«Meisterprüfung» in Davos und eine bange Frage bei Gottéron
Die Davoser sind sozusagen auf der Autobahn zum ersten Qualifikationssieg seit 2011 gerauscht. Wer so überlegen, so unwiderstehlich durch die Saison stürmt, hat in den Viertelfinals nur ein Problem: Die gefährliche Leichtigkeit des Seins. Alles greift ineinander wie ein Präzisionsuhrwerk. Das Räderwerk ist zwischen September und März nie ins Stocken geraten, nie gab es nur die kleinsten Anzeichen einer Störung. Die einzige bange Frage: Kann der HCD auch Krise?
Manchmal gerät ein himmelhoher Favorit zum Auftakt des Viertelfinals ins Straucheln, wenn der Puck auf einmal nicht mehr seinen Weg gehen will. Unverhofft und unverschuldet. Weil Hockey eben auch für die Besten ein unberechenbares Spiel auf spiegelglatter Unterlage bleibt. Dem Gegner gelingt alles, der gegnerische Goalie steht auf dem Kopf und kleine Unzulänglichkeiten stören das eigene Spiel. Nicht mehr Taktik und Talent entscheiden über den Ausgang des Spiels. Alles ist nun Kopfsache.
So wie nun für den HCD beim Playoff-Auftakt. Zug gelingt alles. Leonardo Genoni hält alles. Die Zuger führen nach zwei Dritteln 2:0 und im richtigen Augenblick kontern sie den HCD-Anschlusstreffer: Exakt eine Minute nach dem 2:1 trifft Fabrice Herzog zum 3:1. Es läuft perfekt. Nicht einmal mehr zehn Minuten sind zu spielen. Ein Team mit so viel Erfahrung und Talent und Leonardo Genoni als Rückhalt bringt diesen Vorsprung normalerweise über die Zeit.
Aber nicht gegen diesen HCD. Was wahrscheinlich gegen jedes andere Team gereicht hätte, genügt nicht. Was folgt, ist keine filigrane Hockeykunst. Sondern eine Demonstration von Trotz, Energie und gesundem Selbstvertrauen. Die Art und Weise, wie die Davoser diese kritische Situation meistern, wie sie mit Tempo, Wucht, Leidenschaft und kühlem Verstand die Frustration wegwischen und die Wende erzwingen, ist ganz einfach grandios. Das 2:3 und das 3:3 gelingen mit sechs Feldspielern und ohne Torhüter. Die Krönung: Den Schwung nach dem Ausgleich nehmen sie mit und erzielen 54 Sekunden vor Schluss gleich noch den Siegestreffer (4:3).
Es ist die erste bestandene Meisterprüfung auf dem langen Weg zur Meisterschaft. Ein Spiel auch, das zeigt: Diese Mannschaft ist intakt. Sie ist nicht leicht zu erschüttern. Der HCD hat Fahrt aufgenommen. Trainer Josh Holden rockt.
Eine Niederlage im ersten Viertelfinalspiel bedeutet noch wenig. Mehr Ärgernis als Drama und selten entscheidend. Auch frühere Meister wie Davos (2011), die ZSC Lions (2014) oder Bern (2019) sind als Qualifikationssieger mit einer Heimpleite in die Playoffs gestartet. Also können wir nach Gottérons Fehlstart gegen die Lakers (2:5) sagen: Na und?
Oder gibt es vielleicht doch einen Grund zur Sorge? Wir werden nun eine Antwort auf eine der interessantesten Fragen dieser Saison bekommen, die bei Gottéron tabu und noch nie gestellt worden ist: Haben die «Copains» ein Problem mit ihrem Trainer?
Eine ketzerische Frage. Aber sie ist nicht ganz unberechtigt. Für Gottéron geht es um mehr als «nur» ein Vorrücken in den Halbfinal. Auf dem Spiel steht die «Mission erster Meistertitel» und die noch nicht vollendete Transformation der Leistungskultur: Der neue Trainer Roger Rönnberg ist ein charismatischer, inspirierender Kommunikator und mahnt ein wenig an eine schwedische Antwort auf Larry Huras. Aber nach innen treibt er die Verwandlung der «Copains» zu meisterlichen Titanen und den Aufbau einer neuen Leistungskultur mit unerbittlicher Konsequenz voran. Abgesichert mit einem Vertrag bis 2028.
Es gibt Klubkulturen, die sind so stark, dass sie jeden Trainer «schlucken», der diese Kultur zu verändern versucht. Dazu gehört Gottérons «Copains»-Kultur. Zumindest war das bis zur Ankunft von Roger Rönnberg so. Gottéron war noch nie Meister. Es gibt ganz grosse Trainer, die so stark sind, dass sie eine Kultur verändern können. Wie einst Dan Tangnes in Zug. Ist Roger Rönnberg einer dieser grossen Trainer?
Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die Begeisterung für einen so gestrengen Chef gerade bei Gottéron da und dort in Grenzen hält. Die Auftakt–Pleite gegen die Lakers kommt gerade richtig. Nun werden wir erfahren, wer recht hat. Die Skeptiker, die von leiser Unzufriedenheit in der Kabine raunen, oder die Gläubigen, die im autoritären Trainer den Architekten des ersten Meistertitels sehen.
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Es ist gar nicht so kompliziert. Wir werden die Antwort oben auf der Resultatanzeige finden.
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