Wenn in einem perfekten Team alles stimmt
Alles passt: die Besetzung der Schlüsselpositionen und der Zusammenhalt. Die taktische Ausrichtung und die Umsetzung. Dazu mit Colin Muller (62) ein Nationaltrainer, mehr Vaterfigur als Bandengeneral.
Am Anfang geht alles ein wenig drunter und drüber: Andrea Brändli, die Nummer 1, darf nicht spielen und muss wegen einer Infektion (Noro-Virus) im olympischen Dorf in Quarantäne und die Schweizerinnen dürfen an der Eröffnungsfeier nicht teilnehmen. Am Ende des Weges gelingt das perfekte Spiel und ein Verlängerungssieg gegen Schweden (2:1), der die Bronze-Medaille bringt – und damit die Teilnahme an der Abschlussfeier am Sonntag in Verona.
Zusammenhalt ist die eine, die unerlässliche Grundlage des Erfolges. Hockey wird zu Recht als letzter echter Teamsport bezeichnet. Und doch braucht es auch die herausragenden Einzelspielerinnen, die dafür sorgen, dass der Teamgeist in Siege, in Medaillen umgemünzt werden kann. Das ist die besondere Qualität dieses Bronze-Teams: Die Schlüsselpositionen sind alle mit Weltklasse-Spielerinnen besetzt.
Andrea Brändli (28) ist die beste Torhüterin in der Geschichte unseres Frauenhockeys. Sie kombiniert Nervenstärke mit Talent und hoher Spielintelligenz – die Antwort des Frauenhockeys auf Leonardo Genoni. Sie spielt diese Saison in Schweden und kann damit rechnen, von einem Team aus der nordamerikanischen Profiliga gedraftet zu werden.
Lara Christen (23), die Schwester von Biels Luca Christen (28) und Captain des SCB-Meisterteams, ist die leise Verteidigungsministerin, die Antwort des Frauenhockeys auf Roman Josi. Im Bronze-Spiel hat sie mit 30:19 Minuten wieder am meisten Eiszeit übernommen und sie ist es, die den Siegestreffer in der letzten Minute der Verlängerung einfädelt. Sie beendet die Partie mit einer 1:0-Bilanz – wie den Halbfinal (1:2) gegen den himmelhohen Favoriten Kanada.
Alina Müller (27), die Schwester von Lugano-Verteidiger Mirco Müller (30), ist die technisch beste und kaltblütigste Vollstreckerin in der Geschichte unseres Hockeys und die einzige Schweizerin mit Starstatus in der nordamerikanischen Profiliga. Die Männer haben keinen Stürmer, der auf höchstem internationalen Niveau die gleiche Rolle übernehmen kann. Colin Muller bezeichnet sie als «eine der besten Spielerinnen der Welt». 2014 erzielte sie den Siegestreffer beim 4:3 im Bronzespiel gegen Schweden und nun sorgt sie erneut mit dem 2:1 in der Verlängerung für den Treffer, der die Medaille sichert. Fragen nach 2014 mag sie nicht. «Vergessen wir 2014. Wir haben nun ein neues Kapitel geschrieben.»
Dieses Team ist in den letzten Jahren in fast gleicher Besetzung zusammengewachsen und wenn dieser Teamgeist von allen erwähnt und hervorgehoben wird, ist es mehr als eine Floskel, die einfach dazugehört. Während des ganzen Turniers waren Angehörige von allen da und trafen sich zwischen den Partien mit den Spielerinnen. Und Colin Muller ist wohl der bestmögliche Coach für dieses Team. Lara Christen sagt über ihn: «Er ist für uns wie eine Vaterfigur geworden. Wir vertrauen ihm, wir wissen, dass wir etwas wagen und auch Fehler machen dürfen.» Was hat er im Unterbruch zwischen Spiel und Verlängerung gesagt: «Das kann ich gar nicht sagen. Ich glaube, er war auch nervös.»
Was zu diesem perfekten Team passt: 60 Minuten lang hatte Schweden mehr vom Spiel und dominierte nach Torschüssen alle drei Drittel (8:5, 10:7, 13:6). Der Puck wollte nicht den Weg der Schweizerinnen gehen. Ivana Wey scheiterte beim Stande von 0:0 mit einem Penalty an der schwedischen Torhüterin. Aber in den knapp zehn Minuten der Verlängerung wuchsen die Schweizerinnen über sich hinaus und hatten mehr Abschlüsse (7:2) als während jedem einzelnen Drittel.
Dass Alina Müller den Siegestreffer erzielen würde, hatte Andrea Brändli während der kurzen Pause vor der Verlängerung geahnt. «Ich sah es an ihrer Körpersprache.» Und antwortet auf eine entsprechende Frage: «Ich habe eine gute Menschenkenntnis …» Kein Wunder: Sie hat einen Bachelor in Psychologie. Was also ist in Alina Müller da vorgegangen? «Ich habe versucht, mich zu konzentrieren und die Energie zu bündeln. Die anderen waren ja schon nervös genug.»
Die Bronze-Medaille von 2014 war ein Wunder, vollbracht mit zwei Siegen (im Viertelfinal gegen Russland 2:0) und im Bronze-Spiel gegen Schweden (4:3). In Mailand hingegen ist die Medaille die logische Folge einer kontinuierlichen Steigerung mit drei Siegen und der knappsten Niederlage der Geschichte im Halbfinal gegen Kanada.
Aber 2014 ist auch Inspiration für eine ganze Generation. Lara Stalder (31), zusammen mit Alina Müller die Einzige aus dem Bronze-Team von 2014, zeigt kurz darauf während der U18-WM in der Kabine des Schweizer WM-Teams den Spielerinnen der nächsten Generation ihre Medaille. Kaleigh Quennec (28), die Tochter des ehemaligen Servette-Präsidenten, war damals dabei. «Es hat nicht einen Tag gegeben, an dem ich nicht daran gedacht habe. Nun ist der Traum in Erfüllung gegangen.»
Bronze-Schmied Colin Muller will seinen Vertrag nach sieben Jahren nicht verlängern und sagt ganz offiziell: «Das war wohl mein letztes Spiel.» Bereits René Kammerer, der Bronze-Schmied von 2014, hatte das Amt nach elf Jahren und dem Gewinn der Medaille aufgegeben.
Auch das gehört zur perfekten Story eines perfekten Turniers: Ein Trainer will seinen Vertrag nicht mehr erneuern und zum perfekten Zeitpunkt aufhören. Diese Bronze-Medaille ist die Krönung einer grossen Karriere: Als Spieler war Colin Muller Meister mit Zug (1998) und brachte es 1990 ins WM-Team (Aufstieg in die A-Gruppe). Als Coach gewann er als Assistent von Sean Simpson mit den ZSC Lions die Champions League 2009 und WM-Silber 2013. Er ist zwar als Cheftrainer auch mehrmals (u.a. bei Gottéron, den ZSC Lions und Olten) gefeuert worden.
Aber das kann ihm nach dem Bronze-Triumph von Mailand herzlich egal sein. Er hat mit den Frauen eine der schönsten Geschichten unseres Hockeys geschrieben, nun sein letztes Spiel gewonnen und reitet unbesiegt in das Abendrot des Hockey-Ruhestandes.
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