Österreich ist Gruppensieger! Und zwar nicht von irgendeiner Gruppe, sondern von der Gruppe D, die neben der Gruppe B auf dem Papier als stärkste einzustufen ist – das Team von Ralf Rangnick hat auf dem Weg ins Achtelfinal Frankreich, die Niederlande und Polen hinter sich gelassen.
Wurde vor dem Turnier noch darüber diskutiert, ob man das Team als «Geheimfavorit» bezeichnen könne, sagte der ehemalige Fussballer und heutige Experte Michael Ballack im RTL-Studio nun sogar: «Jetzt zählen sie zu den Favoriten.» Ein Blick auf die Statistik und vor allem auf den Turnierbaum zeigt: So unwahrscheinlich ist ein österreichischer Finaleinzug tatsächlich nicht.
Geht es um den österreichischen Fussball und dessen glorreiche Zeiten, so muss man in den Geschichtsbüchern weit zurückblättern. Es gibt sie, die fussballerischen Glanzmomente. Zum Beispiel das «Wunderteam», das zwischen 1931 und 1933 grosse Nationen besiegte oder das «Wunder von Cordoba» als die Österreicher an der WM 1978 in Argentinien Westdeutschland besiegten.
Nur: Etwas kaufen konnte sich das Team von diesen Momenten der Euphorie nicht, denn das «Wunderteam» blieb titellos und nach dem «Wunder von Cordoba» schied das Team an der WM auf dem letzten Gruppenplatz aus.
Sehr viele Jahre später begeistert Österreich erneut mit seinem Fussball, hat die Möglichkeit, mit einem erstmaligen Viertelfinaleinzug an einer EM Geschichte zu schreiben und wer weiss, vielleicht klappt es dieses Mal gar mit der Krönung und wir sprechen bald vom «Wunder von Berlin». Denn obwohl Österreich dieser Tage auf dem Fussballplatz Spektakel bietet: Der Gewinn des EM-Titels hätte trotzdem Wunder-Charakter, auch deshalb, weil der Erfolg in Österreich noch lange keine Selbstverständlichkeit ist, wie dies in anderen, grossen Fussballnationen der Fall ist.
Österreich zeigt nicht nur guten Fussball, auch das Losglück ist dem Wunderteam 2.0 hold. Als Gruppenerster trifft Österreich im Achtelfinal nämlich auf den zweiten der Gruppe F, also auf die Türkei, Tschechien oder Georgien. Angesichts der momentanen Verfassung des österreichischen Teams sind diese Gegner durchaus bezwingbar.
In einem allfälligen Viertelfinal würde Österreich auf den Ersten der Gruppe E oder einen Gruppendritten, der Stand jetzt noch nicht bekannt ist, treffen. In der Gruppe E ist noch fast alles möglich, auf dem Papier sind aber Belgien und Rumänien die stärksten möglichen Gegner.
Meistert Österreich auch diese Hürde, würde es im Halbfinal auf den Ersten der Gruppe C, den Zweiten der Gruppe A, den Zweiten der Gruppe B oder den Dritten der Gruppe D, E oder F treffen. Die wahrscheinlichsten Gegner wären hier England, Italien, aber auch ein Duell mit der Schweiz wäre möglich.
Abgesehen von Spanien und auch Deutschland konnten die üblichen Verdächtigen auf den Europameistertitel an diesem Turnier noch nicht wirklich überzeugen. Glück für Österreich: Sowohl Spanien als auch Deutschland und Frankreich befinden sich in der anderen Hälfte des Tableaus.
Insbesondere das Spiel gegen die Niederlande hat gezeigt: Österreich hatte in der Vorrunde nicht einfach Glück, sondern weiss sich das Glück auch zu erarbeiten. Zweimal gelang der Niederlande gestern der Ausgleich, zweimal legte unser Nachbar wieder vor. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Österreich gestern aus Angst vor einer Achtelfinal-Sperre in der Startformation auf die Teamstützen Christoph Baumgartner und Konrad Laimer verzichtete. David Alaba und Xaver Schlager verpassen aufgrund von Verletzungen gar das ganze Turnier.
Was in der offiziellen UEFA-Statistik auffällt: In Sachen Passgenauigkeit und Ballbesitz gehört Österreich mit den Plätzen 14 und 12 nicht zu den Topteams. Hier befinden sich eher die klassischen Favoriten im vorderen Bereich. Und trotzdem kann Österreich Chancen kreieren und weiss diese auch zu verwerten. Das Team von Ralf Rangnick hat schon sechs Tore erzielt – nur Deutschland (acht Tore) ist treffsicherer.
In zwei Statistiken ist Österreich gar top: Kein Team ist in Sachen Tacklings und Balleroberungen besser als Österreich. Und: In keiner der von der UEFA erfassten Spielerstatistiken taucht ein Österreicher in den Top-5 auf. Für die sechs Tore in der Vorrunde zeichneten sechs verschiedene Spieler verantwortlich. Das zeigt auch, dass Österreichs Vorrunden-Erfolg nicht etwa auf der individuellen Klasse einiger weniger, sondern eher auf einer ansprechenden Teamleistung fusst.
Ralf Rangnick ist es seit seiner Übernahme des Amts als Teamchef im Jahr 2022 gelungen, das österreichische Team auch dank dem von ihm bekannt gemachten Gegenpressing in ungeahnte Höhen zu coachen. Doch auch die Erwartungshaltung in unserem Nachbarsland ist gestiegen. «Jetzt ist alles möglich», titelte die österreichische Zeitung «Der Kurier» nach dem Sieg gegen die Niederlande. Und so scheint es fast so, als ob in Österreich alles andere als der Einzug in den Viertelfinal eine Enttäuschung wäre.