Sport
Fussball

Kampf gegen Hooligans – so stellt sich der Bundesrat den CH-Fussball vor

Die Fans sagen Nein, der Bundesrat Ja: Die Debatte um personalisierte Tickets birgt viel Zündstoff.
Die Fans sagen Nein, der Bundesrat Ja: Die Debatte um personalisierte Tickets birgt viel Zündstoff.bild: keystone

Keine Gästefans und personalisierte Tickets: So stellt sich der Bundesrat den Fussball vor

Der Bundesrat fordert in einem Bericht, dass die Fans künftig härter angefasst werden sollen – und wird dafür kritisiert, etwa von den Städten.
23.06.2022, 08:27
Dominic Wirth / ch media
Mehr «Sport»

Er hat zwar in der Angelegenheit nicht viel zu sagen, weil die Fussballspiele in der Verantwortung der Kantone und Städte liegen. Doch weil er vom Parlament dazu aufgefordert wurde, hat sich der Bundesrat zum Thema Fangewalt geäussert. Die Form: Ein Bericht. Der Inhalt: Sehr brisant.

Mit «Bekämpfung des Hooliganismus» ist das Dokument überschrieben. Darin kommt der Bundesrat zum Schluss, dass die Kantone – namentlich über das Hooligan-Konkordat – genug Instrumente zur Verfügung haben, um Fangewalt zu verhindern. Und es folglich keine neuen Kompetenzen für den Bund braucht.

Die Polizei sichert das Feld ab nach dem Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Basel 1893 und dem FC Zuerich im Stadion St. Jakob-Park in Basel, am Sonntag, 1. Mai 2022. (KEYST ...
Solche Szenen will im Schweizer Fussball niemand sehen.Bild: keystone

Eines macht der Bundesrat aber sehr deutlich: Er findet, dass die Kantone derzeit zu wenig machen. Er fordert sie einerseits auf, bestehende Instrumente wie Meldeauflagen für gewalttätige Fans öfter zu nutzen, mehr Personal bei der Täteridentifikation einzusetzen und den Dialog mit Fans zu verbessern. Und er schreibt, dass Massnahmen, die im Zuge des Corona-Pandemie eingeführt worden waren, «nach Auffassung des Bundesrates flächendeckend weiterzuführen» seien.

Fans befürchten schon länger schärfere Regeln

Zu diesen Massnahmen gehörten etwa die Abschaffung der Stehplätze, ein Verbot von oder Restriktionen bei den Gästefans und personalisierte Tickets. Das alles soll nun in den Augen des Bundesrats Normalzustand werden. Das ist dicke Post aus Bern, gerichtet an die Vereine und, allen voran, an die Fussballfans. Sie haben die Pandemie-Massnahmen zwar stets kritisiert, aber doch akzeptiert – und gleichzeitig davor gewarnt, sie dauerhaft einzuführen. Das werde man «entschieden bekämpfen», schrieben verschiedene Fangruppen schon 2020.

Jetzt geht der Bundesrat auf Konfrontationskurs – und wandelt damit auf einem Pfad, den die Sportministerin Viola Amherd schon länger beschreitet. So sprach sich die Walliserin mehrmals für die Einführung personalisierter Tickets aus.

Alt-Bundesraetin Ruth Metzler, links, und Bundesraetin Viola Amherd, rechts, beim Damen Fussball Schweizer Cup Final zwischen dem FC Luzern und FC Zuerich Frauen vom Samstag, 5. Juni 2021 im Stadion L ...
Sportministerin Viola Amherd will der Fangewalt mit umstrittenen Massnahmen den Riegel vorschieben.Bild: keystone

Diese Forderung haben im letzten Herbst auch die kantonalen Polizeidirektoren (KKJPD) verabschiedet. Von einem Verbot von Gästefans und Stehplätzen war damals jedoch nicht die Rede. Florian Düblin, der KKJPD-Generalsekretär, sagt, man sei mit Erkenntnissen des bundesrätlichen Berichts «grundsätzlich einverstanden». «Auch wir finden, dass man den Kampf gegen die Gewalt im Umfeld von Sportanlässen verstärken muss», so Düblin. Die konkreten zusätzlichen Massnahmen müssten aber im Rahmen der nun anstehenden Arbeiten gemeinsam mit der Fussballliga SFL geprüft werden.

Damit ist schon gesagt, dass der Positionsbezug des Bundesrats gut getimt erfolgt. Denn seit im letzten Herbst Anhänger des FC Zürich Pyro-Material in den Sektor der Fans von Stadtrivale GC warfen, wird in der Schweizer wieder einmal über die Einführung von personalisierten Tickets diskutiert.

Die Uneinigkeit der Bewilligungsbehörden

Als die KKJPD im Herbst ihre Forderung formulierte, tat sie das unter dem Eindruck der Geschehnisse in Zürich. Es klang damals so, als sei die Einführung nur eine Frage der Zeit; als Termin wurde da gar die Mitte Juli beginnende neue Saison genannt. Doch letztlich entscheiden nicht die kantonalen Polizeidirektoren, welche Regeln für Fussballfans gelten. Sondern die jeweils zuständigen Bewilligungsbehörden an den Standorten der Fussballklubs.

Gemeinsame Massnahmen sind dabei das Ziel – und werden in einer Arbeitsgruppe abgesprochen. Dort sitzen je nach Zuständigkeiten kantonale Vertreter, etwa aus Luzern, aber auch solche aus den Städten Bern, St.Gallen oder Zürich. Und es waren dem Vernehmen nach zwei Vertreterinnen von Städten, die bei den personalisierten Tickets auf die Bremse standen: Karin Rykart, Sicherheitsdirektorin der Stadt Zürich, und ihre Amtskollegin Sonja Lüthi aus St.Gallen.

Basler Fans zuenden Pyros im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Zuerich und dem FC Basel 1893 im Letzigrund, am Samstag, 30. Oktober 2021 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Mehr Repression, aber auch mehr Dialog – ob das gutgeht?Bild: keystone

Sie machten sich an der Seite der Fussballliga dafür stark, dass vor der Einführung der personalisierten Tickets zuerst eine Machbarkeitsstudie durchgeführt wird. Zuletzt äusserte sich die Arbeitsgruppe Bewilligungsbehörden dazu vor zwei Wochen – und klang weniger verbindlich als auch schon.

Und jetzt also der bundesrätliche Bericht. Darin findet sich neben Forderungen auch das Angebot des Bundes, die Kantone künftig stärker zu unterstützen, etwa mit der Weiterentwicklung der Hooligan-Datenbank Hoogan. Sonja Lüthi, die St.Galler Stadträtin, die auch Co-Präsidentin der Konferenz der städtischen Sicherheitsdirektorinnen ist, sieht die Forderungen aus Bern kritisch. «Der Bundesrat fordert mehr Repression, aber auch mehr Dialog – ich bin skeptisch, ob das zusammengeht», sagt Lüthi.

Würden die Forderungen des Bundesrats umgesetzt, träfe das die Vereine hart. Bei der Fussballliga SFL will man sich vorderhand nicht äussern zum Bericht der Regierung.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
GC, Basel und? Diese Klubs wurden schon Schweizer Meister
1 / 17
GC, Basel und? Diese Klubs wurden schon Schweizer Meister
Grasshopper Club Zürich: 27-mal Meister, zuletzt 2003.
quelle: keystone / paolo foschini
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Keine Fussball-Fans im Büro, bitte!
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
89 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
SoullessStone
23.06.2022 08:40registriert Januar 2014
Realitätsfremd und nicht zielführend.
Und das Vorgehen wurde von den Kurven exakt so vorhergesagt...
12222
Melden
Zum Kommentar
avatar
Neruda
23.06.2022 08:51registriert September 2016
Keine Stehplätze und Auswärtsfans 😂
Wo ist der Bundesrat steckengeblieben? In den 70er Jahren im Vereinigten Königreich?
Sogar dort werden wieder Stehplätze eingeführt. Bei Celtic schon seit ein paar Jahren wieder im Heimfansektor.
Dieser Blödsinn ist wohl wieder auf Keller-Sutters Mist gewachsen. Die beim Bund lieben es, anderen das Hobby zu versauen. Das Hooliganproblem könnte man auch anders lösen. Und leider zählt da auch sehr viel anspruchsvollere und längerfristigere Sozialpolitik dazu. Aber damit ist der Bundesrat und die bürgerliche Mehrheit halt überfordert.
9420
Melden
Zum Kommentar
avatar
Malenky74
23.06.2022 09:06registriert Mai 2020
Aber Wischiwaschi-Zeugs wie keine Gästefans mehr? Das wäre Kollektivbestrafung.
Und zur Abschaffung Stehplätze / personalisierte Tickets: denkt Ihr es sitzt dann jeder auf seinem nummerierten Platz? Träumt weiter. Und zum Dialog mit Fans: nicht dialogbereite Fans erscheinen dort sicher nicht. Vereine/Fans sind bereits im Dialog, oft funktioniert auch die sogenannte «Selbstregulierung». Wie oft passiert denn was IM Stadion? Eben. (könnte sich zwar mit den zukünftigen Playoffs ändern, und «heisse» Spiele geradezu heraufbeschwört…)
Mann, bestraft die Straffälligen & lasst mich Normalo in Ruh!2/2
7517
Melden
Zum Kommentar
89
3 Millionen besser investiert – das Erfolgsmodell der ZSC Lions
Die ZSC Lions sind erfolgreich, weil sie seit 1997 ein System entwickelt haben, das Spieler wie Justin Sigrist hervorbringt. Titelgewinne sind dadurch nicht garantiert. Aber es ist eine solide Basis, um in der Liga seit Jahrzehnten vorne mitzuspielen.

Ein erfolgreiches Geschäftsmodell, erklärt an einem Spieler: Justin Sigrist (25) steht als Beispiel für eine kluge Millionen-Investition der ZSC Lions. Die Zürcher und die Zuger sind die Dominatoren der letzten fünf Jahre im Deutschschweizer Hockey. In den nächsten Jahren könnten die von den ZSC Lions anders investierten drei Millionen die Vormachtstellung sichern.

Zur Story