Beim FCZ stellt jetzt sogar Trainer Hediger die Mentalität infrage
Die Formtabelle spricht nicht für den FC Zürich. Über die letzten zehn Spiele gesehen ist der FCZ das zweitschlechteste Team der Liga – nur das dem Abstieg geweihte Winterthur hat mit fünf Zählern noch zwei weniger gesammelt.
Nach der 1:2-Pleite gegen Lausanne-Sport vom gestrigen Mittwochabend kann der Klub die Teilnahme an der Meistergruppe so gut wie abschreiben. Zehn Punkte müssten die Zürcher in den verbleibenden fünf Runden bis zur Ligateilung auf den FC Sion aufholen. Der FCZ wird sein Saisonziel also erneut verpassen – und muss sich nun nach unten orientieren. GC auf dem Barrageplatz liegt nur noch sieben Punkte zurück, den Rückstand kann der Stadtrivale am heutigen Donnerstag in Basel noch verkürzen.
Zu behaupten, dass die Nerven beim FC Zürich angesichts der aktuellen Situation blank liegen, ist womöglich etwas übertrieben. Weit entfernt von der Wahrheit dürfte es aber nicht sein. Der Auftritt im Letzigrund gegen Lausanne warf einmal mehr Fragen auf. In der ersten Halbzeit brachten die Gastgeber so wenig zustande, dass Trainer und Abwehrchef nach dem Spiel ihre Ratlosigkeit äusserten.
«Es ist schwer nachvollziehbar, dass wir über die rechte Seite mit so wenig Intensität unterwegs waren», sagte Coach Dennis Hediger bei Blue und fügte später gegenüber dem Blick an: «Das hat viel mit Mentalität zu tun. Natürlich ist es nie der Gameplan, das Laufduell nicht aktiv zu bestreiten.» Der 39-Jährige, der seit Oktober an der Seitenlinie steht, ist nicht der einzige, der seinem Team mangelnden Einsatz vorwirft.
Auch der im Winter gekommene Innenverteidiger Alexander Hack polterte beim SRF: «Es hat sich angefühlt wie mit angezogener Handbremse. Ich glaube nicht, dass alle 100 Prozent da waren.» Jeder einzelne Spieler müsse sich hinterfragen, fand der Deutsche, der in Abwesenheit des gesperrten Lindrit Kamberi als alleiniger Abwehrchef fungierte: «So eine beschissene erste Halbzeit zu spielen, geht einfach nicht. Als Profi ist das in einem Heimspiel, das man gewinnen muss, ein No-Go.»
Nach der Pause kam der FCZ zwar besser ins Spiel und erzielte auch den Ausgleich. Danach spielten die Zürcher aber nicht konsequent genug. «In der zweiten Halbzeit habe ich eine gute Mannschaft gesehen», so Coach Hediger, «wir haben das Momentum gedreht und es hätte kippen können.» Nach dem Traumtor zum 1:1-Ausgleich durch Ivan Cavaleiro liess sich der Gastgeber aber wieder zu sehr hinten reindrücken, wie der 32-jährige Hack bei Blue berichtet: «Wir haben keine Zweikämpfe mehr geführt und das freut dann auch den Gegner. Im Endeffekt kriegen wir dafür die Rechnung.»
Bei einer Ecke in der 92. Minute sorgte Karim Sow per Kopfball für den 2:1-Endstand zugunsten der Waadtländer. Der 20-jährige Goalie Silas Huber, der bisher viel Lob einheimste, sah dabei nicht gut aus. Alexander Hack sah jedoch ein anderes Problem: «Es darf erst gar nicht passieren, wenn wir am Drücker sind, dass der Gegner vier, fünf Standards hat.» Der Routinier stellte zudem klar: «Das ist auch eine Einstellungsfrage: Bin ich Profi genug, um im eigenen Stadion vor diesen Fans Gas zu geben und gewinnen zu wollen, oder nicht?»
Dass der FCZ nicht zum ersten Mal in den Schlussminuten Punkte verspielt, ist für Dennis Hediger besonders frustrierend. Zum dritten Mal alleine in diesem Jahr kassierten die Zürcher in der Nachspielzeit den entscheidenden Treffer zur Niederlage. Beim 1:2 in Basel führte der FCZ gar bis zur 90. Minute. «So oft, wie wir ein spätes Tor kassieren, ist unglaublich», sagt der Trainer, «es tut weh.»
Dennoch gelte es, sich den nächsten Aufgaben zu widmen. «Es ist wichtig, immer wieder aufzustehen und zurückzuschlagen», erklärte Hediger mit Blick auf das Direktduell gegen Servette am Samstag und übte sich in Durchhalteparolen: «Irgendwann muss das Momentum kippen.» Vielleicht hilft ihm dabei auch der erfahrene Carlos Bernegger, den der Klub dem noch jungen Trainer auf dessen Wunsch beiseite gestellt hat.
Präsident Ancillo Canepa blickt zumindest optimistisch in die Zukunft, wie er vor dem gestrigen Spiel zum SRF sagte. Es brauche aber Zeit, bis sich die vielen Anpassungen im Führungsbereich auswirken würden. In den letzten Monaten wechselte der FCZ nicht nur den Trainer, sondern entliess auch Sportchef Milos Malenovic, verpflichtete Alessandro Mangiarratti als Technischen Direktor und holte Claudio Cisullo in den Verwaltungsrat. «Ich glaube wirklich, dass wir in verschiedenen Positionen sehr kompetente und engagierte Personen haben», erklärt Canepa.
Am Ende zähle aber nur, dass das Potenzial auf den Platz gebracht werde. Das Ziel bleibt nämlich klar: «Wir wollen nach Europa.» In dieser Saison ist das nur noch rechnerisch möglich. Vielmehr geht es in den verbleibenden zehn Runden darum, nicht noch in die Barrage zu rutschen.
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