht nämlich nicht auf dem Aufgebots-Blatt. Sondern zwischen den Pfosten. Dort, wo das Turnier sich verdichtet, wo Sekunden zu Ewigkeiten werden und ein einziger Fehler alle Hoffnungen auslöschen kann. Die Frage: Wer wird die Nummer eins im Tor?
Auf der einen Seite Akira Schmid (25), der Mann der Zukunft, der aufstrebende Titan aus der NHL, aber noch nie an einem Titelturnier die Nummer 1. Auf der anderen Seite Leonardo Genoni (38). Erinnerungen haben ihm nach 2018 und 2022 das dritte Olympia-Aufgebot beschert. Sein Mythos lebt. Der WM-Silberheld von 2018, 2024 und 2025, bei der letzten WM mit Lob und Preis überhäuft: Bester Torhüter des Turniers und MVP. Mehr geht nicht.
In der aktuellen Meisterschaft sind sechs Goalies statistisch besser als er und die Krise beim EV Zug vermag auch er noch nicht zu beenden. Reto Berra, gleich alt wie Leonardo Gennoni, ist der dritte Mann. In der Meisterschaft der konstanteste, beste Torhüter. Aber er wird, wenn alles in geordneten Bahnen läuft, in Mailand keine Rolle spielen. Wenn er auf einmal die Nummer 1 sein sollte, dann gibt es wohl keinen olympischen Ruhm. Wer mag, kann kritisieren: Warum ist nicht Stéphane Charlin (25) der dritte Mann? Turniererfahrung täte ihm gut. Neben Akira Schmid ist er der Mann der Zukunft. Aber das ist nur eine Randnotiz.
Leonardo Genoni hat Patrick Fischer eigentlich noch nie enttäuscht. Genoni gut, alles gut. Und als der Nationaltrainer im WM-Viertelfinal 2023 gegen Deutschland nicht Leonardo Genoni, sondern Robert Mayer, 2023 Meister und Mann der Stunde, vertraute, war die Folge eine der bittersten Niederlagen seiner Karriere.
Alles läuft auf diese eine Frage hinaus: Akira Schmid oder Leonardo Genoni? Vielleicht beginnt Patrick Fischer das Turnier mit Genoni, weil Vertrauen und Vergangenheit schwerer wiegen als NHL-Tauglichkeit. Vielleicht endet es mit Schmid, weil sich in den drei Vorrunden-Partien zeigt, dass die ruhmreichste Ära unserer Hockey-Geschichte – die Ära Genoni – zu Ende geht und eine neue beginnt. Das ist der Vorteil: In den drei ersten Partien (die erste am 12. Februar gegen Frankreich) entscheidet sich nur, ob die Schweizer direkt in den Viertelfinal kommen oder den Umweg über die Qualifikation nehmen müssen.
Für die Schweizer gilt bei einem Titelturnier auch mit allen NHL-Stars. Ein guter Torhüter ist nicht alles, aber ohne guten Torhüter ist alles nichts.
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