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Urs Fischer (l.) im Dialog mit FCB-Captain Matias Delgado.
Urs Fischer (l.) im Dialog mit FCB-Captain Matias Delgado.
Bild: freshfocus
Interview

FCB-Trainer Urs Fischer: «Schweizer sind eher die, die Gutes schlecht reden»

FCB-Trainer Urs Fischer spricht kurz vor Saisonstart über sein ersten Jahr am Rheinknie, die Super League, die Europameisterschaft und sagt, warum der FCZ-Abstieg ein verdienter war.
20.07.2016, 17:39
céline feller / aargauer zeitung

Urs Fischer, Sie sind Ur-Zürcher und seit einem Jahr Trainer des FC Basel. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Basel verändert?
Urs Fischer: Das hat sich enorm verändert. Ich kannte Basel nur von den Fahrten ins alte und neue Joggeli. Das Einzige, was man da von Basel zu sehen bekommt, ist die Industrie, und das ist nicht gerade der schönste Anblick. Aber ich habe mein Bild von Basel korrigieren müssen und habe mittlerweile ein sehr positives.

Bei Ihrer Vorstellung als FCB-Trainer wurden Sie jedoch nicht sehr freundlich mit einem «Nie eine vo uns!!!»-Transparent empfangen.
Dieses Plakat war für mich nie eine Beleidigung. Ich hatte auch nie das Gefühl, nicht gut aufgenommen geworden zu sein. Wenn man die Konstellation anschaut, dass ein Ur-Zürcher, und dann erst noch einer vom FCZ, Trainer beim FC Basel wird, dann wäre es doch verrückt, wenn nichts passiert wäre! Da hätte man sich fragen müssen, was los ist und wo die gesunde Rivalität bleibt. Zwischen diesen beiden Vereinen wurden schon so viele «Schlachten» geschlagen, dass es logisch ist, dass nicht jeder damit einverstanden ist, wenn ausgerechnet einer vom Gegner Trainer seiner Mannschaft wird. Mir ginge es als Fan wahrscheinlich auch so. Alles in allem sind die Leute sehr positiv und sehr korrekt mit mir umgegangen.

Dass Urs Fischer in Basel so empfangen wurde, störte ihn nicht.<br data-editable="remove">
Dass Urs Fischer in Basel so empfangen wurde, störte ihn nicht.
bild: watson

Haben Sie das erwartet?
Nein. Aber es liegt ja auch an mir, den einen oder anderen davon zu überzeugen, dass es nicht das Dümmste war, was der Klub gemacht hat.

Werden Sie von den Leuten in Zürich anders wahrgenommen, seit Sie FCB-Trainer sind?
Ja, ein Grossteil sagt: «Jetzt ist mir Basel auf einmal sympathisch!» (Lacht.) Nein, Spass beiseite. Was ich von meinen Kollegen oft zu hören bekomme, ist: «Ich mag es dir gönnen, aber ich werde es nie verstehen.» Und das kann ich verstehen.

Wie weh hat Ihnen der Abstieg des FCZ getan?
Natürlich hat mir das irgendwo leidgetan. Ich habe den Grossteil meines Lebens in diesem Klub verbracht. Wenn es da nicht eine gewisse Verbundenheit gäbe, wäre etwas verkehrt. Aber mit der Zeit hat sich auch eine Distanz entwickelt. Am Schluss meiner Zeit beim FCZ war mein Verhältnis nicht mehr dasselbe. Es gab im Zuge meiner Entlassung das eine oder andere Nebengeräusch. Und auch das eine oder andere meiner Person gegenüber, was aus meiner Sicht so nie hätte passieren dürfen. Das hat dem Verhältnis geschadet und dieses kühler werden lassen. Dennoch hat es mir leidgetan. Und es kommt dazu, dass es für den Schweizer Fussball eine Katastrophe ist. Die Derbys gegen GC und die Klassiker gegen den FCB waren immer der Wahnsinn.

Urs Fischer (l.), hier im Duell gegen Julio Hernan Rossi, hat als FCZ-Spieler die «Schlachten» gegen den FC Basel gemocht.
Urs Fischer (l.), hier im Duell gegen Julio Hernan Rossi, hat als FCZ-Spieler die «Schlachten» gegen den FC Basel gemocht.
Bild: KEYSTONE


Wird die Liga jetzt noch langweiliger, wenn diese speziellen Spiele fehlen?
Ob sie spannender wird oder langweiliger, werden wir sehen. Der FCZ ist sportlich abgestiegen. Dann von spannender oder langweiliger zu reden, ist schwer. Am Ende steigt immer die Mannschaft ab, die es verdient hat. Das ist niemandes Schuld, ausser des FCZ. Denn wenn du nach 36 Spielen Zehnter bist, dann hast du es verdient, abzusteigen.


Wünschen Sie sich, dass sich YB zu einem wirklichen Konkurrenten entwickelt, damit die Liga wieder spannender wird?
Ich muss eines sagen: Ich habe die Meisterschaft immer als spannend empfunden und hatte immer ein Kribbeln. Auch dann noch, als wir 13 Punkte Vorsprung hatten. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass YB so weit weg war, wie es die Punkte vermuten liessen.

Die wichtigsten Zuzüge der 10 Super-League-Klubs

In einer halben Woche starten Sie in Ihre zweite Saison als FCB-Trainer. Wo muss sich die Mannschaft bis dann konkret noch verbessern?
Wir haben noch zu tun, das wissen wir. Wir müssen die neuen Spieler noch stärker integrieren und die Nati-Spieler noch fitter machen. Ausserdem haben wir in den Testspielen zu viele Gegentore bekommen. Es waren alleine zwölf Tore in den ersten vier. Das geht einfach nicht. Man gewinnt eine Meisterschaft mit der Defensive, nicht mit der Offensive. Wir können nicht jedes Mal fünf Tore schiessen, nur weil wir vier bekommen haben. Da steht uns noch einiges an Arbeit bevor. Aber nichtsdestotrotz gehe ich positiv in die Saison. Das mache ich immer.

Kommen wir zur EM. Der neue Modus wurde von vielen Seiten und heftig kritisiert. Was halten Sie davon?
Ich versuche, mich diplomatisch auszudrücken: Diese Leute müssen sich schon Gedanken machen, ob das der richtige Weg ist. Ich habe es relativ extrem gefunden, dass so grosse Mannschaften schon so früh im Turnier aufeinandergetroffen sind. Und ich habe auch Mühe damit, wenn eine Mannschaft mit drei Unentschieden in der Gruppenphase noch weiterkommt. Auch wenn sie es am Ende verdient haben, Europameister zu werden. Aber ob die Aufstockung des Teilnehmerfeldes sportlich sinnvoll ist, darüber muss sich jeder seine Gedanken machen. Ich habe es zumindest nicht ganz verstanden.

Die Experten sehen in der Aufstockung den Grund dafür, dass nur langweiliger Fussball gespielt worden sei.
Ich finde, das geht zu weit, sorry. Bei den Kommentaren, die ich teilweise gehört habe, fehlt mir einfach der Respekt. Das Leben besteht aus Fehlern. Aber es geht darum, möglichst wenige davon zu machen. Wer solche Urteile fällt, muss die Weisheit mit Löffeln gegessen haben. Überall bekam man diesen «Wieso müssen wir uns das antun»-Eindruck vermittelt. Das geht nicht. Ich habe das Gefühl, dass wir viele interessante Spiele gesehen haben. Nehmen wir den Final: Das war ein interessantes 0:0 mit Torchancen auf beiden Seiten. Und da ging es um den Europameistertitel. Gewisse Leute haben offenbar das Gefühl, dass es immer ein 5:4 geben muss. Da habe ich teilweise wirklich Mühe damit. Denn die Realität ist eine andere. Kritisch sein ist einfach. Und ein gutes Spiel ist schnell schlecht geredet.

«Ein interessantes 0:0»: Der EM-Final Portugal gegen Frankreich.
«Ein interessantes 0:0»: Der EM-Final Portugal gegen Frankreich.
Bild: ETIENNE LAURENT/EPA/KEYSTONE

Mussten Sie das auch in Ihrem ersten Jahr als FCB-Trainer erleben?
Nein, dieses Gefühl habe ich nicht. Natürlich gab es Spiele, nach denen die Stimmen lauter wurden, aber damit kann ich umgehen. Das ist auch die Mentalität des Schweizers. Wir sind nicht fähig, etwas Durchschnittliches positiv zu reden. Wir sind eher die, die Gutes schlecht reden.

Jetzt auf

Die Schweizer Nationalmannschaft hat das Wunder an der EM verpasst. Wieso hat es nicht gereicht?
Vielleicht hat irgendetwas gefehlt. Was genau, ist von aussen sehr schwer zu beurteilen. Ich kann nur so viel sagen: Ich glaube, die Schweiz hat es gut gemacht und ist im Penaltyschiessen unglücklich ausgeschieden. Man hat vom ersten bis zum letzten Spiel eine deutliche Steigerung, gesehen. Manchmal braucht es aber auch etwas Wettkampfglück, und das ist ihnen nicht zur Seite gestanden.

Der Fussball schreibt oft die schönsten Geschichten

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