Am Dienstagabend kam es, wie es kommen musste. Die Grasshoppers setzten Trainer Marco Schällibaum nach 15 Spielen mit nur vier Siegen – zwei davon im Cup gegen das sechstklassige Regensdorf und Challenge-League-Klub Thun – wieder vor die Tür. Bei einer Bilanz von 0,69 Punkten in 13 Ligaspielen ein logisch erscheinender Schritt. «Angesichts der anhaltenden sportlichen Ergebnisse hat der Verein entschieden, dass eine Veränderung notwendig ist», teilt GC mit.
Tatsächlich waren bei den Zürchern in den letzten Spielen oftmals die gleichen Probleme zu erkennen. Offensiv fehlte die Kreativität und Durchschlagskraft, weshalb auch bei sonst guten Auftritten wie zuletzt beim 0:2 in Luzern kein Tor heraussprang – trotz 61 Prozent Ballbesitz und 14:9 Schüssen. Dass in den Angriffen oftmals die Genauigkeit fehlte, zeigt auch die Tatsache, dass nur drei Schüsse von GC aufs gegnerische Tor kamen, bei den Luzernern waren es bei weniger Versuchen doppelt so viel. Defensiv wiederholten sich Fehler und Nachlässigkeiten. Sowohl in Luzern als auch beim 1:1-Unentschieden gegen Lugano wurde GC gnadenlos ausgekontert.
Schällibaum sprach vom Glück, das den Grasshoppers derzeit fehlen würde. Die Verantwortlichen um Sportchef Stephan Schwarz sahen die Schuld hingegen beim Trainer und ersetzten ihn interimistisch durch Giuseppe Morello. Dass beim Rekordmeister wieder einmal alles schief zu laufen scheint, liegt aber auch an den Spielern. Bis auf Giotto Morandi und als Anführer und Captain Amir Abrashi bringen zu wenige regelmässig Leistung. Die Neuzugänge – eigentlich ein guter Mix aus erfahrenen Spielern und jungen Talenten – blieben bisher grösstenteils hinter den Erwartungen zurück.
Da wäre Sonny Kittel, der beim Hamburger SV in der 2. Bundesliga lange einer der herausragenden Spieler war, nach einem Jahr in Polen und Australien aber auch in Zürich noch nicht an seine alten Leistungen anknüpfen kann. Obwohl er vom Talent her eigentlich einer der besten Spieler in der Super League sein könnte. Mit Benno Schmitz schwächelt ein weiterer Deutscher, der in der Saison 2021/22 noch einer der Besten beim 1. FC Köln war, als dieser in die Conference League stürmte. Der Kanadier Mathieu Choinière, mit einem Marktwert von 3,5 Millionen Euro der wertvollste Spieler im Kader, hat ebenfalls noch nicht den gewünschten Einfluss. Nikolas Muci ist zwar ein Lichtblick, mit 21 Jahren aber noch zu inkonstant. Gleiches gilt für Sturm-Kollege Young-joon Lee aus Südkorea. Eine wirkliche Bereicherung ist lediglich YB-Leihgabe Noah Persson.
Das ist zu wenig. Deshalb müssen auch die Verantwortlichen für den Kader um Sportchef Stephan Schwarz in die Verantwortung gezogen werden. Der 54-jährige Deutsche folgte im März auf Bernt Haas. Wenig später entliess er Trainer Bruno Berner und installierte Schällibaum, der GC via Barrage zum emotionalen Klassenerhalt führte. Womöglich aus dieser Euphorie heraus wurde mit dem 62-jährigen Trainer verlängert. Ein Fehlentscheid, wie sich nun herausstellte.
Inwiefern Schällibaum für die sportliche Misere verantwortlich ist, ist natürlich schwierig zu sagen. Doch anscheinend wurde ihm von Vereinsseite etwas zugetraut, was er nicht einhalten konnte. Deshalb steht nun eben auch Sportchef Schwarz unter Druck – und mit ihm die US-Besitzer um Präsidentin Stacy Johns.
Diese stiegen im Januar dieses Jahres bei den Grasshoppers ein. Schwarz ist also ihr Sportchef, Schällibaum war ihr erster eigener Trainer. Nun wurde innert weniger Monate bereits zum zweiten Mal der Coach entlassen. Bei den Fans kommt dieser Entscheid nur bedingt gut an. Mit «Schälli», der einst selbst für die Grasshoppers verteidigte und grosse Erfolge feierte, konnten sie sich identifizieren. Jetzt ist eine weitere Identifikationsfigur, die bei GC ohnehin schon rar geworden sind, weg.
Wie wenig Wert die US-Besitzer der Tradition und Identifikation zurechnen, zeigten sie auch mit dem viel kritisierten Schritt, vor den Heimspielen im Letzigrund nicht mehr die Vereinshymne «Das isch GC» zu spielen. Man wolle nicht mehr der Vergangenheit nachtrauern, sondern in die Zukunft blicken. Dass deshalb nicht mehr an die grossen Zeiten des Klubs erinnert werden sollte, leuchtet wenigen ein.
Die Skepsis gegenüber Stacy Johns, Verwaltungsrat Larry Freedman und Co., die eigentlich eine Verbesserung zu den chinesischen Vorgängern bringen sollten, dürfte mit dem Scheitern von Schällibaum wachsen. Dem müssen die Verantwortlichen nun entgegenwirken. Die Fans müssen beschwichtigt werden. Dies geht einerseits mit dem Bewahren gewisser Traditionen und der verbleibenden Identifikationsfiguren wie Amir Abrashi, der sich auch einmal in die Fankurve stellt. Andererseits muss der nächste Trainer zwingend der richtige sein – zumal seine beiden Vorgänger weiterhin auf der Gehaltsliste sind. Er muss nicht nur Erfolg bringen, sondern auch die Fans mitnehmen.
Als möglicher Kandidat gilt Michael Wimmer. Der 44-Jährige stand zuletzt von Januar 2023 bis Mai 2024 bei Austria Wien, seiner ersten Station als Cheftrainer, unter Vertrag. Seinen Landsmann und GC-Sportchef Schwarz kennt er aus der gemeinsamen Zeit in Augsburg. Gemäss «Blue» wurde er am Sonntag in einem Zürcher Hotel gesichtet, während er die Partie von GC in Luzern verfolgte. Dabei sah er auch das Phantom-Handspiel von Dirk Abels vor dem Penalty zu Luzerns 2:0, das Marco Schällibaum womöglich den Job gekostet und Wimmer somit den Weg freigemacht hat.
Überstürzen sollten Schwarz und die US-Besitzer aber lieber nichts. Denn möglicherweise ist es schon ihre letzte Chance, um den schleichenden Niedergang des 27-fachen Meisters, der im Schnitt vor nur rund 7000 Zuschauerinnen und Zuschauern spielt, zu stoppen und nicht wieder in der Challenge League zu landen.