«Es hätte 4000 Tote geben können»: Filippo Lombardi über 17 Jahre bei Ambri
Sie haben am 15. Januar – unter Getöse – Ihren definitiven Rücktritt bekannt gegeben als Präsident des HC Ambri-Piotta. Wie geht es Ihnen heute?
Filippo Lombardi: Ich hatte schon seit einigen Monaten über einen Rücktritt nachgedacht. Nun bin ich deutlich entspannter als auch schon.
Weil viel Druck abgefallen ist?
Der Druck war enorm. Als Aussenstehender denkt man vielleicht, ein Ambri-Präsident gebe einfach Interviews und repräsentiere den Klub. Doch die effektive Last ist sehr gross. Ich musste den Klub in 17 Jahren als Präsident mindestens dreimal retten.
Eine Rettung war gleich zu Beginn nötig.
Ich übernahm das Amt am 9. April 2009. Am Tag darauf entdeckte ich in Ambri in der ersten Schublade, die ich öffnete, einen verhängnisvollen Brief: Die Kühlanlage im Stadion Valascia werde vom Kanton am 30. April definitiv ausser Betrieb genommen. Ausnahmebewilligung und Verlängerungen gebe es keine mehr, alle Chancen waren ungenützt geblieben. Das hätte das Ende von Ambri bedeutet.
Um was ging es?
In der Kühlanlage und den angeschlossenen Rohren unter der Eisfläche befanden sich 4000 Liter hochgiftiges Ammoniak. Ein Unfall hätte dramatische Folgen gehabt. In Crans-Montana starben bei der Brandkatastrophe 41 Menschen. In Ambri hätte es bei einer Ammoniak-Katastrophe möglicherweise mehr als 4000 Tote gegeben.
Wie konnten Sie die Situation entschärfen?
Wir bauten zunächst zusätzliche Schleusen ein und konnten noch eine Saison spielen. Im Sommer danach ersetzten wir das Ammoniak in den Röhren mit Zuckerwasser. Dadurch konnte das Ammoniak auf 400 Liter reduziert werde. In der neuen Halle gibt es fast kein Ammoniak mehr, ausser in einem geschützten und luftdichten Maschinenraum.
Der Klub hatte damals auch finanzielle Probleme. Wie sah die Situation aus?
Sie war sehr, sehr angespannt. Wir nahmen 11 Millionen Franken ein und gaben 13 Millionen aus, hatten also ein strukturelles Jahresdefizit von zwei Millionen.
Sie schossen persönlich Geld ein. Wie viel war das in 17 Jahren als Ambri-Präsident?
(Überlegt lange) Insgesamt über 15 Millionen, zwischen Aktienzeichnungen, umwandelbaren Darlehen, Schenkungen und Bürgschaften. Dabei bin ich kein Milliardär.
2018 forderte die National League ultimativ, der Klub müsse mit dem Bau einer neuen Halle beginnen, wolle er in der Liga bleiben.
Der Druck, ein neues Stadion zu bauen, war seit Jahren präsent. Die Liga kommunizierte bei der Erteilung der Spielbewilligung für die Saison 2018/19, dass wir bis Ende Dezember 2018 mit dem Bau beginnen müssten, sonst würden wir für die Saison 2019/20 keine Bewilligung mehr erhalten. Es ging der Liga nicht darum, Ambri auszuschliessen. Sie wollte den Druck auf den Klub, die Behörden und die Geldgeber – inklusive Banken – dramatisch erhöhen, um den Neubau zu forcieren.
Das gelang.
Die UBS mit Sergio Ermotti willigte als erste Bank in Darlehen ein – obwohl Ermotti ein Fan des HC Lugano ist. Er betonte, die UBS habe eine soziale Verantwortung Randregionen gegenüber. Am 22. Dezember 2018 weihten wir die Baustelle mit einem Spatenstich symbolisch ein. Ueli Maurer, der Vizepräsident des Bundesrates, und 1000 geladene Gäste waren anwesend. Niemand konnte behaupten, wir hätten nicht fristgerecht begonnen, obwohl die effektiven Bauarbeiten erst fünf Monate später starteten.
Sogar Nationalrat Fabio Regazzi, Vizepräsident des HC Lugano, spricht von «einem Wunder», dass Ambri im heute stark kommerzialisierten Schweizer Eishockey noch immer existiert. Wie sehen Sie das?
Ein Wunder finde ich es auch. Dazu haben andere beigetragen, vor und mit mir, aber ich bin stolz, meine Verantwortung 17 Jahre lang wahrgenommen zu haben.
Neben dem Filmfestival Locarno ist Ambri die wichtigste Institution, die das Tessin mit der Deutschschweiz verbindet. Bis zu einem Drittel der Zuschauer kommen aus der Deutschschweiz. Müsste der Klub dieses Alleinstellungsmerkmal nicht stärker ausspielen?
Die schweizweite Sympathie ist deutlich zu spüren. Nur versuchen wir seit Jahren umsonst, sie in eine grössere finanzielle oder kommerzielle Unterstützung umzuwandeln. Ich bin allen Deutschschweizern und nationalen Sponsoren und Donatoren dankbar. Aber da brauchen wir tatsächlich ein messbares Wachstum.
Auf Teleticino sagten Sie, dank des neuen Stadions wäre ein Abstieg nicht mehr so fatal wie zuvor. Weshalb?
Mit der alten Valascia hatte ich eine ganz grosse Sorge: Im Fall eines Abstiegs hätte der Klub nie mehr für einen Wiederaufstieg kandidieren können wegen der mangelhaften Infrastruktur. Und auch in der heutigen Swiss League hätte er nur wenige Jahre spielen können, weil die Halle wegen der Lawinengefahr nicht sanierbar war. Ambri wäre zweifellos verschwunden. Das ist dank des neuen Stadions anders. Mit einer guten Infrastruktur kann man wieder aufsteigen. Wobei ich nicht denke, dass der Abstieg heute ein Thema ist.
Ein Problem bleibt: Die finanzielle Lage Ambris gilt als sehr angespannt.
Über die letzten fünf Jahre gesehen – mit der neuen Gottardo Arena – war die Erfolgsrechnung im Durchschnitt ausgeglichen. Das zeigt: Der Normalbetrieb ist kostendeckend.
Die NZZ schrieb aber von offenen Verbindlichkeiten aus dem Stadionbau von 10 Millionen. Hinter den Kulissen kursiert gar eine Zahl von 57 Millionen Schulden. Können Sie sagen, was Sache ist?
Die fünf Gesellschaften, die von der HC Ambri-Piotta SA kontrolliert werden, weisen per 30. April 2026 konsolidiert weniger als 33 Millionen Franken Schulden aus. 25 Millionen davon sind langfristige Darlehen und Hypothekarschulden der Arena, die knapp mehr als 50 Millionen gekostet hat. Eine Verschuldung, die jeder Immobilienbesitzer als tragbar ansieht, solange die Zinsen rechtzeitig bezahlt werden. In den letzten paar Saisons war das zwar wegen der höheren Zinsen schwieriger, aber wir haben es geschafft. Allerdings ist eine Schuldenrestrukturierung nötig. Sie bleibt auch dann unter meiner Verantwortung, wenn ich das Präsidium verlassen habe.
In der Covidzeit brauchte Ambri Bundeshilfe. Wie steht es mit der Rückzahlung?
In den anderen vier Gesellschaften der Gruppe müssen wir noch die Hälfte der Covidkredite zurückzahlen. Damit sind wir zurzeit prioritär beschäftigt. Da wir keine eigenen Kapitalreserven mehr haben, sind wir auf eine weitere Aktienkapitalerhöhung angewiesen. Zu den Gerüchten möchte ich aber noch etwas sagen.
Bitte.
Die finanzielle Lage von Ambri war vor zehn oder 15 Jahren viel schlimmer als heute. Dennoch haben einige Leute grosse Lust zu behaupten, Ambri weise hohe Verluste aus. Das sind keine Freunde von Ambri. Ich habe mit grossem Bedauern festgestellt, welche Behauptungen etwa die NZZ verbreitet hat. Dass sich ausgerechnet die vermutlich seriöseste Schweizer Zeitung für so etwas hergibt, ist unerträglich. Die NZZ schrieb drei Artikel zur Finanzlage von Ambri und zur Kritik gegen den Präsidenten, die offenbar auf einer einzigen Quelle basierten. Sie holte nie eine offizielle Stellungnahme ein – weder von mir noch vom Klub. Ich frage: Ist das noch Journalismus? Meine Antwort als Journalist: Nein. Das ist journalistisch und ethisch absolut unprofessionell.
Am Sonntag wird ein neuer Ambri-Präsident gewählt. Wird es ein Tessiner?
Wir haben eine gute Lösung gefunden. Sie wird am Sonntag um 11.30 Uhr den Medien bekannt gegeben.
Sie besitzen 21 Prozent der Aktien. Behalten Sie diese? Dann hätten sie zusammen mit Hauptsponsor Cornelio Valsangiacomo, der mindestens 31 Prozent hält, weiterhin die Kontrolle über Ambri.
Aktiengesellschaft heisst auf Französisch und Italienisch «Società Anonima», also «anonyme Gesellschaft». Gesetzeskonform führt der Verwaltungsrat ein Aktienregister, das aber nicht publik ist. Ich kann bloss sagen, dass ich meine Aktien so weit nicht verkauft habe.
Der langjährige Trainer Luca Cereda betonte immer, Demut sei zentral für Ambri. Haben Sie diese als Präsident zuletzt verloren?
Nein. Ich habe in 17 Jahren sicher Fehler gemacht und mich dafür – im Gegensatz zu anderen – entschuldigt. Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Ich bin froh, dass Ambri sogar einen so schlimmen Präsidenten überlebt. (Lacht) Und übrigens würde es mich extrem freuen, wenn sich die Gerüchte bewahrheiten würden, dass Luca Cereda zum Head Coach der U20-Nationalmannschaft ernannt wurde.
Am Sonntag dürften Sie von der ausserordentlichen Versammlung zum Ehrenpräsidenten gewählt werden. Wie wichtig ist das für Sie?
Die Versammlung entscheidet frei darüber. Ich stehe dem Klub für gesonderte Mandate weiterhin zur Verfügung, wenn er dies als nützlich empfindet. (aargauerzeitung.ch)
