Karl Egloff will in Rekordzeit zum Mount Everest – doch der Iran-Krieg bereitet ihm Sorgen
Nachts, wenn es in Höri im Zürcher Unterland still ist, verlässt Karl Egloff das Schlafzimmer und kriecht in seinem Wohnzimmer in ein kleines Zelt. Es simuliert die dünne Luft des Himalayas. Jede zweite Nacht tut der Vater von zwei Kindern das. Regelmässig trainiert er auch unter dem Zelt. Jeden zweiten Tag verbringt er bis zu 12 Stunden in dieser Welt.
Ende Januar trainierte er während Wochen in Südamerika, lief hunderte Kilometer in alpinem Gelände und absolvierte Bergintervalle. Seit Monaten hat er keinen einzigen Tag Pause gemacht. Immer mit dem Traum im Kopf, der ihn seit seiner Kindheit in Ecuador begleitet, wo ein Bild des Mount Everest in der Küche seiner Eltern hing: das Dach der Welt zu besteigen.
Egloffs Ziel: Drei Rekorde in einem Jahr
Für Egloff ist der 8848 Meter hohe Berg mehr als ein Traum, er ist Teil einer Lebensaufgabe. Er will alle Seven Summits in Rekordzeit besteigen. An vier der sieben höchsten Berge jedes Kontinents hält er die sogenannte «fastest known time» (FKT) bereits: am Kilimandscharo in Afrika, am Elbrus in Europa, am Aconcagua in Südamerika und am Denali in Nordamerika.
Nun will der 45-Jährige die drei noch fehlenden Gipfel innerhalb weniger Monate erreichen, jeweils ohne Sauerstoff. Erst den Mount Everest in Asien, im Herbst die Carstensz-Pyramide (4884 Meter, Ozeanien) und als krönender Abschluss das Vinson Massif (4892 Meter) in der Antarktis.
Die Sorge vor Stau in der Todeszone
Nicht nur der Höhe, sondern vor allem der Logistik wegen ist der Everest die grösste Herausforderung. Technisch sei dieser für ihn auf der Südseite (von Nepal) nicht schwierig, doch die vielen anderen Seilschaften führen zuverlässig zu Stau an zwei Engpässen: beim Khumbu-Eisfall kurz nach dem Basislager und beim Hillary Step kurz vor dem Gipfel. Das Problem: Wird er aufgehalten, ist nicht nur die Rekordzeit illusorisch, es wird auch gefährlich. «Wenn du dort zu lange stehen bleibst, stirbst du», sagt Egloff.
Auf diese Umstände und die Höhe hat er sich vorbereitet, so gut das geht. «Die Hausaufgaben sind gemacht», sagt er an Anfang März im Gespräch mit CH Media. Um sich im Basislager auf über 5000 Metern Höhe optimal akklimatisieren zu können, reist er bereits Anfang April nach Nepal.
Ein Pokerspiel am Berg
Doch die geopolitische Lage hat auch auf die vermeintlich entlegensten Gegenden der Welt Auswirkungen. Wer von Europa nach Nepal reisen will, tut dies über Doha, Dubai oder Abu Dhabi. Doch wegen des Krieges zwischen der USA und Israel auf der einen Seite und dem Iran auf der anderen, ist der Flugverkehr in die Golfregion derzeit stark eingeschränkt.
Egloff sagt von sich selbst, er unternehme alles, um Risiken zu minimieren und habe gerne unter Kontrolle, was kontrollierbar sei. Deshalb lässt er sich beim Rekordversuch mit Nicolas Miranda von einem Jugendfreund und internationalen Bergführer begleiten, der für ihn eine Sauerstoffflasche für den Notfall mitträgt. «Doch am Everest liegt vieles nicht in meiner Hand. Es ist für uns alle ein Poker.»
Die Lehren aus dem letzten Versuch
Schon im vergangenen Jahr versuchte er, den Mount Everest in Rekordzeit zu besteigen, doch die Karten waren schlecht. Lange wartete er vergeblich auf das stabile Wetterfenster von rund 36 Stunden. Und als sich die Saison dem Ende zuneigte und die Zeit knapp wurde, war nicht nur das Wetter, sondern auch das Bauchgefühl schlecht. Trotzdem brach Egloff auf.
Auf knapp 7000 Metern kehrte er um, weil er keine Chance sah, den Gipfel zu erreichen. Einige Aussenstehende sahen darin ein Scheitern. Egloff aber, wenn auch enttäuscht, sagt: «Ich bereue nichts und würde es wieder tun, um wertvolle Erfahrungen zu sammeln.» Er sei kein Harakiri-Bergsteiger, und «das Wichtigste ist, dass ich wieder gesund nach Hause komme.»
Die Rückendeckung von Frau Adriana
Dennoch fiel es ihm nach seiner Rückkehr schwer, die Motivation wieder zu finden, und liess er offen, ob er einen weiteren Versuch wagen würde, sein Projekt zu vollenden. Denn obwohl er sich in der besten Form seines Lebens wähnt, sagt Egloff: «Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich einen 45-Jährigen. Ich bin nicht mehr 22 und habe zwei Kinder.» Das Leben als Spitzensportler verlangt absolute Disziplin und fordert ihm viele Opfer ab.
Es war seine Frau Adriana, die ihn ermutigte, am Traum festzuhalten, dem er einen grossen Teil seines Lebens gewidmet hat. Sie wünsche ihm einen guten Tag an diesem mystischen Berg, egal ob es für den Rekord reiche.
Sein Ziel ist der Gipfel – egal wie
Wenn Karl Egloff Anfang April abreist, sind seine Schwiegereltern aus Ecuador bereits in der Schweiz, um seine Frau bei der Betreuung der Kinder zu unterstützen. Eine enorme Erleichterung, sagt Egloff, der täglich anruft. «Denn wenn ich höre, dass sie mich vermissen, frisst mich das auf.»
Auf den Berg will Egloff erst Ende Mai. Dass er bereits Anfang April nach Nepal reisen will, ist der Erfahrung aus dem Vorjahr geschuldet. Er dachte, einige Wochen würden zur Akklimatisation reichen. «Das war falsch», sagt er heute. Er schlief schlecht, verlor trotz täglichem Training in der Höhe an Leistungsfähigkeit, der Körper erholte sich nicht wie gewünscht. «Jede Nacht über 6400 Metern war ein Horror», sagt Egloff. Zudem wurde sein Begleiter krank.
Das kann auch in diesem Jahr wieder passieren, am Berg lässt sich nicht alles kontrollieren. Vielleicht endet der Versuch erneut vorzeitig. Dann, sagt Karl Egloff, würde er den Everest eben «ganz normal» besteigen – in einer Seilschaft, von Lager zu Lager und womöglich mit Sauerstoff. (aargauerzeitung.ch)

