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Am Ende dieser SCB-Entwicklung steht ein gröberes Torhüter-Problem

Sven Senteler, mitte, von Zug im Spiel gegen Torhueter Adam Reideborn, links, und Benjamin Baumgartner, rechts, von Bern beim Eishockey Playoff 1/4 Final Spiel 3 der National League zwischen dem EV Zu ...
Der SCB-Goalie Adam Reideborn zeigt Schwächen.Bild: keystone
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Am Ende dieser SCB-Entwicklung steht ein gröberes Torhüter-Problem

Zug demütigt den SCB 6:1. Ein seltsames Spiel mit einem SCB im Operetten-Modus und Leonardo Genoni mit Red Bull in der Trinkflasche.
22.03.2024, 10:4022.03.2024, 13:41
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Nach so einem Spiel hilft einfach keine Ausrede. Keine psychologische oder sonstige Analyse. Keine Statistik und keine Erklärung mehr. Am ehesten hilft ein wenig Selbstironie oder gar Sarkasmus. Es ist einfach, wie es ist. Punkt.

So ungefähr ist die Ausgangslage für Jussi Tapola nach dem 1:6 in Zug. Er sucht gar nicht erst nach Ausflüchten und bringt es auf den Punkt: «We got outplayed, outbattled, outskated and outcoached.» Outcoached too? «Yes.» Eine wörtliche Übersetzung dieser nordamerikanischen Hockeyredensart ist etwas schwierig. Sie bedeutet sinngemäss: Der SCB ist ausgespielt, überlaufen, vom Eis gearbeitet und ausgecoacht worden. Ja, ausgecoacht. Der SCB-Cheftrainer ist selbstkritisch und nimmt sich nicht aus der Verantwortung. Grosse Trainer sind auch in der Niederlage souverän. Das ist bei Zugs Dan Tangnes nicht anders.

Der SCB war nur die ersten 30 Sekunden ein ebenbürtiger Gegner. Dann misslingt gegen ein starkes, konzentriertes, dominantes Zug alles. Das Resultat ist – natürlich – in erster Linie einer starken Leistung der Zuger geschuldet. Aber eben auch einem völligen Versagen der Berner. Der Zusammenbruch kommt für Jussi Tapola überraschend. Weder beim Warm-up am Vormittag noch beim Einlaufen vor dem Spiel habe sich dieses Debakel abgezeichnet.

Berns Head Coach Jussi Tapola beim Eishockey-Qualifikationsspiel der National League zwischen dem HC Ajoie und dem SC Bern, am Donnerstag, 29. Februar 2024, in der Raiffeisen Arena in Porrentruy.(KEYS ...
Jussi Tapola zeigt sich nach der Pleite in Zug selbstkritisch.Bild: keystone

Bei einem emotionalen, schnellen und unberechenbaren Spiel auf einer rutschigen Unterlage, das gerade in Zeiten der Playoffs nicht nur mit den Armen und Beinen, sondern ebenso in den Köpfen entschieden wird, sind solche Resultate möglich. Mit der Gnade und Chance zur sofortigen Korrektur.

Der SCB findet Trost in der Geschichte. Auf den Tag genau vor 11 Jahren verliert der SCB am 21. März 2013, am Frühlingsanfang, das zweite Halbfinalspiel in Zug mit 2:8. Der SCB hatte die erste Partie 4:3 gewonnen. Je zwei Zuger und zwei Berner sind heute noch dabei: Reto Suri (34) und Lino Martschini (31) beim EVZ, Tristan Scherwey (32) und Joël Vermin (32) beim SCB. Nach dem 2:6 ersetzt Trainer Antti Törmänen Marco Bührer in der 48. Minute durch Olivier Gigon. Die Fangquoten der SCB-Torhüter: 72,73 Prozent für Bührer, 60 Prozent für Gigon. Es ist zu diesem Zeitpunkt Berns höchste Playoff-Pleite seit 23 Jahren (1:7 gegen Lugano). «Eine schlimme Geschichte», sagt Coach Antti Törmänen zum «Blick». Und Stürmer Tristan Scherwey ergänzt: «Unsere Leistung war inakzeptabel.»

Der SCB reagiert zwei Tage später, am 23. März 2013, mit einem Verlängerungssieg in Bern (3:2). Marco Bührer stoppt in gewohnter Manier nun wieder mehr als 92 Prozent der Schüsse und wird Meistergoalie. Der SCB gewinnt den Halbfinal (4:3) und holt im Final gegen Gottéron den Titel. In den Playoffs zählen eben nur Sieg oder Niederlage. Es ist völlig unerheblich, wie hoch der Sieg oder die Niederlage sind.

Die Zuger Domenico Pittis und Topskorer Linus Omark, von links, und der Berner Torhueter Marco Buehrer, rechts, kaempfen um den Puck im ersten Playoff-Halbfinalspiel der National League A zwischen dem ...
Kann sich der SCB von der Berner Wende 2013 inspirieren lassen?Bild: PHOTOPRESS

Der SCB im März 2024 also wie im März 2013? Kein Grund zur Sorge? Es gibt Parallelen. Auch jetzt hat der Coach den Goalie vom Eis geholt. Nach dem 0:3 wird Adam Reideborn in der 27. Minute durch Philip Wüthrich ersetzt. Die Fangquoten sind miserabel: 70 Prozent für Reideborn, 78,57 Prozent für Wüthrich. Auf der anderen Seite gilt: Leonardo Genoni gut, alles gut. 87,10 Prozent im ersten Spiel, 97,56 Prozent im zweiten und nun 95,00 Prozent in der dritten Partie.

Und doch ist beim SCB etwas anders als 2013. Der Schwede Adam Reideborn beansprucht eine Ausländerlizenz. Im ersten Spiel (4:3 in Zug) hält er noch passabel (89,29 Prozent), in der zweiten Partie in Bern (1:4) ist seine Leistung schon nicht mehr akzeptabel (84 Prozent) und nun in Zug blamabel (70 Prozent). Gelingt ihm in den ausstehenden Playoff-Partien keine Reaktion und Rehabilitation, dann bringt er den Schwefelgeruch des Versagens nicht mehr aus seiner Ausrüstung. Die Wahrscheinlichkeit ist dann hoch, dass er nächste Saison (sein Vertrag läuft bis 2025) eine «lahme Ente» sein wird. Am Ende dieser Entwicklung könnte ein gröberes SCB-Torhüterproblem stehen.

Der Boshafte sagt: Kein Problem, der SCB hat reiche Erfahrung in der Auszahlung und Abschiebung von ungenügenden Ausländern. Der optimistische Gerüchtemacher denkt: Warum nicht versuchen, Ludovic Waeber im Falle einer Rückkehr aus Nordamerika von den ZSC Lions zu übernehmen (dort hat er noch bis 2025 einen Vertrag), oder vielleicht gar die Option Akira Schmid prüfen? Waebers Agent Gaëtan Voisard bestätigt jedenfalls, er versuche seit Wochen, beim ZSC-Sportchef vergeblich eine Freigabe für Waeber zu bekommen. Warum nicht nächste Saison mit einem zweiten Schweizer Goalie neben Philip Wüthrich antreten?

Aber das sind provokative, ja unseriöse Gedankenspiele. Völlig fehl am Platz nach einem Spiel, das über weite Strecken beim SCB operettenhafte Züge angenommen hatte und gar nicht als Grundlage für eine krampfhaft gesuchte Polemik dienen kann. Bezeichnend dafür, dass aus diesem Spiel keine voreiligen Schlüsse gezogen werden sollten: Kurz vor Schluss (57. Minute) bringt ausgerechnet der raue, ein bisschen launische Vorkämpfer Tristan Scherwey neben dem Tor während eines Unterbruchs, auf freiem Eis, ohne bedrängt zu werden, Leonardo Genoni zu Fall. Nicht mit einem Check. Nicht mit einem Stoss. Nicht einmal mit einem Schubser. Er tippt ihn eigentlich nur an. Eine Schwalbe des Zuger Torhüters. Tristan Scherwey muss für zwei Minuten aufs Sündenbänklein.

Normalerweise löst jeder Angriff auf den Torhüter eine ordentliche, ja vaterländische Schlägerei aus. Erst recht in den Zeiten der Playoffs. Aber nichts passiert. Es ist längst nur noch ein Operettenspiel. Und einer der Berner (nicht Tristan Scherwey) bringt es hinterher mit ein wenig Selbstironie und Sarkasmus auf den Punkt: «Ach, der Genoni hatte wohl Red Bull in der Trinkflasche.»

Torhueter Leonardo Genoni von Zug beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EV Zug und dem Geneve Servette HC am Samstag, 2. Maerz 2024 in Zug. (KEYSTONE/Urs Flueeler).
Was trinkt Leonardo Genoni hier bloss?Bild: keystone

Red Bull verleiht Flügel. Den Bernern wird am Samstag ein wenig Red Bull in den Trinkflaschen guttun.

PS: Das mit dem Red Bull ist natürlich sinnbildlich gemeint: Hockeyspieler trinken während eines Spiels kein Red Bull.

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52 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Züzi31
22.03.2024 10:11registriert August 2015
Goalieproblem? Keine Ahnung wie man zu dieser Schlussfolgerung kommen kann. Gestern hat vielleicht genau ein einziger Feldspieler Einsatz gezeigt, der Rest war eine Frechheit. Da hätte der SCB auch einfach sämtliche Junioren aufstellen können. Die hätten sich wenigstens den Arsch aufgerissen.
Wäre ich Fan und vielleicht sogar noch nach Zug gereist, wäre ich gestern richtig sauer gewesen.
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ILikeTheRain
22.03.2024 10:17registriert Oktober 2020
Die Niederlage gestern auf den oder die Goalis abzuschieben ist etwas gar einfach, wurden sie doch teilweise arg im Stich gelassen.
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Romani ite domum
22.03.2024 11:28registriert April 2022
Etwas gar zu vereinfacht. Gestern war der EVZ dem SCB auf jeder Position überlegen. Da muss einiges mehr kommen von den SCB Spielern, wenn die nicht früher in die Ferien wollen.
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