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The players from Lugano with Fulvio Sulmoni, left, react after the UEFA Europa League Group G match between Switzerland's FC Lugano and Romania's FC Steaua Bucharest, on Thursday, September 28, 2017 in the swissporarena stadium in Lucerne, Switzerland. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Mit Lugano (Bild) und Thun spielte Fulvio Sulmoni in der Europa League. Bild: KEYSTONE

Ex-Profi Sulmoni spricht Klartext: «Der Fussball ist eine Welt voller Wahnsinn und Lügen»



Nach rund 350 Partien in den höchsten beiden Schweizer Ligen und im Europacup beendete Fulvio Sulmoni im Sommer seine Laufbahn. Der 34-jährige Tessiner hat nun ein Buch veröffentlicht, das er während seiner Karriere geschrieben hat: Im Hotelzimmer vor einer Partie oder im Car auf der Heimfahrt vom Spiel. Gegenüber dem «Sonntagsblick» sprach der Ex-Profi des FC Thun und des FC Lugano über seine Erfahrungen. Er habe sich entschieden, «meine Wahrheit, meine Sicht» zu schildern. Denn als Fussballer habe er sich immer politisch korrekt verhalten und den Leuten gesagt, was sie von ihm hören wollten.

Über die Motivation, ein Buch zu schreiben:

«Ich wollte mit einem Klischee aufräumen. Das Leben eines Fussballprofis gilt als Traum. Viel Geld, Luxus, Popularität, viel Freizeit, keine Sorgen. Ein Leben auf der Sonnenseite. Fussballer gilt als einer der schönsten Berufe der Welt. Aber für mich fühlte es sich nur an ganz wenigen Tagen als der schönste Beruf der Welt an. Ich habe wegen des Fussballs sehr viele sonnige Tage meines Lebens verpasst, an denen ich glücklich hätte sein können. Stattdessen war ich frustriert. Der Fussball hat mir wehgetan. Und ich bin nicht allein.»

«Piacere di averti conosciuto» heisst sein Buch, das im Oktober erschienen ist: «Es ist mir ein Vergnügen, dich kennengelernt zu haben.» Fulvio Sulmoni schrieb es ohne Ghostwriter. Demnächst lässt er das 160 Seiten starke Buch auf Deutsch übersetzen.

Worauf man gefasst sein muss, wenn man in ein Profiteam kommt:

«Auf eine Welt, in welcher man kämpfen muss. Auf eine Welt voller Wahnsinn und Lügen. Auf eine Welt, in welcher mit Sicherheit schwierige Momente kommen werden: Verletzungen, Operationen, psychischer Druck, Konkurrenzkampf, schlaflose Nächte, Depressionen, öffentliche Kritik, Mobbing von Trainern, Sportchefs oder der Gesellschaft, Zukunftsangst.»

Sulmoni spielte bei den vier grossen Tessiner Klubs (Lugano, Bellinzona, Chiasso und Locarno), setzte aber nicht nur auf die Karte Fussball. Er besitzt einen Bachelor in Wirtschaft, hat den Masterabschluss in Finanzen und arbeitet nun in Lugano auf einer Bank.

Was er jungen Spielern rät:

«Eine Karriere wie meine ist viel wahrscheinlicher als eine solche von Zlatan Ibrahimovic. Deshalb ist mein wichtigster Rat an die Jungen: Egal, wie talentiert ihr seid, macht eine Ausbildung! Das ist essenziell. Denn der Fussball braucht dich – und wenn er und wenn er dich nicht mehr braucht, spuckt er dich aus. Und wenn du dann ohne Ausbildung mit 30 auf der Strasse stehst, hast du wirkliche Probleme. Du bist mitten im Leben und hast keine Ausbildung, nichts. Keiner hat auf einen ehemaligen Fussballer gewartet.»

Im Sommer 2018 erkrankte Sulmoni an Hodenkrebs. Die Krankheit habe ihm die Kraft gegeben, sein Buch zu veröffentlichen, sagte er dem «Sonntagsblick». Eigentlich habe er es in erster Linie für sich geschrieben, als eine Art Therapie.

Weshalb er wochenlang trotz Leistenbruch gespielt hat:

«Ich war in Thun auf dem Höhepunkt meiner Karriere, hoffte auf einen neuen, noch besseren Vertrag. Also biss ich auf die Zähne, weil ich Angst hatte, dass ich meinen Stammplatz verlieren und meine Zukunft aufs Spiel setzen könnte. Spielst du sechs Monate nicht, riskierst du deine Zukunft. Privat ging ich vor lauter Schmerzen an Krücken, als Fussballer nahm ich Schmerzmittel und spielte – bis es nicht mehr ging.»

Die Thuner Fulvio Sulmoni, links, und Berat Sadik feiern den Treffer zum 3:2 im Fussball Super League Spiel zwischen dem FC Thun und dem FC Luzern, am Dienstag, 23. September 2014, in der Stockhorn Arena in Thun. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Sulmoni im Dress des FC Thun: Tore erzielt er als Verteidiger nur selten, umso mehr freut er sich darüber. Bild: KEYSTONE

Im Sommer 2013 verliess Sulmoni das Tessin. Beim FC Thun erlebte er die wohl beste Phase seiner Karriere, war Stammspieler in der Innenverteidigung. Doch er lernte auch die andere Seite kennen, jene, dass von einem Kader mit 20 bis 25 Spielern immer nur elf in der Startaufstellung stehen können.

Weshalb er sich manchmal geschämt hat:

«Dein Mitspieler ist dein härtester Konkurrent. So funktioniert das System Fussball. Als ich als Ersatzspieler auf der Bank sass, hoffte ich, wir würden verlieren. So hart es tönt, aber mir war klar: Gewinnt meine Mannschaft, bleibe ich auf der Bank. Und als Ersatzspieler habe ich schlechte Argumente für einen neuen Vertrag. Dass ich so dachte, hat mich schockiert und sehr beschäftigt.»

Sein Buch sieht Fulvio Sulmoni nicht als Abrechnung mit dem Fussball an: «Es ist ein einfaches Zeugnis über meine ganz persönlichen Erfahrungen in dieser Welt geworden.» Er wolle die Schattenseiten hinter der glitzernden Fassade aufzeigen. Da er die Karriere hinter sich habe, habe er keine Kompromisse machen müssen: «Keine Gedanken oder Erfahrungen habe ich aus Angst vor irgendwelchen Konsequenzen weggelassen.» (ram)

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