Zufall oder ein Drama mit Ankündigung? Fünf Tage, nachdem Manchester Citys Mittelfeldstar Rodri von Streik spricht, reisst sein Kreuzband. Grund für die Drohung des Spaniers ist die Ende Saison erstmals stattfindende Klub-WM, verbunden mit noch mehr Spielen im eh schon prall gefüllten Fussballkalender. Bittere Ironie: Der Kreuzbandriss zwingt Rodri mindestens zu einem halben Jahr Pause. Und Pausen sind das, was er für sich und seine Topstar-Kollegen fordert: «40 bis 50 Spiele kann ein Spieler auf höchstem Niveau spielen. Danach fällt man ab. Es ist unmöglich, das physische Niveau zu halten. In diesem Jahr werden es möglicherweise 80 sein – das ist zu viel.»
Manuel Akanji ist Schweizer, Rodris Teamkollege in Manchester und dort der Spieler mit den meisten Einsatzminuten. Auch in der Schweizer Nati ist der 29-Jährige unbestrittene Stammkraft. Mit Premier League, Champions League, Cupwettbewerben, Klub-WM und Länderspielen winken dem Innenverteidiger in dieser Saison 84 Pflichtspiele, gut alle vier Tage eines. Auch er kritisierte den dichten Spielplan.
Die Spieleflut macht auch vor Teenagern nicht Halt: Barcelona-Profi Lamine Yamal ist 17 und schon ein Weltstar. Er wird mit 20 rund 5000 Wettkampfminuten mehr in den Beinen haben als es 2004 der 20-jährige Wayne Rooney hatte.
Die FIFPRO ist die weltweite Spielergewerkschaft und die Stimme der Stars. Sie droht der Fifa mit rechtlichen Schritten, weil diese die Spielpläne nur im Eigeninteresse und nicht in jenem der Spieler erstelle. Andere Stimmen, zum Beispiel Basel-Trainer Fabio Celestini, finden: Wenn die Spieler immer mehr verdienen wollen, ist der volle Terminkalender der Preis dafür.
Sind Profifussballer wirklich überbelastet? Welche Gefahren drohen langfristig? Und was bedeutet die steigende Belastung für junge Spieler? CH Media fragt den Sportmediziner Roman Gähwiler.
Herr Gähwiler, prominente Fussballer und Trainer beklagen sich über den übervollen Terminkalender, einige ziehen einen Streik in Betracht. Haben Sie Verständnis dafür?
Roman Gähwiler: Sowohl als Fan, insbesondere aber auch als Sportmediziner habe ich vollstes Verständnis. Jedoch ist es wichtig, die körperliche sowie die mentale Belastung der Spieler in den besten Teams der europäischen Top-5-Ligen differenziert zu betrachten.
Ja?
Die physische Belastung durch Liga, Europacup und Nationalmannschaft ist das eine. Hier wird von den Athletiktrainern, den medizinischen Abteilungen sowie von UEFA und FIFA viel für die Überwachung und Verletzungsprävention getan. Zum Beispiel die Erarbeitung eines fussball-spezifischen Aufwärmprogramms. Damit konnte das Verletzungsrisiko um 67 Prozent gesenkt werden.
Und der mentale Aspekt?
Der Erfolgsdruck auf die Top-Athleten in mehreren Wettbewerben über das ganze Jahr verteilt ist eine Dauerbelastung. Zudem verringert sich die Erholungszeit für die Topstars. Wegen der globalen Vermarktung des Fussballs ist ihre Omnipräsenz gefragt, so müssen sie im Sommer an Show-Events in Asien oder Amerika auftreten, statt zu entspannen.
Der Laie findet: Alle zwei, drei Tage ein Fussballspiel muss für Spitzensportler möglich sein. Was entgegnen Sie dieser Denkweise?
Die körperliche Belastung eines Spiels isoliert betrachtet, kann ich diese Denkweise verstehen. Allerdings: Ein Fussballerleben auf Topniveau ist viel mehr als alle paar Tage 90 Minuten spielen. Tägliche Trainings, zeitaufwendige Rehabilitation, Medien- und Sponsorentermine und ganz wichtig: Flugreisen verbunden mit Zeitumstellungen. Der grösste Risikofaktor, einen Virusinfekt einzufangen, sind die Reisen an die Wettkampfstätten. Es braucht Präventionsmassnahmen, denn die genannten Faktoren beeinflussen die Regeneration negativ. In einer modernen Athletenbetreuung ist die Regeneration ebenso wichtiger Teil wie die Spiele selbst.
Ist die Belastung für Profifussballer in der Schweiz eigentlich auch grenzwertig?
Ein Stammspieler mit mehr als 70 Minuten Einsatzzeit läuft im Median 10,3 Kilometer pro Spiel. Davon im Median 159 Meter im Sprint (über 25 km/h), knapp 700 Meter als Läufe im Hochintensitätsbereich (bis 20 km/h) und rund 1360 Meter im normalen Lauftempo (15-20 km/h). Diese Zahlen entsprechen ungefähr den Laufdistanzen der französischen Ligue 1 und scheinen in Bezug auf die körperliche Belastung vertretbar zu sein.
Welchen Abstand braucht es zwischen zwei Spielen, damit die Topathleten eine Saison lang auf maximalem Niveau performen können?
Schwierige Frage. Die Resilienz der Spieler ist sehr unterschiedlich, genauso wie die Verletzungsgefahr je nach Position. Meiner Meinung nach sollte die Kadenz von einem, ab und zu zwei Spielen pro Woche nicht überschritten werden. Bleibt für die Topteams die Anzahl Spiele auf dem aktuellen Niveau oder wird grösser, müssen sie wohl ihre Spielerkader vergrössern und ein fixes Rotationsprinzip einführen. Zudem beeinflussen weitere Faktoren das Verletzungsrisiko.
Nämlich?
Gewisse Persönlichkeitsprofile bergen ein über 20 Prozent höheres Risiko für Überlastungsverletzungen in sich. Zum Beispiel perfektionistisch veranlagte Menschen oder solche mit tiefer Widerstandsfähigkeit gegen emotionalen Stress. Zudem zeigt eine Studie von 2018, dass der Stil des Cheftrainers das Verletzungsrisiko einer Mannschaft signifikant beeinflusst. Bei einem demokratischen und kommunikativen Führungsstil fallen viel weniger Spieler aus als bei autoritären Trainern.
Welche Körperteile sind durch die steigende Belastung gefährdet?
Am häufigsten betroffen sind die Muskulatur, die Knie und die Sprunggelenke. Ein Spieler erleidet pro Saison 0,6 Muskelverletzungen. Eine andere Zahl sind acht Verletzungen pro 1000 Stunden Fussball. Aus medizinischer Sicht ist das grösste Problem aber die wegen des Zeitdrucks fehlende Ausheilung einer Verletzung. Dadurch steigt die Gefahr von Anschlussverletzungen – und schon beginnt der Teufelskreis.
FCB-Trainer Fabio Celestini sieht es so: Die Anzahl Spiele sei zwar grenzwertig, aber halt der Preis dafür, dass Verbände, Klubs und Spieler immer mehr Geld verdienen wollen. Mehr Geld gegen grössere Verletzungsgefahr – ist das moralisch vertretbar?
Ja, solange die Athleten über die medizinischen Langzeitfolgen aufgeklärt werden. Aber in der Realität ist eine wirklich überlegte Entscheidung nur schwer zu erreichen. Wir Mediziner sind die Anwälte der Sportler. Aber fordern wir etwa eine längere Rekonvaleszenz-Zeit, ruft das sofort andere Interessensgruppen auf den Plan. Mir haben Athleten in der Sprechstunde schon gesagt: «Hätte ich das gewusst, hätte ich anders entschieden.» Also ja, in der Theorie gehe ich mit Fabio Celestini einig …
Aber?
In der Realität müssen die medizinischen Abteilungen die Verantwortung für die Spieler übernehmen. Man darf nicht vergessen: Die Spieler werden immer jünger, ein Lamine Yamal etwa ist schon ein Weltstar und Vielspieler, aber er ist minderjährig. Punkto Verletzungen in der Wachstumszone der Knochen oder Überlastungsverletzungen braucht es schon in den Nachwuchsabteilungen eine flächendeckende medizinische Überwachung: Die Junioren müssen ohne Angst vor Nachteilen Verletzungen melden können. Da gibt es viel Aufholbedarf.
Ein umstrittenes Thema ist der Einsatz von Schmerzmitteln. Ihre Meinung?
Da sind wir bei den negativen Folgen des übervollen Terminplans aus bioethischer Sicht. Schmerzmittel, vor allem Entzündungshemmer, kommen hauptsächlich bei Überlastungsverletzungen zum Einsatz. Dies kann zu lang anhaltenden Gesundheitsschäden führen. Der volle Spielkalender birgt ein grosses Missbrauchspotenzial bei Schmerzmitteln, Psycho-Pharmaka und sogar Dopingmitteln. Da müssen sich die Spieler organisieren und Gehör verschaffen. Sonst drohen «Wild-West»-Zustände wie im Radsport Ende der 1990er-Jahre, als das System die Athleten fast schon zwang, mit Medikamenten die Leistung zu steigern, um im Spitzensport zu «überleben».