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Mit Kaiserslautern holt Ciriaco Sforza (die Schale haltend) 1998 den deutschen Meistertitel.
Mit Kaiserslautern holt Ciriaco Sforza (die Schale haltend) 1998 den deutschen Meistertitel.
Bild: EPA DPA

«Mein Körper hat rebelliert» – Ciriaco Sforza gibt überraschend offenes Interview

24.07.2019, 09:4924.07.2019, 10:30

Die Trainerkarriere von Ciriaco Sforza verlief bisher weniger erfolgreich als jene als Spieler. Momentan trainiert er in der Challenge League den FC Wil, während er als Aktiver die Champions League und die deutsche Meisterschaft gewann. Dazwischen kämpfte er aber auch mit psychischen Problemen. Im Interview mit «SPOX» erzählt der ehemalige Nati-Spieler, wie er durch die schwierigen Zeiten kam und warum er mit seiner aktuellen Situation zufrieden ist.

Sforza über ...

... Warnzeichen des eigenen Körpers

«Vor einigen Jahren zeigte mir mein Körper, dass er eine Pause braucht. Dass er ausgelaugt ist. Mein Körper hat rebelliert. Der Akku war leer. Ich hatte Zeit, mir über mein Leben Gedanken zu machen. Ich bin sehr froh, sowohl die positiven als auch die negativen Erfahrungen gemacht zu haben. Dank ihnen kann ich sagen: Ich werde im nächsten Jahr fünfzig und bin ein ganz anderer Mensch geworden. Ich bin glücklich mit meinem Leben.»
Mit bald 50 Jahren hat Sforza das Glück wiedergefunden.
Mit bald 50 Jahren hat Sforza das Glück wiedergefunden.
Bild: KEYSTONE

... Offenheit in schlechten Zeiten

«Es war sehr wichtig, dass ich mich öffnen konnte, als es mir nicht gut ging. Ich hatte sehr gute Menschen um mich herum, die mich bestärkt haben. Die mir sagten, dass ich mich nicht verstecken muss. Wenn ich weinen musste, musste ich weinen. Die Offenheit tat mir gut. Ich lüge mich nicht mehr an.»

... Panikattacken

«Ich bin nachts um 2 Uhr im Bett gelegen, mit weiten Pupillen, klatschnass. Ich hatte Angst, alleine zu sein, weil ich Angst hatte, dass mir etwas passiert. Das war die erste Phase, in der mein Körper platt war und zugemacht hat. Am Anfang habe ich nicht gewusst, wie ich damit umgehen soll. Du darfst keine Angst haben, Angst ist ein gefährliches Zeichen.»

... professionelle Hilfe

«Ich hatte eine Person an meiner Seite, die mir geholfen hat. Aber ich habe keine Medikamente genommen. Es lief alles über Gespräche und gewisse Übungen, die ich für mich gemacht habe.»

... Psychologie im Profifussball

«Ich würde es begrüssen, wenn jeder Verein mit einem Psychologen zusammenarbeiten würde. Die Spieler müssen mit viel Druck und Stress umgehen. Es ist nicht immer einfach, alles mit nach Hause zu schleppen. Es kann auch nicht die Aufgabe des Trainers sein, das wird zu viel. Ich bin generell der Meinung, dass heutzutage immer weniger eine offene und ehrliche Kommunikation stattfindet. Es geht um so viel Geld, es herrscht so viel Druck.»

... die Situation, mit 16 bereits Profi zu werden

«Damals ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich habe nicht gedacht, dass ich meine Jugend verpasse. Ich hatte die Chance, ganz früh mein Hobby zu meinem Beruf zu machen. Was gibt es Schöneres? Erst im Rückblick habe ich gemerkt, dass ich mit 16 Jahren in einen Tunnel reingefahren bin, in dem ich dann 18, 19 Jahre lang geblieben bin. Ich habe die wunderschönen Seiten des Geschäfts erleben dürfen und Momente erlebt, die in so jungen Jahren nicht selbstverständlich sind.»
In jungen Jahren bei GC gesetzt: Ciriaco Sforza.
In jungen Jahren bei GC gesetzt: Ciriaco Sforza.
Bild: KEYSTONE

... die Anfänge mit Ottmar Hitzfeld

«Ottmar ist 1988 als sehr erfolgreicher Aarau-Trainer zu GC gekommen. In der Vorbereitung habe ich gemerkt, dass er mich nicht als Spieler fürs Zentrum sieht, sondern für die Aussenbahn. Das hat mir nicht so gut gefallen. Ich bin dann im Tausch für Thomas Wyss nach Aarau gewechselt. Eineinhalb Jahre später holte mich Ottmar zu GC zurück, für knapp eine Million Schweizer Franken. Damals war das viel Geld.»

... die Zeit bei Kaiserslautern

«Wenn ich an den alten Betzenberg denke, kribbelt es heute noch. Die Fans waren einen Meter vom Spielfeld entfernt. Für einen Fussballer gibt es nichts Schöneres, als diese Emotionen zu spüren. Kaiserslautern ist für mich meine zweite Heimat geworden und der FCK für immer ganz tief in meinem Herzen.»

... den Titel mit Kaiserslautern

«Die Champions League zu gewinnen, ist etwas ganz ganz Grosses, aber wenn du als Aufsteiger am ersten Spieltag in München gewinnst, in der Rückrunde die Bayern nochmal wegputzt und von Anfang bis Ende der Saison ganz oben stehst, dann steht dieser Erfolg für mich persönlich mindestens so weit oben wie der CL-Titel.»

... die andere Fussballwelt bei den Bayern

«Bei Bayern ist es so: Entweder du schließt dich gewissen Gruppen an, oder du bekommst Probleme. Ich war aber nicht der Typ, der in diese Gruppen reinpasste. Ich wollte einfach ehrliche Arbeit verrichten und habe mich auch nie davor gescheut, meine Meinung zu sagen. So kam es zu ein paar Differenzen.»

... den grössten Fehler der Karriere

«Der Wechsel zu Inter. Das war eine Enttäuschung und ein Fehler, den ich heute nicht mehr machen würde. Ich bin zu Inter gegangen, weil Roy Hodgson dort Trainer war, zu dem ich in der Nationalmannschaft ein besonderes Verhältnis aufgebaut hatte. Ausserdem war es angesichts meiner italienischen Wurzeln auch hier wieder ein Traum für mich, der in Erfüllung ging. Ich habe erlebt, welche Welten zwischen Inter und Bayern liegen – in puncto Infrastruktur, Organisation und Auftreten.»
Heute würde Sforza nicht mehr zu Inter wechseln.
Heute würde Sforza nicht mehr zu Inter wechseln.
Bild: NEW PRESS

... die Karriere als Trainer

«Ich habe am Anfang kurz überlegt, ob Sportdirektor oder Trainer besser zu mir passt, aber mir war schnell klar, dass ich auf dem Rasen bleiben will und dort mein Zuhause ist. Ich bin nach der Spielerkarriere ohne Pause in den Trainerberuf gerutscht, das würde ich heute anders machen, aber so war nun mal mein Weg.»

... die eigene Zukunft

«Ich bin sehr glücklich in Wil. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass die Bundesliga nicht interessant für mich ist. Natürlich ist die Bundesliga ein Thema, aber der Zeitpunkt muss passen. Im Moment habe ich grosse Freude an meiner Arbeit in Wil. Das ist alles, was zählt.»

(abu)

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Die Rekordspieler der Schweizer Nati
quelle: imago / pressefoto baumann / imago / pressefoto baumann
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