So viele Schnurris Expertinnen und Experten auf einem Fleck findest du sonst nirgendwo. Je näher die EM rückt, desto mehr Experten-Gespräche werden auf der watson-Redaktion geführt. Und am Schluss haben sie auch immer Ausreden parat, wenn die eigenen Prognosen nicht eintreffen.
Doch nun zeigt sich, bei wem hinter den Aussagen auch etwas Wissen steckt. Wir haben die grössten Expertinnen und Experten von watson in der Deutschschweiz und der Romandie gefragt, wie die EM verlaufen wird. Gesucht sind: Europameister, Schweizer Abschneiden, positive und negative Überraschung, Torschützenkönig und bester Spieler.
Ziemlich sicher weisst du es aber noch besser als wir. Oder du glaubst es zumindest. Schreib uns deine Tipps in die Kommentarspalte!
Reto Fehr: Holland wird Europameister. Dieses Mal wirklich. Van Dijks letzter Tanz und Nik hat irgendeinen als U23-Riesentalent gehypt in seinem Artikel. Der ist also sicher auch gut. Dazu de Ligt, der bei einem früher regelmässigen Top-2-Bundesliga-Klub spielt und Aké, der von Akanji lernen durfte. Dann haben sie ja schon mal vier gute Verteidiger. Und mit der Defensive gewinnt man Titel.
Julien Caloz: Es gibt eine Mannschaft, über die wenig gesprochen wird, die mir aber sehr gut gefällt, und das ist Holland. Sie hat in den letzten sieben Spielen sechs Siege eingefahren. Die Verletzung von Frenkie de Jong ist zwar ein schwerer Schlag, aber es ist auch die Art von Ereignis, die eine Gruppe vor einem grossen Turnier zusammenschweissen kann, zumal es der Mannschaft nicht an Individualisten mangelt, die glänzen können.
Niklas Helbling: Ich kann mein zur Hälfte deutsches Herz nicht ganz ausblenden. Deshalb sage ich Deutschland – obwohl ich nicht zu 100 Prozent überzeugt bin. Auch England und vor allem Frankreich haben brillante Kader, aber nein, ich bleib beim Sommermärchen 2.0.
Adrian Bürgler: Spanien. Ich bin kein Fan von Alvaro Morata als Mittelstürmer, aber wer braucht den schon, wenn man mit Lamine Yamal ein 16-jähriges Supertalent dabei hat. Das spanische Mittelfeld und die Flügel sind überragend.
Ralf Meile: Im Prinzip Frankreich, aber die können kein Penaltyschiessen, also reicht es nicht. England traute ich zuletzt mehr zu. Deutschland, getragen von der Euphorie im eigenen Land? Möglich. Aber ich setze auf das ausgeglichene Spanien.
Katja Burgherr: Wenn Kylian Mbappé glücklich ist – und das ist er jetzt vermutlich, darf er doch endlich zu Real Madrid wechseln – ist ganz Frankreich glücklich. Dass das Team um Didier Deschamps Weltklasse ist, liegt auf der Hand. Die bittere Finalniederlage in Katar und das Achtelfinal-Aus an der letzten EM gegen die Schweiz dürften die Equipe Tricolore zusätzlich motivieren, den hohen Erwartungen in diesem Jahr gerecht zu werden.
Philipp Reich: Football is finally coming home! England ist an der Reihe: Zuletzt hat es dreimal in Folge knapp nicht gereicht, nun ist das Team gereift und bereit, das Mutterland des Fussballs nach fast «60 years of hurt» endlich in den wohlverdienten Freudentaumel zu versetzen.
Leo Helfenberger: Die Frauen mussten erst vorlegen, jetzt ist der Bann gebrochen: It's Coming Home! England wird Europameister.
Yoann Graber: Es wird England sein. Die Engländer haben schon so lange auf einen Titel gewartet, dass sie übermotiviert sein werden. Vor drei Jahren waren sie ganz nah dran, als sie den Final erreichten. Sie werden auf dieser Erfahrung aufbauen können, ganz zu schweigen vom Talent in dieser Mannschaft (Saka, Bellingham, Foden und Kane).
Reto Fehr: Ich gebe hier kurz mein Herz ab für die nächsten Sätze. Sodeli: Die Schweiz reist leider mit null Punkten heim. Ungarn ist stark, dann gegen Schottland haben wir zwar den Ball immer, aber schiessen keine Tore (vielleicht gewinnen wir da dann auch trotzdem einen Punkt). Und am Schluss gegen Deutschland werden wir ehrenhaft verlieren und den Chancen nachtrauern.
Julien Caloz: Ich erwarte, dass die Schweiz in der Gruppenphase leiden wird, es aber schafft, sich als einer der vier besten Drittplatzierten für den Achtelfinal zu qualifizieren. Dort wird sie ausscheiden.
Adrian Bürgler: Viele Schweizer Fans sind pessimistisch, ich setze noch einen obendrauf: Die Nati schiesst in drei Spielen kein Tor und fährt nach der Gruppenphase heim.
Philipp Reich: Nach einer Vorrunde mit vier Punkten (Remis gegen Ungarn und Sieg gegen Schottland) trifft die Schweiz im Achtelfinal auf Italien. Dort verschiesst Jorginho den Penalty für einmal nicht und die «Squadra Azzurra» setzt sich nach einem 1:1 nach 120 Minuten in der Kurzentscheidung durch.
Ralf Meile: Die Nati ist nicht so schlecht, wie sie gemacht wird. Aber sie gibt einem halt wenig Grund zur Hoffnung. Ich hätte es lieber anders, doch es kommt so: Unentschieden gegen Ungarn, Stolpersieg gegen Schottland, Niederlage gegen Deutschland, Ausscheiden im Achtelfinal.
Leo Helfenberger: Weil die Schotten überraschend stark auftreten werden, schafft die Schweiz die Quali leider nur als Gruppendritter. Im Achtelfinale ist dann gegen einen starken Gruppenersten der Gruppe B, E oder F fertig.
Niklas Helbling: Meiner Meinung nach kann sich die Schweiz beim nicht mehr ganz so neuen Modus bedanken. Die Ungarn werden wieder als hervorragendes Team auftreten und ich glaube, dass sie Platz 2 holen. Für die Nati geht es aber doch in den Achtelfinal – als Gruppendritter. Dort ist dann vorbei.
Katja Burgherr: Hmm, vermutlich wie immer. Wenige Tore, irgendwie reicht es dann doch für das Achtelfinal, dort ist Endstation. Ich lasse mich aber noch so gerne eines Besseren belehren.
Yoann Garber: Zweiter Platz in der Gruppe und dann das Aus im Achtelfinal.
Adrian Bürgler: Nur ein Schweizer bleibt bis ganz zum Schluss in Deutschland: Sandro Schärer. Der Schweizer Schiedsrichter überzeugt bei seinem ersten grossen Turnier und da die Nati eh nicht in den Final kommt, darf er diesen leiten.
Ralf Meile: Ungarn erreicht wahrscheinlich nie mehr den Status, den es nach dem Zweiten Weltkrieg hatte. Aber die aktuelle Auswahl lässt ihre Fans wieder träumen. Trainer Marco Rossi lässt einen Fussball spielen, der ein wenig an Bayer Leverkusen erinnert. Mit etwas Losglück winkt der Halbfinal.
Leo Helfenberger: Sehr zum Leidwesen der Schweiz werden die Schotten alle überraschen. Ihre starke Defensive wird sie bis in den Halbfinal tragen.
Julien Caloz: Wenn ich mit meinem Favoriten für das Turnier (Holland) übereinstimme, muss ich auf Bart Verbruggen antworten. Der Goalie ist jung (21 Jahre) und unerfahren (6 Länderspiele), aber er ist super talentiert und hat das Vertrauen seines Trainers. Eine goldene Chance.
Philipp Reich: Georgien. Dank zwei Toren von Napoli-Bomber Kwarazchelia schlägt der EM-Neuling Tschechien und zieht dank des Torverhältnisses tatsächlich in den Achtelfinal ein. Dort sind die tapferen Georgier trotz ähnlicher Flagge gegen England aber chancenlos.
Reto Fehr: Ich hoffe sehr auf Georgien. Da wollte ich hin während der EM 2020, die ja dann um ein Jahr verschoben wurde. Darum fiel das alles ins Wasser, aber die Faszination blieb. Georges Mikautadze und Khvicha Kvaratskhelia wird ab Juli jeder Sportjournalist fehlerfrei schreiben können. Vielleicht ist einfach die junge Generation noch nicht ganz so weit. Aber spätestens 2028 kommen sie ins Viertelfinal. Dann kann ich sagen: Ich hab's schon immer gewusst.
Yoann Graber: Die positive Überraschung wird Georgien sein. Das Land befindet sich in einer einigermassen ausgeglichenen Gruppe (mit der Türkei, Tschechien und Portugal) und mit seinem Juwel Khvicha Kvaratskhelia kann es sich Hoffnungen auf einen Exploit machen. Ausserdem werden die Georgier ohne Druck spielen.
Niklas Helbling: Es tut zwar weh, aber ich glaube Österreich. Immerhin spielen Marcel Hirscher und Vincent Kriechmayr nicht mit, sonst hätte ich das nicht übers Herz gebracht. Aber die Ösis haben ein super Team und mit Ralf Rangnick einen taktisch sehr guten Trainer. Die Gruppe ist mit Frankreich, der Niederlande und Polen zwar hart, aber es würde mich nicht überraschen, wenn sie Zweiter werden, wodurch sie im Achtelfinal einen leichten Gegner hätten. Der Viertelfinal liegt also drin – was eine Premiere für unseren Nachbarn wäre.
Katja Burgherr: Eigentlich würde ich Österreich dieses Jahr viel zutrauen, wären sie nicht in einer der schwierigsten Gruppen. Aber wer weiss, vielleicht gelingt unseren Nachbarn das vermeintlich Unmögliche trotzdem.
Reto Fehr: Immer schwierig. Irgendeine überspielte Startruppe trifft's hoffentlich auch dieses Jahr. Meine Hitrangliste wäre so: Deutschland, Italien, Portugal, Spanien, Frankreich. In that order. Wirklich glücklich wäre ich, wenn die alle negativ überraschen würden.
Adrian Bürgler: Italien hat Stürmerprobleme, Verletzungssorgen in der Abwehr und eine schwierige Gruppe. Der Titelverteidiger reist viel früher ab, als das viele erwarten.
Yoann Graber: Italien. Der amtierende Europameister wird nicht einmal aus seiner komplizierten Gruppe (Albanien, Spanien und Kroatien) herauskommen.
Ralf Meile: Italien. Die Squadra Azzurra verpasste die letzten beiden Weltmeisterschaften, wurde zwischendurch aber Europameister. Mit der Titelverteidigung klappt es nicht, weil die Italiener gegen Albanien, Spanien und Kroatien nur zwei Punkte holen und ausscheiden.
Niklas Helbling: Das tut hingegen gut: die Holländer. Natürlich haben sie eine überragende Defensive und auch starke Offensivspieler. Aber das immer wichtigere Mittelfeld überzeugt mich nicht so – gerade jetzt, da Frenkie de Jong ausfällt. Dazu kommt die schwere Gruppe. Ich prophezeie leere Camping-Plätze nach dem Achtelfinal.
Phillipp Reich: Deutschland. Es gibt leider kein zweites Sommermärchen. Die DFB-Elf hält dem Druck im eigenen Land in der Vorrunde mit einem Sieg gegen die Schweiz im letzten Gruppenspiel zwar noch knapp stand, in der K.o.-Runde zittern Toni Kroos und Co. dann aber die Knie. Gegen Dänemark setzt es im Achtelfinal eine bittere 0:2-Pleite ab.
Katja Burgherr: England. Denn für die Briten, die bei den Männern seit 1966 auf einen Titel warten, ist alles andere als die Trophäe eine Enttäuschung. Und mir persönlich gefällt «Don't Look Back in Anger» einfach besser als «It’s Coming Home».
Leo Helfenberger: Die Niederländer scheiden in der Gruppenphase überraschend aus.
Julien Caloz: Kylian Mbappé. Er ist ausser Form, körperlich geschwächt und die Erwartungen an ihn sind viel zu gross, seit Didier Deschamps sein taktisches System geändert hat, um ihn in die beste Position zu bringen.
Reto Fehr: Obwohl die Niederländer ja das Turnier gewinnen, werden sie den Torschützenkönig nicht stellen. Der wird nämlich auf den Namen Phil Foden hören und im Final unglücklich verlieren.
Ralf Meile: Cristiano Ronaldo. Dem 39-Jährigen kommt zugute, dass Portugal mit der Türkei, Tschechien und Georgien eine sehr machbare Gruppe hat.
Julien Caloz: Cristiano Ronaldo. Dies ist wahrscheinlich sein letztes grosses internationales Turnier und er will ihm seinen Stempel aufdrücken. Es spielt keine Rolle, ob er in der Startelf steht oder als Joker aufläuft: Wenn er auf dem Platz steht, wird der Torjäger von Al-Nassr (44 Tore und 13 Vorlagen in dieser Saison) ein gefürchteter Spieler sein.
Niklas Helbling: Mbappé? Kane? Nein, Lücke! Niclas Füllkrug schiesst Deutschland zum EM-Titel – erst als Joker, dann als Stammspieler. Meine deutsche Hälfte des Herzes wieder.
Philipp Reich: Es kann nur einen geben: Harry Kane. Siebenmal netzt der Bayern-Stürmer ein, zweimal davon allein im Final.
Leo Helfenberger: Harry Kane wird in jedem Spiel ein Tor schiessen und damit locker zum Torschützenkönig.
Adrian Bürgler: Obwohl die Spanier Europameister werden, wird keiner von ihnen Torschützenkönig. Diese Ehre gehört Kylian Mbappé. Aber auch er kann die zweite Finalniederlage der Franzosen in Folge nicht verhindern.
Katja Burgherr: Kylian Mbappé!
Yoann Graber: Kylian Mbappé!
Adrian Bürgler: Rodri: Wer bei Manchester City über Sieg oder nicht entscheidet, ist definitiv gut genug, um an der EM zum Schlüsselspieler zu werden. Der 27-Jährige verteidigt, schaltet und waltet in Spaniens Mitte und führt die «Fura Roja» so zum grossen Triumph.
Ralf Meile: Rodri. Nach den vielen Titeln mit Manchester City macht der Mittelfeldspieler nun Spanien zum Europameister.
Philipp Reich: Phil Foden. Er ist in der Form seines Lebens und wird mit seinen vier Toren und fünf Assists Topskorer des Turniers.
Katja Burgherr: Toni Kroos. Er ist nach wie vor in Topform, gewann gerade erst die Champions League und kehrte für das Heimturnier in die Nationalelf zurück. Der 34-Jährige hat angekündigt, dass er seine Profi-Karriere nach der EM beenden wird – an seinem letzten Turnier dürfte er noch einmal alles geben.
Reto Fehr: Arda Güler wird explodieren. Zu Beginn vielleicht noch Ergänzungsspieler wird er die ersten Partien von der Bank aus entscheiden, am türkischen Märchen mitschreiben und ab dem entscheidenden Gruppenspiel gegen Tschechien (2:0-Sieg) zur Stammelf gehören.
Leo Helfenberger: Bukayo Saka will es allen zeigen und läuft deshalb zu Topform auf. Er wird nicht viele Tore schiessen, aber hat dafür sonst die Fäden im englischen Offensivspiel in der Hand.
Julien Caloz: Harry Kane. Er wird ein Tor weniger schiessen als Cristiano Ronaldo und sein Team wird das Finale gegen die Niederlande verlieren, aber er wird das Spiel entscheidend prägen, denn er ist mehr als nur ein Super-Stürmer: Er ist ein grossartiger Spieler.
Yoann Graber: Harry Kane!
Niklas Helbling: Okay, langsam wird es sehr Deutschland-lastig, aber ich komme einfach nicht drumherum. Wenn Mbappé oder Kane bester Spieler wären, müssten sie auch die meisten Tore schiessen. Deshalb sag ich Florian Wirtz, der eine Partie auch ohne eigenes Tor beeinflussen kann – Real Madrid will den 21-Jährigen ja nicht umsonst. Wenn man ihn mit genügend Kartoffeln füttert, schiesst er im Final dann aus dem Hintergrund das Siegestor.