Am achten Tag schuf Gott ZSC-Goalie Simon Hrubec
Es ist ein Wunder. Wie die Verwandlung von Eseln in Rennpferde. Vor einem Jahr sichert Lugano nach Rang 13 in der Qualifikation den Ligaerhalt in sechs mühseligen Playout-Partien gegen Ajoie. Die schlimmste Saison seit dem Wiederaufstieg im Frühjahr 1982. Im November wird sogar eine Zeremonie zu Ehren der Klublegende Régis Fuchs abgesagt. Die sportliche Situation sei so bedenklich, dass es nicht der Moment für Feierlichkeiten sei. Ein Zeichen der Demut. Die Wende.
Neue Trainer, neuer Sportchef, neues Glück. Ein Jahr nach dem Tiefpunkt seiner neueren Geschichte fordert Lugano die ZSC Lions auf Augenhöhe. Die Zürcher gewinnen zwar den ersten Viertelfinal 3:0. Aber das Resultat täuscht. Die vornehme, ganz der Sachlichkeit verpflichtete NZZ bringt es sogar so auf den Punkt: «Lugano war das bessere Team.»
Tatsächlich liefert die Ausreden-Industrie (die Statistik) Daten, die diese These untermauern. Mehr Torschüsse (24:21) und mehr Expected Goals (gute Abschlussmöglichkeiten) für Lugano.
Aber in den Playoffs zählt nur der Sieg. Die Statistik ist der Schönschwinger-Preis des Eishockeys. Früher ist an Schwingfesten der ehrenvollste Verlierer mit einem Preis getröstet worden. Im Eishockey tröstet die Statistik die Verlierer. Wer das Spiel gewinnt, ist besser. Punkt. Trotzdem: Das Lob gilt. Lugano hat den Doppelmeister (2024, 2025) auf Augenhöhe herausgefordert. Am Ende machen die Torhüter die Differenz. Luganos Niklas Schlegel ist zwar ein guter Goalie. Aber das 1:0 ist haltbar.
Das Spiel kann in einem Satz zusammengefasst werden: Lugano gegen Simon Hrubec. Er hat seinen Vordermännern bereits zwei Titel und den Triumph in der Champions League ermöglicht. Und jetzt den 3:0-Sieg gegen Lugano. Wahrlich, am achten Tag schuf Gott Simon Hrubec. ZSC-Trainer Marco Bayer mag zwar den Abend nicht auf seinen Goalie reduziert wissen, lobt aber seinen letzten Mann: «Es brauchte auch die anderen. Aber ja, er war sehr gut …»
Die anderen sind auch gut. Zum gefühlt ersten Mal in dieser Saison sind die Zürcher komplett angetreten. Marco Bayer bestätigt diese Vermutung: J«a, das letzten Mal waren wir wohl während der Saisonvorbereitung vollzählig.» Auch Denis Malgin ist wieder da. Er hatte beim olympischen Turnier in der Partie gegen Kanada eine Schulterverletzung erlitten. Nun zeigt sich seine zentrale Bedeutung: Er gehört zu den wenigen Spielern der Liga, die eine Mannschaft für den Gegner unberechenbar machen. Die ZSC Lions sind mit Denis Malgin ein anderes Team. Er erzielt das 1:0, das Lugano nicht mehr kompensieren kann.
Lugano hat zwar nicht gewonnen. Aber 20 Jahre nach seinem letzten Titelgewinn viel Lob und Preis verdient. Hat je eine Mannschaft in einem Jahr eine so wundersame Entwicklung gemacht? Wahrscheinlich nicht. Und es sind nicht teure Neueinkäufe, herausragende, fürstlich honorierte Individualisten, die ein neues Lugano ausmachen. Es ist eine neue Kultur. Es ist der Beweis, dass starke Persönlichkeiten eine Organisation zu verändern vermögen.
Neue Trainer, neuer Sportchef, neues Glück, neue Identität. Aus den «fetten Katzen unter Palmen» sind die «Lakers der reichen Leute» geworden. Aus Rapperswil-Jona sind Sportchef Janick Steinmann und Trainer Stefan Hedlund nach Lugano gekommen. Stefan Hedlund ist als «Associate Coach» mehr als nur ein Assistent des neuen Cheftrainers Tomas Mitell. Die beiden Schweden bilden eine doppelte Führung.
Die Lakers holen seit Jahren immer wieder ein Maximum aus ihren Möglichkeiten heraus. Luganos Disziplin, die strukturierte Spielweise, die Zähigkeit, die gesunde Härte, die Leidenschaft und die Intensität mahnen an die besten Abende der Lakers unter Cheftrainer Stefan Hedlund. Lugano hat fraglos die viel grösseren Geldspeicher und mehr Talent, als die Lakers unter Stefan Hedlund zwischen 2021 und 2024 je hatten.
Den Schweden amüsiert der Vergleich mit seinem ehemaligen Arbeitgeber: «Es ist nicht an mir, über die Parallelen zwischen den Lakers von damals und dem Lugano von heute zu sprechen. Was ich sagen kann: Diese Mannschaft hat Herz, sie hat Überzeugung, sie hat Willen. Leider haben wir heute die Tore nicht gemacht. Aber wenn wir diese Leistung die ganze Serie über abrufen können, haben wir gute Chancen.»
Luganos Steigerung personifiziert Luca Fazzini. Mit 31 spielt das Urgestein seine beste Saison (47 Punkte in der Qualifikation) und trägt das Ehrengewand des Topskorers. Kein anderer Schweizer produzierte diese Saison mehr Skorerpunkte. Luca Fazzini sei ein Vorbild, sagt Stefan Hedlund. Am Morgen stets als Erster in der Kabine. «Er spielt sensationell. Und das ist ein wichtiges Signal. In den letzten Jahren hatte Lugano Mühe damit bekundet, Spieler besser zu machen. Aber jetzt ist es anders. Die Infrastruktur ist sensationell. Und die Einstellung der Jungs ist es auch. Jeder pusht den anderen, dieser Spirit macht uns stark.»
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In der 37. Minute hätte Luganos offensiver Leitwolf beinahe ausgeglichen. Luca Fazzinis Penalty landete nur um Millimeter nicht vollumfänglich hinter der Torlinie. Simon Hrubec war machtlos.
Millimeter fehlten. Die Differenz zwischen den beiden Teams ist minim. Vielleicht geling es Lugano die ZSC Lions zu zermürben. Gut möglich, dass es ein Drama in sieben Akten (Spielen) wird. Aber am Ende läuft es eben doch auf eine einzige Frage hinaus: Kann Lugano mit Niklas Schlegel gegen Simon Hrubec gewinnen? Niklas Schlegel hat noch nie eine Playoffserie gewonnen.
