Irgendwann schlägt Unzufriedenheit zuverlässig in Wut um. So geschehen auch nach dem dritten enttäuschenden Spiel des englischen Nationalteams an dieser EM. Als sich Trainer Gareth Southgate nach dem 0:0 beim englischen Anhang für die Unterstützung bedankte, wurde der 53-Jährige ausgebuht und von einigen Fans gar mit leeren Bechern beworfen.
Empty cups thrown at Gareth Southgate as he applauds the England supporters. @TheAthleticFC #ThreeLions pic.twitter.com/rvJhL6t5OL
— Dan Sheldon (@Dan_Sheldon_) June 25, 2024
Es sind unschöne Szenen, die aber einen klaren Grund haben. Das Boulevard-Blatt «The Sun» bringt diesen ziemlich deutlich auf den Punkt, wenn sie fragt: «Wie kann ein Team mit Harry Kane, Jude Bellingham und Phil Foden so schlecht sein?» Southgate habe die besten Spieler aus Premier League, Bundesliga und der spanischen La Liga zur Verfügung und schaffe es trotzdem nicht, Teams wie Slowenien zu bezwingen. Der Trainer sei derzeit ein umgekehrter Alchemist: «Er macht aus Gold einfaches Metall.»
Southgate selbst verstehe die Kritik an sich, wie er nach dem Spiel sagte. Er werde nicht davor zurückschrecken, hoffe aber vor allem, dass alle das Team weiterhin unterstützen. «Es ist besser fürs Team, wenn die Fans mich kritisieren als die Spieler», erklärte er. Jedoch merkte er auch an, dass diese Negativität trotz des Gruppensiegs ein «ungewöhnliches Umfeld» schaffe. Darin zu arbeiten sei schwierig, weshalb er stolz auf seine Spieler sei, wie sie damit umgehen und die Ruhe bewahren. Mit dieser Aussage gibt Southgate den Fans und dem durch sie entstehenden Druck eine Mitschuld an den bisher bescheidenen Resultaten.
England were booed off, and some empty cups were thrown at Gareth Southgate after their game against Slovenia.
— BBC Sport (@BBCSport) June 25, 2024
The England boss has reacted to the "unusual environment".#BBCEuros #Euro2024 #ENGSVN pic.twitter.com/drtcBxXiwE
In seinen Augen seien die negativen Reaktionen nach dem torlosen Unentschieden gegen Slowenien auch nicht vollständig gerechtfertigt. Er habe nämlich deutliche Fortschritte im Vergleich zum 1:1 gegen Dänemark gesehen – vor allem in Halbzeit zwei, «in der wir uns einige gute Chancen erspielt haben, diese leider aber nicht nutzen konnten». Die Statistiken sprechen hingegen eine etwas andere Sprache: Insgesamt kamen nur drei Schüsse aufs slowenische Tor, über 90 Minuten gesehen erreichte England nur 0,92 Expected Goals, was für ein Team mit einer solchen Offensive gegen eigentlich unterlegene Slowenen sehr enttäuschend ist.
Deshalb kommt die Kritik auch nicht nur von Seiten der Fans. Vielmehr sind auch Experten wie der frühere Nationalspieler Gary Neville enttäuscht von den Three Lions. «Wir haben riesige Talente wie Saka, Bellingham oder Foden, und wir können uns nicht leisten, sie falsch einzusetzen», sagte er bei ITV. Was er damit meinen könnte, zeigt eine Grafik von Taktik-Experte JJ Bull von «The Athletic». Darauf ist zu sehen, wo auf dem Feld sich die englischen Spieler in der ersten halben Stunde des Spiels aufgehalten haben.
Great to see Gareth Southgate picking England's most talented players and putting them in their best and preferred positions. I think this is really good, this works very well pic.twitter.com/pdNOb3Cl8g
— JJ Bull (@jj_bull) June 25, 2024
Dabei wird ersichtlich, dass die Spieler gerade im Zentrum sehr nahe beieinander stehen und vor allem der linke Flügel völlig leer ist. So können kaum Räume entstehen und müssen Spieler wie Bellingham oder Foden, die ohnehin im Fokus der Verteidiger stehen, auf noch engerem Raum agieren. Bull schrieb dazu mit ironischem Unterton: «Es ist grossartig zu sehen, dass Southgate die besten Spieler nimmt und sie in ihren liebsten Positionen spielen lässt. Ich denke, das ist sehr gut und funktioniert super.»
Das Mittelfeld steht sinnbildlich für Southgates Probleme mit dem englischen Nationalteam. Er versucht, die besten Spieler ins Team zu integrieren, schafft es aber nicht, dass diese sich perfekt entfalten können. Zu Beginn des Turniers brachte er im zentralen Mittelfeld neben Declan Rice den gelernten Aussenverteidiger Trent Alexander-Arnold, der bei Liverpool auch mal in dieser Rolle spielt, sie aber gerade dann gut besetzt, wenn er im Ballbesitz von aussen nach innen ziehen kann, anstatt ständig im Mittelfeld zu agieren. Gegen Slowenien versuchte er es dann mit Conor Gallagher, der aber so schwach agierte, dass er schon zur Pause wieder ausgewechselt wurde.
Nun könnte Southgate die Lösung aber gefunden haben, wie beispielsweise Gary Neville glaubt. So habe der für Chelseas Gallagher gekommene Kobbie Mainoo nämlich eine starke Leistung gezeigt und vor allem spielerische Akzente gesetzt, die England zuvor gefehlt hätten. «Es war eine Qual, das Spiel anzuschauen, aber in der zweiten Halbzeit wurde es deutlich besser. Es gab Ansätze, die zeigen, was wir sein könnten.» Auch Experten-Kollege Roy Keane fand, dass der Manchester-United-Jungstar «sehr souverän» wirkte.
Den zusätzlichen Zug nach vorne, den der 19-jährige Mainoo brachte, können die Three Lions auch sehr gut gebrauchen. Bisher sind sie in Sachen Schüsse nämlich auf Platz 17 der 24 EM-Teilnehmer. Acht davon haben noch gar nicht gespielt, wobei vier Teams bereits nach zwei Spielen mehr Schüsse auf dem Konto haben als England mit 29. Auch bei den Expected Goals belegen die Insulaner mit 2,26 nur Platz 19. Es sind Horror-Statistiken, die man so eher von Aussenseitern wie Georgien oder Albanien erwarten würde – beide stehen jedoch besser da, obwohl die Georgier erst zweimal im Einsatz standen.
Ein Grund für die bisher sehr harmlose Offensive ist Harry Kane. Der Mittelstürmer, der bei den Bayern 44 Tore erzielte und den goldenen Schuh für den besten Torschützen Europas gewann, kommt an der Europameisterschaft noch nicht in den Tritt. Zwar erzielte er immerhin eines der zwei englischen Tore, doch ist er ansonsten viel zu harmlos. Der 30-Jährige zeigt sich jedoch positiv. Auf X schrieb er nach dem gestrigen Spiel: «Gruppenerster. Unser Bestes kommt erst noch.»
Vielleicht behält er damit ja Recht. Aktuell klingt es aber mehr nach einer Durchhalteparole.
Wenn man nach zwei Spielen bereits qualifiziert ist trotz zwei sehr blutleeren Auftritten, würde ich für das dritte Spiel die halbe Mannschaft auswechseln und nicht nur eine Position ändern.
Southgate hat seinen Spielplan. Die Gegner wissen das genau und stellen sich darauf ein. Ein guter Trainer würde dann etwas ändern.