Die Schweizer Frauen haben jetzt ein Goalie-Problem
Eigentlich schien alles klar: Andrea Brändli ist die Nummer 1. Punkt. Sie vollbringt in der schwedischen Meisterschaft mit einer Fangquote von über 94 Prozent Wunderdinge. Und SCB-Meistergoalie Saskia Maurer ist eine sehr solide Nummer 2. «Wir haben eine 1a und eine 1b im Tor», freute sich Colin Muller vor dem Olympischen Turnier.
Aber dann erwischt Andrea Brändli den Noro-Virus, kann die zwei ersten Partien gegen Tschechien (4:3 n.P.) und Kanada (0:4) nicht bestreiten. Saskia Maurer hext vor allem gegen die Kanadierinnen auf Weltklasseniveau. Der Noro-Virus hat ihr unverhofft eine olympische Chance beschert und sie packt diese Chance. Im dritten Spiel gegen die USA (0:5) ist Andrea Brändli wieder einsatzfähig. Und auch sie spielt ihr bestes Hockey.
Was nun? Die Torhüterfrage ist im letzten Gruppenspiel gegen Finnland (Dienstag, 21.10 Uhr) und dann vor allem im Viertelfinal entscheidend. Wer ist die bessere Torhüterin? «Ich weiss es wirklich nicht», sagt Colin Muller nach dem 0:5 gegen die USA sichtlich ratlos. Der Noro-Virus hat ihm ein Goalie-Problem beschert. Vielleicht wirft er eine Münze. Wie einst Arno Del Curto, als er im Playoff-Final von 2009 gegen Kloten nicht wusste, ob er Leonardo Genoni oder Reto Berra einsetzen soll. Und Meister wurde.
Gegen Finnland geht es vorerst um die bessere Ausgangslage. Bei einem Sieg wäre die Aufgabe im Viertelfinal mit Schweden aus der unteren B-Gruppe einfacher. Im Falle einer Niederlage käme es zu einem Wiedersehen mit einem Gegner der oberen A-Gruppe (Finnland oder Tschechien).
Gegen die USA hat die Schweiz – wie gegen Kanada – noch nie gewonnen (10 Spiele 3:66 Tore). Trotz der 0:5-Niederlage waren gegenüber dem Spiel gegen Kanada (0:4) klare Fortschritte im spielerischen Bereich zu erkennen: 21 Torschüsse (21:50), so viele wie noch nie gegen die Amerikanerinnen. Gegen Kanada waren es nur 6 (6:55).
Die Schweizerinnen können also doch offensiv. Sie sind dazu in der Lage, sich auch gegen starke Gegenwehr aus der eigenen Zone zu lösen. Beim Stand von 0:1 hatten sie bei einem Pfostenschuss von Ivana Wey Pech. «Der Treffer hätte die Fans ganz auf unsere Seite gebracht und wohl einen Energieschub ausgelöst», haderte Colin Muller mit den Hockeygöttern. Und auch mit der Technik.
Immerhin kam die Bildermaschine wieder in Gang und mit einer Coaches Challenge konnte das 0:4 vorerst verhindert werden.
Die Torhüterinnen und die Verteidigerinnen haben ihre Tauglichkeit gegen Kanada und die USA weitgehend bewiesen. Die Entscheidung fiel in beiden Partien erst im dritten Drittel. Nun hängt gegen die europäischen Teams das Glück von der Offensive ab.
Lara Stalder ist die Topskorerin unserer Meisterschaft und Alina Müller die beste Torschützin bei Boston in der nordamerikanischen Profiliga. Die beiden spielen in der Offensive eine ähnlich zentrale Rolle wie die NHL-Stürmer bei den Männern. Aber wer trifft, wenn es den gegnerischen Teams gelingt, unsere zwei treffsichersten Stürmerinnen zu neutralisieren? Bisher hat erst Alina Müller gegen Tschechien getroffen.
Colin Muller ist also nicht nur bei der Goalie-Wahl gefordert. Er muss auch Mittel und Wege finden, um mit schlauem Coaching seiner besten Sturmlinie mehr Zeit und Raum zu verschaffen. Und auch da ist er noch auf der Suche nach Lösungen.
Um Lösungen zu finden ist er bezahlt. Sonst müsste er bloss das Bandentürchen auf- und zumachen. Die richtige Goalie-Wahl und geschicktes Coaching sind die Schlüssel zum Gewinn der zweiten Bronze-Medaille nach 2014. So gut wie damals Florence Schelling sind Andrea Brändli und Saskia Maurer auf jeden Fall.
