Es war der grösste Verursacher von Schweizer Sorgenfalten vor dem Start der Europameisterschaft: das Sturmproblem. Wer soll an diesem Turnier bloss die Schweizer Tore schiessen? So lautete die drängendste Frage von Experten und Fans.
Auch wir schrieben in der Analyse vor dem EM-Start:
Mittlerweile kennen wird die Antwort auf die bange Frage: Die Schweizer Nati schiesst Tore im Gremium. In den vier bisherigen Spielen kam das Team von Murat Yakin auf sieben Treffer – und durfte dabei auf sieben verschiedene Torschützen zählen.
Beim furiosen Auftaktsieg gegen Ungarn trafen zuerst die überraschend in der Startaufstellung stehenden Kwado Duah und Michel Aebischer. In der Nachspielzeit sorgte Breel Embolo für das 3:1. Beim Remis gegen Schottland schoss Xherdan Shaqiri ein Traumtor. Gegen Deutschland war Dan Ndoye erfolgreich. Und als die Nati im Achtelfinal Italien abfertigte, schossen Remo Freuler und Ruben Vargas die Tore.
Damit ist die Schweiz in einem exklusiven Zirkel. Als einziges anderes Team an dieser Europameisterschaft kommt Spanien auf ebenfalls sieben verschiedene Torschützen (Fabian Ruiz, Rodri, Dani Carvajal, Nico Williams, Alvaro Morata, Dani Olmo und Ferran Torres). Deutschland kommt als nächstbeste Mannschaft auf sechs verschiedene Torschützen (Jamal Musiala, Kai Havertz, Niclas Füllkrug, Ilkay Gündogan, Florian Wirtz, Emre Can).
So hat die Nati den Aspekt, der ihr vor dem Turnier als Schwäche ausgelegt wurde, zu einer Stärke gemacht: Sie ist für den Gegner unberechenbar und nicht von einem einzelnen Stürmer abhängig, wie das bei anderen Teams teils der Fall ist.
Spielt vorne der körperlich starke Embolo? Er kann die Bälle in die Spitze annehmen und halten, zudem ist er kopfballstark. Spielt Duah? Er brilliert mit Tempo und gefährlichen Läufen in die Tiefe. Kommt doch Zeki Amdouni zum Einsatz? Er weicht gerne auch auf die Flügel aus.
Auf den Aussenbahnen wirbeln Vargas und Ndoye. Auch hier wissen die Gegner nie genau, was kommt. Denn gerade Ndoye kann auf beiden Flügeln spielen, während Vargas auch schon als hängende Spitze zum Einsatz kam. In der Offensive bewegt sich der nominell auf links aufgestellte Michel Aebischer ins Zentrum und sorgt dort für eine zusätzliche Anspielstation (und Abschlussgefahr). Und wenn Xherdan Shaqiri zum Einsatz kommt, dann ist er sowieso nicht an eine fixe Position gebunden, sondern bewegt sich in der Offensive in einem freien Raum.
Murat Yakin und Giorgio Contini haben es bislang sehr gut verstanden, diese Variabilität auszuspielen. Die Gegner wussten kaum jemals, was sie erwartet, und mussten sich deshalb oft während des Spiels noch anpassen. Wenn das gegen England nochmals gelingt, ist der Halbfinaleinzug ein realistisches Ziel – egal ob die Schweiz den ersten Doppeltorschützen an diesem Turnier erhält oder ob sich nochmals ein Neuling in die Torschützenliste eintragen kann.