Der Blick zurück kommt immer vor dem Blick in die Zukunft. So überrascht es nicht, dass in England nach der späten und etwas glücklichen Viertelfinal-Qualifikation in der Verlängerung noch das gestrige Spiel gegen die Slowakei den Diskurs dominiert. Der anstehende Viertelfinal (Samstag, 18 Uhr) gegen die Schweiz ist noch etwas weiter weg – aber durchaus schon Thema.
England-Legende Gary Lineker diskutiert in seinem Podcast «The Rest is Football» mit seinen Stammgästen Alan Shearer und Micah Richards auch zuerst den gestrigen Auftritt der «Three Lions». Dabei verlieren sie kaum ein gutes Wort über die Mannschaft von Trainer Gareth Southgate. «Ich kann mich nicht daran erinnern, eine englische Mannschaft derart armselig zu sehen. Sie hatten 2 Schüsse aufs Tor. Das war’s in 120 Minuten», kritisierte Lineker.
Diese englische Mannschaft habe keinen Zusammenhalt, keine Organisation und stehe immer extrem weit auseinander, fuhr der 63-Jährige fort. Natürlich stehe man nun im Viertelfinal, aber Lineker warnt: «Wäre das Spiel 60 Sekunden kürzer gewesen, wäre es als einer der peinlichsten englischen Auftritte überhaupt in die Geschichte eingegangen.»
Die Gründe dafür, da ist sich das Trio einig, sind in der fehlenden Spielidee von Trainer Southgate zu suchen. «Ich weiss nicht, was die Nachricht ist von Southgate. Ich weiss nicht, was der Plan ist, und das macht mir Sorgen», hadert Richards. Und Lineker meint: «Sie spielen einen Fussball, den die Spieler im Klub wohl so nie spielen. Natürlich zählt am Ende nur das Resultat, aber ewig kann das so nicht gut gehen.»
Entsprechend vorsichtig blickt das Experten-Trio dem Viertelfinal entgegen. «Die Schweiz wird der erste echte Test für England sein», ist sich Lineker sicher. Er sei ausserordentlich beeindruckt von den bisherigen Auftritten der Nati. Taktisch seien die Schweizer sehr gut. Sie würden hoch spielen und pressen. Ein Problem für England ortet der 80-fache englische Nationalspieler in der Schweizer Verteidigung: «Die Schweiz setzt hinten auf die Dreierkette. Harry Kane hat schon analysiert, dass England gegen Dreierketten Mühe hat und die Spieler nicht genau wissen, was sie machen sollen.»
Etwas Hoffnung bringt Richards rein, der eine Idee hat, wie die Three Lions das Team von Murat Yakin schlagen könnte: «Wir können den Schweizern auf den Seiten Probleme machen, auf dem rechten und linken Flügel.» Da brauche es Cole Palmer, der von der Mitte auf beide Seiten ausweichen könne. Und es brauche dringend Anthony Gordon, damit auf der linken Seite auch endlich Tempo im Spiel sei. «Foden wäre gegen die Schweiz zu isoliert auf der linken Seite, das funktioniert einfach nicht», analysiert der ehemalige Spieler von Manchester City.
Beeindruckt zeigen sich die Experten auch vom bisherigen Turnier von Granit Xhaka. Alan Shearer meint: «Er war brillant gegen Italien. Er hat den Laden geschmissen und das Spiel in alle Richtungen gelenkt.» Lineker geht sogar so weit, das Schweizer Spiel mit jenem von Bayer Leverkusen zu vergleichen. «Dort war Xhaka ein riesiger Bestandteil des Erfolgs. Ich frage mich, ob er nun auch versucht, dieses System bei den Schweizern einzuführen», führt er aus.
Shearer, seines Zeichens Rekordtorschütze der Premier League, zeigt sich frustriert über den bisherigen Turnierverlauf der Engländer: «Eigentlich hättest du dir vor dem Turnier die Finger abgerissen, damit du im Achtelfinal gegen die Slowakei und im Viertelfinal gegen die Schweiz spielst. Aber jetzt? Sie spielen einfach grottenschlecht.»
Ins gleiche Horn stösst auch Lineker. «Wenn du uns vor dem Turnier gesagt hättest, dass England im Viertelfinal auf die Schweiz trifft, wäre unsere Antwort gewesen: ‹Da stehen unsere Chancen gut, da sind wir favorisiert.›» Doch nun sei es schwierig, optimistisch zu sein. So lautet das nüchterne Fazit des Ex-Stürmers: «Ich glaube jetzt nicht mehr, dass wir die Favoriten sind.»
Peinlich und durchschaubar, wie hier versucht wird Druck auf unser Team aufzubauen.