Als watson Österreichs Nationalteam nach dem Spiel gegen Frankreich und nun bei der Partie gegen Polen als Geheimfavoriten betitelte, war die Reaktion in den Kommentaren einstimmig. Da hiess es zum Beispiel: «Geheimfavorit Österreich? Ernsthaft?» Oder: «Habe ich was verpasst?»
Und nicht nur in der Kommentarspalte stiess der Begriff «Geheimfavorit» in Zusammenhang mit Österreich auf Ablehnung. Als Nationaltrainer Ralf Rangnick vor dem Turnier darauf angesprochen wurde, wies er den Status auch mit Blick auf die Hammergruppe mit Frankreich, der Niederlande und Polen von sich: «Gehen Sie in ein Wettbüro und fragen Sie, wie die Quoten für die vier Länder in der Gruppe aussehen. Ich glaube nicht, dass wir unter den Top zwei der Gruppe sind.»
Dass der 65-Jährige die Erwartungen etwas bremsen und somit Druck von seinem Team nehmen will, erscheint logisch. Aber spätestens seit dem 2:0-Sieg gegen Deutschland im letzten November war eigentlich klar, dass man an der EM mit den Österreichern rechnen muss. Schon die Qualifikation hatten sie mit nur einer Niederlage (2:3 gegen Belgien) souverän absolviert, ausserdem wurde Italien in einem Freundschaftsspiel 2:0 bezwungen.
Sowohl die Resultate als auch die seit Rangnicks Amtsantritt im Mai 2022 oftmals beeindruckenden Leistungen deuteten eigentlich darauf hin, dass Österreich prädestiniert ist für die Rolle als Geheimfavorit. Zumal sich im Kader viele Stammspieler von Topteams befinden. Wie zum Beispiel Dortmunds Marcel Sabitzer, Bayerns Konrad Laimer oder Leipzigs Christoph Baumgartner. Jedoch stellt sich nun eben die Frage, was einen Geheimfavoriten überhaupt ausmacht.
Klar ist: Ein Geheimfavorit darf kein waschechter Favorit sein. Deutschland, England und Frankreich kommen also nicht infrage. Ausserdem sollte es trotz des erweiterten Favoritenstatus eine Überraschung sein, wenn dieser den Titel gewinnt. Dadurch scheiden auch Portugal und Spanien aus der Verlosung aus. Weiterhin sollten die Qualitäten des Teams zumindest in gewisser Weise ein «Geheimnis» sein. Wer bei jedem zweiten Fussballfan auf der Rechnung steht, wie in den letzten zehn Jahren Belgien, kann kein Geheimfavorit sein. Neben den roten Teufeln betrifft dies in diesem Jahr auch Italien und die Niederlande.
Erst jetzt kommt man zum Kreis der Geheimfavoriten. Zu jenen Teams, denen eine Überraschung zuzutrauen ist. Den Nationen, welche die Qualität haben, in den Viertelfinal vorzustossen. Um noch weiter zu kommen, braucht es aber einen echten Exploit. Meistens gewinnen die Geheimfavoriten den Titel ja nicht, ganz leise Hoffnungen können sie sich trotzdem machen. Ergo: Der Titelgewinn ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
So ein Team ist Österreich in diesem Jahr. Die Qualitäten sind spätestens nach dem 3:1-Erfolg gegen Polen unübersehbar. Aber auch schon bei der knappen 0:1-Niederlage gegen Frankreich bereitete die ÖFB-Elf dem Gegner mit dem durch Rangnick berühmt gemachten Gegenpressing Probleme. Durch das schnelle Umschaltspiel können zudem immer wieder gute Chancen erspielt werden. Gegen die Franzosen klappte dies noch nicht so gut, im zweiten EM-Spiel dann aber schon deutlich besser.
Die Österreicher dürfen sich also durchaus Chancen ausrechnen, auch der Niederlande im letzten Gruppenspiel oder anderen Topnationen Paroli zu bieten und sie an einem guten Tag zu bezwingen. Schnappt sich Österreich Platz 2, winkt im Achtelfinal ein vermeintlich schwächerer Gegner als beim dritten Platz. Dann träfen die Ösis nämlich nicht auf einen Gruppenersten, sondern auf den Zweiten der Gruppe E mit Rumänien, der Ukraine, der Slowakei und Belgien. So wäre auch ein Viertelfinal nicht unrealistisch.
Auch Dänemark oder vor dem Turnier Kroatien kann man zu den Geheimfavoriten zählen. Dank des erfrischenden Auftritts gegen Georgien wurde auch die Türkei vermehrt als solchen betitelt. Schaut man nun auf die Wettquoten für den Titelgewinn an der Europameisterschaft, befindet sich Österreich auf Platz 9 – in etwa auf einem Level mit der Schweiz. Auch die Nati wurde in Deutschland unter anderem von der Sportschau und dem Magazin 11 Freunde als Geheimfavorit bezeichnet.
Es ist also ein dehnbarer Begriff, aber auf kaum ein Team passt er in diesem Jahr so gut wie Österreich.
Ja, sie haben einige Top-Spieler und spielen an guten Tagen mit den Grössten mit. Das trifft aber auf praktisch 2/3 aller EM Teilnehmer zu.
Eventuell weil krampfhaft bei jeder Gelegenheit das Wort Geheimfavorit nur schon im Titel stehen muss sobald es um Österreich geht. Vielleicht weil Favorit einfach falsch klingt. Vielleicht weil neben Österreich noch weitere starke Manschaften dabei sind, welche nicht nur in Testspielen die Grossen ärgern konnten
Es ist toll dass unser Nachbar nach schwierigen Jahren wieder Fussball Euphorie verspüren darf und traue ihnen einiges zu. Aber (alleiniger) Geheimfavorit auf den Titel ist zu übertrieben und unterschätzt die restlichen Teams.