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Die Schweiz sucht den Super-Fussballer – dieser Talentmanager soll ihn endlich finden

Die Schweiz will endlich auch einen Fussballer haben, von dem alle reden, einen Weltstar wie Kevin de Bruyne. Der oberste Schweizer Talentmanager Luca Fiorina ist der Mann, der ihn finden soll.
22.03.2022, 16:21
Dominic Wirth / ch media

Die Nummer 5 hat es Luca Fiorina angetan, dieser kluge Pass eben, zwei Gegner kamen angerast, aber der Verteidiger hat die Ruhe bewahrt. «Jeder seiner Entscheide sitzt», sagt Fiorina. Dann nickt er zufrieden.

Damit ist schon viel gesagt über den Mann, der an diesem kalten Märztag über einen Fussballplatz des nationalen Jugendsportzentrums in Tenero schaut. Und dabei auf Dinge achtet, die anderen entgehen. Er steht nicht auf dem Platz, sondern daneben. Er gibt den jungen Fussballern auch keine Kommandos. Fiorina ist einfach da und beobachtet so, wie er das schon oft gemacht hat über die Jahre. Manchmal notiert er etwas, wie eben, nach diesem Pass der Nummer 5.

Der Mann, der im Hintergrund steht, hin und wieder etwas notiert: Luca Fiorina.
Der Mann, der im Hintergrund steht, hin und wieder etwas notiert: Luca Fiorina.bild: VAlentin Hefti

Fiorina ist ein Mann, der immer auf der Suche ist, das hat ihn auch ins Tessin geführt. Am besten vergleicht man ihn mit dem Chef einer Edelsteinmine. Viele Leute suchen für den Zürcher im ganzen Land nach Edelsteinen. Er entscheidet dann, an welchen er feilen will – in der Hoffnung, dass sie irgendwann glänzen.

Ein Update für die Nachwuchsarbeit

Fiorina interessiert sich nicht für Edelsteine, sondern für Fussballtalente. 2020 hat er das Talentmanagement beim Schweizer Fussballverband übernommen. Der SFV hat damals beschlossen, den Bereich zu professionalisieren. Seither ist Fiorina der oberste Talentmanager im Land.

Etwa 2000 Spieler sind über alle Altersstufen auf dem Radar des Verbands, und der 47-Jährige hat sich ein grosses Ziel gesetzt: Er will, dass auch die Schweiz einen «Unterschiedsspieler» herausbringt, wie es im Jargon heisst. Oder, mit anderen Worten: einen Weltstar. Vergleichbare Fussballländer haben das geschafft. Belgien hat Kevin de Bruyne. Schweden hat Zlatan Ibrahimovic. Polen hat Robert Lewandowski. In dieser Sphäre hat die Schweiz niemanden. ­Footuro 2.0 soll das ändern. Es ist das Update für ein Nachwuchs­programm, dem der SFV viel zu verdanken hat. Und so etwas wie das Baby von Luca Fiorina und seinen Mitstreitern beim SFV.

Einen wie Kevin De Bruyne hätten wir auch gerne.
Einen wie Kevin De Bruyne hätten wir auch gerne.Bild: keystone

In Tenero geht es für ihn auch darum, Spieler zu finden, die für das Programm in Frage kommen. Als die jungen Fussballer am Morgen ein paar Passübungen machen, versinkt der eine oder andere in seinen Trainingskleidern. Es ist ein besonderer Tag für die 26 Jungs mit Jahrgang 2007: Sie sind jetzt Nationalspieler, Stufe U15. Das wäre bis vor ein paar Jahren für sie undenkbar gewesen. Nicht weil sie nicht kicken können. Sondern weil sie zu klein sind oder zu schmächtig.

Luca Fiorina hat auf seinem Computer ein paar Bilder gespeichert, die das Phänomen illustrieren. Man sieht darauf zwei Fussballer, der eine ist zwei Köpfe grösser als der andere. «Ein Unterschied wie Tag und Nacht, ein Mann und ein Bub», sagt Fiorina. Geboren aber wurden beide im gleichen Jahr.

Buben gegen Männer, das ist nicht fair, auf dem Fussballplatz erst recht nicht. Und doch balgen sie sich um die gleichen Plätze in den U-Nationalteams. Den bekommen dann meistens die Männer. Das ist ein Problem, weil sie das nicht nur ihrem fussballerischen Können verdanken, sondern auch ihrem Körper. Und der hilft ihnen irgendwann nicht mehr weiter.

Sie haben körperliche keine Chance gegen die Alterskollegen: Mitglieder der Spätentwickler-Nationalmannschaft beim Trainingsspiel in Tenero.
Sie haben körperliche keine Chance gegen die Alterskollegen: Mitglieder der Spätentwickler-Nationalmannschaft beim Trainingsspiel in Tenero.bild: valentin hehli

Wenn Fiorina ein Fussballspiel schaut, versucht er, das Körperliche auszublenden. Entscheide statt Tempo. Spielintelligenz statt Physis. Doch an den Aufgeboten der U-Natis kann man ablesen, wie wichtig die körperliche Entwicklung immer noch ist. Dort schaffen es Spieler, die im ersten Halbjahr geboren wurden, viel öfter hinein. In der U17 etwa lautet das Verhältnis 16 zu 4, im Jahrgang darauf 17 zu 6. Und das, obwohl die Geburten gleichmässig über alle Quartale verteilt sind.

Die Sache mit der späten Entwicklung

Das bedeutet: Die Schweiz fördert nicht immer die besten Fussballer. Sondern mitunter jene, die dank ihrer Entwicklung einen Vorteil haben. Und das ist ein Problem für das Fussballland. Mit seinen acht Millionen Einwohnern ist es klein. Das heisst auch, dass ihm kein Talent durch die Lappen gehen darf.

Das Thema treibt den SFV schon länger um. Seit ein paar Jahren gibt es auf der U15-Stufe eine Spätentwickler-Nationalmannschaft. Die Jungs in Tenero gehören zu ihr. Sie haben im Sommer, wenn die U16 zusammengestellt wird, kaum eine Chance. Aber sie standen mal in einem Aufgebot. Das macht Mut, motiviert. Und der eine oder andere wird es auf die Liste schaffen, die Fiorina gerade erstellt. Etwa 20 Namen finden darauf Platz. Sie kommen für Futuro 2.0 in Frage. Ausgewählt werden am Ende acht bis zehn Spieler. Ein paar Plätze sind neuerdings für Spätentwickler reserviert.

Auf die besten Spätentwickler wartet ein besonderer Platz im SFV-Förderprogramm.
Auf die besten Spätentwickler wartet ein besonderer Platz im SFV-Förderprogramm.bild: Valentin Hehli

Die Auserwählten bekommen eine Vorzugsbehandlung. Ein wenig, sagt Fiorina, seien sie für den SFV, was ein «Key Account» für eine Bank sei. Konkret bedeutet das: Enge Betreuung durch Fiorina und die Talentmanager in den Klubs. Regelmässige Leistungstests. Sitzungen beim Sportpsychologen. Individualisierte Trainingspläne. Detaillierte Karriereplanung.

Bis anhin gab es Footuro erst ab der U18. Nun, mit Footuro 2.0, beginnt die Selektion schon früher, auf der Stufe U16. Gerade hat Fiorina die Fussballer, die als Erste überhaupt zur neu geschaffenen Gruppe der Perspektivspieler gehören, informiert. Vorher hat der SFV die Kandidaten durchleuchtet, sogar ihr Umfeld unter die Lupe genommen.

Talente so früh wie möglich fördern

Fiorina sagt, dass für ein Talent «jeder Tag zählt». Man nicht früh genug damit beginnen könne, es zu fördern, und zwar ganz individuell. Er ist überzeugt, dass kleinen Ländern nichts anderes übrig bleibt, wenn es etwas werden will mit einem Weltstar.

Als junger Mann schafft Fiorina es bis in die erste Liga. Mit 21 stoppt ihn eine Verletzung. Fiorina wird Trainer, lernt bei GC unter Carlos Bernegger, assistiert bei der U17-Nati. Später arbeitet er fünf Jahre im Nachwuchs des FC St.Gallen, geht zum FCZ, wo er auch das Frauenteam ein Jahr betreut, und schliesslich zum SFV. «Die Arbeit mit jungen Fussballern hat mich immer am meisten interessiert», sagt er. Man könne aus ihnen am meisten herausholen, die Entwicklung über lange Zeit mitverfolgen. Bekomme «so viel» zurück.

Fiorina hat in all den Jahren viele Karrierewege gesehen, verschlungene und solche, die schnurgerade verliefen. Im SFV hat er als Talentmanager eine Rolle, die ihm «eine andere Brille» aufzwingt, so formuliert er das. Man könnte auch sagen, dass er ein Störenfried sein muss. Weil er weiter in die Zukunft schaut als die Trainer. Die denken an das nächste Spiel, das nächste Resultat. Und nominieren entsprechend. Fiorina denkt daran, was aus einem Spieler einmal werden kann.

Potenzial statt Kompetivität: Talentsucher Fiorina ist verbandsintern auch mal ein Störenfried.
Potenzial statt Kompetivität: Talentsucher Fiorina ist verbandsintern auch mal ein Störenfried.bild: valentin Hehli

Hier Kompetitivität. Dort Potenzial. Natürlich führt das schon mal zu Konflikten. Fiorina würde gerne auch für andere Stufen eine Spätentwickler-Nationalmannschaft einführen. Andere Länder haben das, es sind meist kleinere, wie die Schweiz. Die Belgier zum Beispiel. Ihr grösster Star, Kevin de Bruyne, ist ein Spätentwickler.

Schweiz ist für Fiorina kein Vorbild mehr

Überhaupt, die Belgier. Sie treiben Fiorina um. Der Marktwert der Nationalmannschaft ist um ein Vielfaches höher als jener der Schweiz, obwohl nur ein Drittel mehr Menschen dort leben. Fiorina sagt: «Es gab Zeiten, da war die Schweizer Nachwuchsarbeit ein Vorbild für ganz Europa.» Heute seien Länder wie Belgien, Dänemark oder auch Österreich einen Schritt voraus. In der Schweiz wird für Fiorina zu wenig systematisch mit Talenten gearbeitet. Zu vieles dem Zufall überlassen.

Zufälle mag der Ausbildner gar nicht. Zufälle wie Christian Fassnacht. Der hat es zum Nationalspieler gebracht und zum vielfachen Schweizer Meister mit YB. Fassnachts Weg an die Spitze aber war ein holpriger. Als 15-Jähriger wurde er beim FC Zürich ausgemustert. Nicht weil er kein guter Fussballer war. Sondern weil er zu klein war.

Anschliessend kämpft sich Fassnacht über Thalwil und Tuggen in den Profifussball. Es ist eine Aufsteigergeschichte, wie sie den Leuten gefällt. Für Fiorina gilt das nicht. Er fragt sich: Wie gut wäre Fassnacht geworden, wenn er immer optimal gefördert worden wäre?

Eine Erfolgsgeschichte, wie Fiorina sie nicht mag: YB- und Nati-Mittelfeldmann Christian Fassnacht fiel einst durch alle Maschen und musste sich hochkämpfen.
Eine Erfolgsgeschichte, wie Fiorina sie nicht mag: YB- und Nati-Mittelfeldmann Christian Fassnacht fiel einst durch alle Maschen und musste sich hochkämpfen.Bild: keystone

Die jüngere Geschichte des Schweizer Fussballs ist eine des Erfolgs. Seit 2004 hat die A-Nationalmannschaft nur ein grosses Turnier verpasst. Aber es gibt da diese Liste, die Fiorina führt. Dort finden sich die aktuellen Stammspieler der A-Nati. Darunter stehen die Namen von jungen Spielern, die nachrücken könnten. Auf manchen Positionen sieht es nicht gut aus. «Man darf einfach eines nicht vergessen: Wir leben jetzt von der hervorragenden Arbeit, die vor zehn Jahren geleistet wurde», sagt Fiorina. Man müsse dann innovativ sein, wenn man Erfolg habe. Deshalb Footuro 2.0.

In Tenero neigt sich der Tag dem Ende zu. Fiorina hat ein paar Namen im Kopf für seine Liste. War gar einer dabei, der dereinst ein Weltstar wird? «Das weiss ich auch nicht, niemand kann das jetzt schon wissen.» Aber irgendwann bekomme die Schweiz ihren Ausnahmekönner, davon ist er überzeugt, «felsenfest».

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