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Vergangene Zeiten: Schaffhausen und Chiasso spielen auf der Breite um den Aufstieg in die Super League.
Vergangene Zeiten: Schaffhausen und Chiasso spielen auf der Breite um den Aufstieg in die Super League.Bild: keystone

Als die Schweiz 2003 für eine Saison den kuriosesten Modus der Geschichte hatte

Die Schweizer Fussballmeisterschaft soll einen neuen Modus erhalten – wieder einmal. Aus der Reihe der Änderungen ragt jene für die Challenge League der Saison 2003/04 heraus. Da hatte die Schweiz einen Modus erfunden, der schon nach einem Jahr wieder beerdigt wurde.
06.04.2022, 14:5007.04.2022, 13:39
«Man könnte in jedem Team eine Frau mitspielen lassen. Jeder Treffer der Frau zählte dreifach. Das wäre doch spannend.»

Man kann wohl nicht sagen, dass der Redaktor der «Südostschweiz», der mit obigem Zitat aufhorchen liess, ein grosser Fan des neuen Modus der neuen Nationalliga B war. Challenge League hiess die von 2003 an und mit dem neuen Namen kam ein nie dagewesener Modus hinzu.

Frauen spielten weder mit, noch zählten ihre Tore dreifach. Innovativ war hingegen das neue Konzept, die Meisterschaft nach einer Europacup-Formel auszutragen.

Das bedeutete: Zwei Teams trafen jeweils in zwei Spielen hintereinander aufeinander. Sowohl für das Hin- wie für das Rückspiel gab es die üblichen Punkte (drei für den Sieg, einen für ein Unentschieden). Der Gesamtsieger erhielt dazu aber zwei Bonuspunkte und stand es nach zwei Spielen unentschieden, entschied ein Penaltyschiessen darüber. Ein «Kurzschluss in den Planerhirnen» sei dafür verantwortlich, wetterte der besagte Redaktor der «Südostschweiz».

Bellinzonas Cristian Ianu (links) feiert mit seinen Mitspielern einen Treffer.
Bellinzonas Cristian Ianu (links) feiert mit seinen Mitspielern einen Treffer.Bild: keystone

«Versuchskaninchen Nationalliga B»

Auch andernorts überwog die Skepsis über den revolutionären Modus. Die NZZ schrieb vom «Versuchskaninchen Nationalliga B» und die «Basler Zeitung» meinte, das Konzept «mag spannend tönen, ist aber zwiespältig. Die Tabelle wird nur noch von geübten Mathematikern auszutarieren sein.»

Der Journalist hatte insbesondere Fragen zum Spielplan: Wer das Glück habe, einem durch Verletzungen oder Sperren geschwächten Team zu begegnen, profitiere gleich zweimal. Und wer gegen Saisonende ambitionslose Gegner im Programm habe statt direkte Rivalen, könne gleich mehr als doppelt profitieren, mit zwei Siegen und den Bonuspunkten. «Manches am Konzept wirkt jedenfalls unausgegoren.»

Vor dem Saisonstart fragte man sich, wie die Änderungen sich auf die Partien auswirken würden. Da im Rückspiel gewissermassen fünf Punkte auf dem Spiel standen, waren die Trainer gefragt: Wer etwa das Hinspiel klar gewinnt, könnte sich im Rückspiel ja damit begnügen, den Vorsprung zu verwalten, um die Bonuspunkte zu holen – und im allerbesten Fall durch einen gelungenen Konter auch das Auswärtsspiel zu gewinnen.

Auch hier wurde Challenge League gespielt: im Stade du Bois-Carré des FC Meyrin.
Auch hier wurde Challenge League gespielt: im Stade du Bois-Carré des FC Meyrin.bild: keystone

Skeptische Trainer

Dem Trainer von Concordia Basel, Marcel Hottiger, schwebte eine solche Kontertaktik für die Auswärtsspiele vor. «Für eine Ausbildungsliga ist die Formel sicherlich nicht die richtige», kritisierte er den neuen Modus. Luzerns Coach Urs Schönenberger nannte ihn «brutal. Da kannst du bis in die vorletzte Runde die Tabelle anführen. Dann fehlen vielleicht ein, zwei Spieler, man verliert und kann bei diesem Modus mit den Bonuspunkten noch zurückfallen.»

Schönenbergers Amtskollege Stefan Marini vom SC Kriens meinte dagegen in der «Neuen Luzerner Zeitung», er sei davon überzeugt, dass die Anwendung der Europacup-Formel auch ihre positive Seite habe: «Die Qualität wird sich durchsetzen.»

Constantin mischt die Liga auf

Die Einführung geschah parallel zur Einführung der Zehnerliga auf höchster Ebene, die nun nicht mehr Nationalliga A hiess, sondern Super League. Im «Sonntagsblick» meinte Ralph Zloczower, der Präsident des Schweizerischen Fussballverbands, dazu: «Neuer Modus, neue Hoffnung, neuer Name.»

Der neue Name
Die «Nationalliga B» wurde 2003 abgeschafft und ersetzt. «Sie heisst jetzt grossspurig Challenge League, dabei wird von Agno bis Yverdon vornehmlich die Provinzialität gepflegt», spottete der «Tages-Anzeiger». Derweil fand Luzern-Trainer Urs Schönenberger: «Tönt doch gut, auf jeden Fall besser als Nationalliga B.» Er fügte aber zugleich an: «Nur denke ich, dass es irgendwie die Nati B bleiben wird.» Womit er aus heutiger Sicht recht hatte.

Er habe in all den Jahren schon manchen Modus erlebt, man könne dadurch nicht die Lösung aller Probleme erwarten, betonte Zloczower: «Wenn in den Vereinen immer wieder neue Leute an die Macht kommen und die Dummheiten ihrer Vorgänger wiederholen, kann kein Modus helfen.»

Hatten das Heu nicht immer auf derselben Bühne: Sion-Präsident Christian Constantin (links) und SFL-Direktor Edmond Isoz.
Hatten das Heu nicht immer auf derselben Bühne: Sion-Präsident Christian Constantin (links) und SFL-Direktor Edmond Isoz.Bild: keystone

Ein altbekannter «neuer» Chef beschäftigte auch die Challenge League. Christian Constantin, von 1992 bis 1997 und seit 2003 wieder Präsident des FC Sion, sorgte noch vor Beginn der Saison für Wirbel. Die Walliser waren wegen Finanzproblemen in die 1. Liga zwangsrelegiert worden und wehrten sich dagegen. Der Spielplan der Challenge League mit 16 Mannschaften geriet so noch vor dem ersten Anpfiff ins Wanken.

Halbzeit-Bilanz ernüchternd

Tatsächlich gelang es CC, Sion in die Liga einzuklagen. Rund drei Monate nach Saisonbeginn stieg auch der FC Sion ein – und sorgte damit und als 17. Team dafür, dass der schöne Spielplan mit Hin- und Rückspielen durcheinander geriet. Dafür sorgte auch Schneefall, etwa im auf 1000 Meter über Meer gelegenen La Chaux-de-Fonds.

Saisonstart Ende Oktober: Sions Spielertrainer Didier Tholot (rechts) gegen Bulles Yann Verdon.
Saisonstart Ende Oktober: Sions Spielertrainer Didier Tholot (rechts) gegen Bulles Yann Verdon.Bild: keystone

Zu Saison-Halbzeit war Zeit, um eine erste Bilanz zu ziehen. Sie fiel mehrheitlich ernüchternd aus. Schaffhausens Trainer Jürgen Seeberger berichtete vom Rückspiel gegen Malcantone Agno. Die Tessiner hatten das Hinspiel 3:1 gewonnen und lagen nun früh mit 1:2 zurück – und zogen sich dennoch zurück, wie wenn Liechtenstein gegen Deutschland spielt. Seebergers Kommentar: «Ein Team, das eine Niederlage verteidigt, das kann einfach nicht sein.»

Mit René Morf staunte auch ein Spieler von Malcantone Agno. Der Tessiner hatte in Delémont 1:2 verloren, auf der Heimfahrt im Car hatten viele Kollegen des Routiniers dennoch beste Laune: Dank dem 4:2-Hinspielsieg gab es Bonuspunkte zu bejubeln. «Ist diese Regel wirklich im Sinn des Sports erfunden worden?», fragte Morf in der «Sonntagszeitung». Es brauche «sehr viel Fantasie», um auf solche Ideen zu kommen.

Der Ball glich jenem der Champions League: René Morf im Zweikampf.
Der Ball glich jenem der Champions League: René Morf im Zweikampf.Bild: keystone

Jacobacci, der Philosoph

Wobei gerade im Tessin der Modus noch am ehesten Anklang fand. Chiasso-Präsident Marco Grassi hatte zunächst wie viele andere Bedenken, doch er stellte fest, dass der Kampf um Bonuspunkte «für die Zuschauer ein Anreiz ist, ins Stadion zu kommen.» Damit war der Ex-Nationalstürmer eher die Ausnahme. Die Zuschauerzahlen blieben weitgehend schlecht, Yverdon-Präsident Paul-André Cornu sagte: «Die neue Formel bringt keinen einzigen zusätzlichen Zuschauer ins Stadion.»

Winterthurs Sportchef René Weiler sprach in der «Aargauer Zeitung» von einem «für Trainer interessanten und anspruchsvollen Modus», nannte als Fazit aber dennoch: «ernüchternd». Wohlen-Trainer Martin Rueda war mit seinem Team zwar ein Profiteur der Bonus-Regelung, verbarg seinen Unmut aber nicht: «Sofort weg mit dem Modus!» Und Maurizio Jacobacci, Trainer in Delémont, wurde zum Philosophen: «Veränderung heisst in diesem Fall nicht Verbesserung.»

Wandervogel: Maurizio Jacobacci spielte für neun Schweizer Klubs und war bei schon bei 16 Klubs Trainer.
Wandervogel: Maurizio Jacobacci spielte für neun Schweizer Klubs und war bei schon bei 16 Klubs Trainer.Bild: keystone

Erst das Festhalten am Modus, wenig später das Absägen

Die Liga hielt dem neuen Modus noch die Stange. Edmond Isoz, der Direktor der Swiss Football League, galt als sein Erfinder. Isoz gab in der Winterpause zu, dass der Modus verbesserungsfähig sei, «aber grundsätzlich ziehe ich eine positive Bilanz.»

Als am 16. Januar 2004 die Liga zur Generalversammlung zusammen kam, war das Schicksal der Europacup-Liga in der Provinz offen. Der Modus blieb, der neue Liga-Präsident Peter Stadelmann kündigte indes weitere Überlegungen an: «Es ist dringend nötig, dass wir etwas ändern.» Da nach der Eingliederung Sions 17 Teams in der Challenge League waren, wurde für die Saison darauf eine Aufstockung auf 18 Teams beschlossen. Stadelmann sprach von der Möglichkeit einer Ost- und einer West-Gruppe oder von Playoffs, um die Meisterschaft reizvoller zu gestalten. Es kam weder zum einen noch zum andern.

Keine drei Monate nach der Zusammenkunft war es dann doch um den Europacup-Modus geschehen. 13 der 17 Klubs votierten Anfang April an einer ausserordentlichen Generalversammlung für dessen Abschaffung. Chiasso-Boss Grassi bedauerte es, er hätte den Versuch gerne zumindest eine zweite Saison lang durchgeführt. «Der Modus hatte gar nie eine echte Chance, weil die Tabelle mit der Eingliederung von Sion völlig unübersichtlich geworden ist.»

Kultspieler unter sich: Sions Fredy Chassot prüft Winterthur-Goalie Erich Hürzeler.
Kultspieler unter sich: Sions Fredy Chassot prüft Winterthur-Goalie Erich Hürzeler.Bild: keystone

«Eine Liga für abenteuerliche Experimente»

Für die NZZ war der Abbruch des Experiments ein logischer Schritt, die Einsicht habe sich nach einem Jahr durchgesetzt. «Die Formel verhinderte scharfe Konturen in der Tabelle und liess die Abstände zwischen Spitzenteams und Verfolgern über Gebühr anwachsen.»

Die «Sonntagszeitung» analysierte, dass die Challenge League «eine Liga für abenteuerliche Experimente bleibt, welche die Zuschauer und Sponsoren nur am Rande interessiert.» Die Frage sei bloss, wie lange sich die Klubs das noch leisten können, «doch diese Frage stellt man sich mittlerweile seit 20 Jahren.» Zumindest das hat sich auch in den vergangenen 20 Jahren nicht gross geändert. Nach wie vor ringt die Challenge League um mehr Aufmerksamkeit.

Prost! Schaffhausen-Captain Martin Ogg feiert den Aufstieg.
Prost! Schaffhausen-Captain Martin Ogg feiert den Aufstieg.Bild: Keystone

Bonuspunkte ändern nicht viel

Fussball wurde natürlich auch gespielt in der Saison 2003/04. Die Schlusstabelle zeigte, dass sich durch die Bonuspunkte nicht viel verändert hatte. Schaffhausen stieg in die Super League auf, Vaduz qualifizierte sich für die Barrage und der Absteiger hiess Delémont. Alle diese drei Plätze wären auch ohne Bonuspunkte durch diese drei Teams belegt worden. Neue Rangierungen hätte es auf den Positionen 3 bis 10 gegeben, Concordia wäre als grösster Profiteur des herkömmlichens Modus 5. statt 9. geworden.

Die Abschlusstabelle:

tabelle: wikipedia

Seit der Saison 2012/13 wird die Challenge League von zehn Mannschaften bestritten, die vier Mal gegeneinander spielen. Daran soll sich auch nichts ändern, wenn die Pläne für eine Aufstockung der Super League auf zwölf Teams angenommen werden. In Stein gemeisselt ist im Schweizer Klubfussball jedoch nichts. Einen Modus mit Europacup-Formel und Bonuspunkten wird es aller Voraussicht nach aber nie mehr geben.

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Die Super-League-Absteiger seit 2005

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10 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tribute
06.04.2022 15:27registriert November 2021
Über den Modus sollen sich andere Leute den Kopf zerbrechen, aber immer gegen die selben 9 Teams zu spielen ist mit der Zeit einfach fad.
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Lapsusius
06.04.2022 15:10registriert November 2014
"Wir wollen Punkte - 8 Punkte!!" Kurvengebrüll anno dazumals
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harbourCity
06.04.2022 16:38registriert Januar 2021
Besser als all die Playoff Ideen wars auf jeden Fall
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