Die Premiere als Captain in der Bundesliga muss noch ein bisschen warten. Ausgerechnet zum Saisonstart am letzten Samstag ist Silvan Widmer krank: Magen-Darm-Grippe. «Keine Ahnung, wo ich das aufgelesen habe», sagt er. Nun ist Widmer wieder fit. Am Sonntag führt er Mainz 05 gegen Union Berlin als Captain aufs Feld. Der 29-jährige Aargauer ist derzeit der einzige Schweizer Fussballer in einer der fünf grossen Ligen, dem die Captain-Ehre zufällt. Dass er erst seit einem Jahr in Mainz spielt, macht die Geschichte noch bemerkenswerter.
➡️ CAPITANO! ⬅️
— 1. FSV Mainz 05 (@1FSVMainz05) July 29, 2022
Silvan Widmer wird das Team in der kommenden Saison auf den Platz führen! #mainz05 pic.twitter.com/hj1789GelX
Silvan Widmer, vor 18 Monaten kämpften Sie mit dem FC Basel in der Super League. Jetzt sind Sie Captain bei Mainz in der Bundesliga, wie kam es zu diesem rasanten Aufstieg?
Ja, das ist tatsächlich schnell gegangen (lacht). Und damals in Basel hätte ich es wohl tatsächlich nicht geglaubt, wenn mir jemand diese Entwicklung vorausgesagt hätte. Ich habe eine sehr gute erste Saison gespielt in Mainz, und ich glaube, Trainer und Verein merkten, dass man als Spieler und Mensch auf mich zählen kann.
Wann und wie haben Sie erfahren, dass Sie Captain werden?
Trainer Bo Svensson hat in den Testspielen jeweils verschiedene Spieler als Captain nominiert. Bei mir war es die Partie gegen Newcastle. Ich wusste also, dass auch ich für das Amt infrage komme. Ein paar Tage vor dem Spiel in der ersten Runde des DFB-Pokals rief mich der Trainer ins Büro, wir sprachen über alles Mögliche – und schliesslich sagte er mir, dass er mich gerne als Captain auswählen würde, wenn ich damit einverstanden sei. Ich sagte natürlich sofort zu. Es ist definitiv ein Meilenstein in meiner Karriere.
In der vergangenen Saison erreichte Mainz den bemerkenswerten achten Rang in der Bundesliga. Mit einem Team, das nicht gerade gespickt ist mit Weltstars. Nach so einer Saison verhandelt man gerne die «Absturzgefahr». Was halten Sie solchen Stimmen entgegen?
Ich bin 100 Prozent überzeugt, dass Mainz nicht abstürzen wird. Dafür haben wir ein viel zu homogenes Team, einen super Trainer, im ganzen Verein herrscht Kontinuität und Ruhe. Dazu haben wir einige gute neue Spieler dazubekommen.
Welche Rolle kann Mainz denn spielen in der neuen Saison?
Bei aller Euphorie ist es elementar, bescheiden zu bleiben. Wir wollen das Wort «Abstieg» so schnell wie möglich vergessen können. Ist das einmal geschafft, können wir immer noch nach oben schauen.
Ist es in Mainz so schön druckfrei, wie es immer heisst?
Wir haben schon auch Druck. Das ist alleine schon mit den x-tausend Fans in den Stadien jedes Wochenende, und den hunderttausenden von TV-Zuschauern gegeben. Und die Fans bei uns haben auch ihre Erwartungen. Wo Sie recht haben: der ganz grosse Lärm ist anderswo. Wenn wir ein öffentliches Training abhalten, kommen 50 bis 100 Leute, das ist schon ein Unterschied zu den «Grossen» der Liga.
Wer stemmt am Ende der Saison die Schale?
Die Bayern.
Wird es so deutlich, wie da und dort schon befürchtet nach dem 6:1-Sieg der Bayern in Frankfurt?
Das glaube ich nicht. Dortmund und Leipzig haben ebenfalls starke Equipen und sich clever verstärkt. Die Bayern werden es am Schluss vermutlich trotzdem machen, aber ich hoffe, es bleibt spannend bis zum Schluss.
Jetzt, wo alle internationalen Ligen den Betrieb wieder aufgenommen haben, schaut man mit Blick auf die WM genauer auf die Schweizer Schlüsselspieler – erstmals überhaupt gehören auch Sie in diese Kategorie. Wie erleben Sie das persönlich?
Solche Gedanken oder Wertungen bekomme ich nur am Rand mit, aber das ist auch nicht so wichtig. Was ich aber durchaus spüre, ist, dass mein Standing in der Nationalmannschaft gestiegen ist. Ich weiss aber genauso, dass ich mir das alles hart erarbeiten musste, mir wurde nichts geschenkt.
Mitte November, also in drei Monaten, ist die Hinrunde bereits vorbei und die Schweiz reist nach Katar. Ist die WM schon im Hinterkopf?
Lassen Sie mich differenzieren: Es ist klar, dass die WM irgendwo im Hinterkopf präsent ist. Ich freue mich riesig, es wäre meine erste WM, und wer weiss, da ich 29 bin, vielleicht ja auch meine letzte. Darum ist sie ein Riesenthema. Und doch gibt es ein «Aber».
Nämlich?
Es ist sehr gefährlich, allzu sehr in die Zukunft zu blicken. Wenn man Gedanken zulässt à la «ich-will-mich-jetzt-ja-nicht-verletzen», im Training oder in den Spielen nicht fokussiert genug ist, oder sich sogar versucht zu schonen im Hinblick auf die WM – dann wäre es alles andere als gut. Ich rate jedem Nationalspieler, ganz normal weiterzumachen, in jedem Training Gas zu geben und den Fuss nie zurückzuziehen.
Was trauen Sie der Schweiz zu an der WM?
Es gilt dasselbe wie für Mainz: Wir müssen bescheiden bleiben. Brasilien, Serbien, Kamerun – wir haben eine schwierige Gruppe. Aber ich wünsche mir natürlich, dass wir den Achtelfinal erreichen. Und wenn das gelingt, dann haben wir ja an der EM bewiesen, was möglich ist. Die Schweiz ist eine Turniermannschaft. Darum denke ich, dass wir auch dieses Mal wieder für eine Überraschung gut sind. Aber ganz entscheidend wird es sein, die schwierigen Gruppenspiele vorzubereiten.
Sie haben vorhin Ihr Alter erwähnt. Darf man einen 29-Jährigen eigentlich schon fragen, welche Pläne er nach der Karriere hat?
Natürlich, Sie können sich nicht vorstellen, wie häufig mir diese Frage schon gestellt wird (lacht). Es gibt ja auch viele Spieler, die sehr früh anfangen, sich diese Gedanken zu machen und begleitend zur Karriere Ausbildungen machen, was ich auch gut finde. Bei mir steht im Moment neben dem Fussball die Familie im Mittelpunkt. Ich versuche, diese Jahre mit den beiden Mädchen zu geniessen, die sehr schnell wachsen. Sie sind jetzt 4 und 1,5 Jahre alt. Darum: Nein, ich weiss noch nicht, was ich nach der Karriere machen werde. Aber ich könnte mir gut vorstellen, mich dann als Hausmann um die Mädels zu kümmern, damit sich meine Frau beruflich ausleben kann. Nachdem sie sich jahrelang mir und dem Fussball angepasst hat.