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Belinda Bencic schloss ihr Tennis-Jahr 2020 am Billie Jean King Cup ab – nun bereitet sie sich schon auf die kommende Saison vor.
Belinda Bencic schloss ihr Tennis-Jahr 2020 am Billie Jean King Cup ab – nun bereitet sie sich schon auf die kommende Saison vor.Bild: keystone
Interview

«Zwei Wochen in Quarantäne in einem Hotelzimmer zerstören eine ganze Vorbereitung»

Mit Gold im Einzel und Silber im Doppel war Belinda Bencic das Gesicht des Schweizer Medaillenrauschs bei den Olympischen Spielen in Tokio. Hier zieht die 24-Jährige Bilanz zu einem Jahr, das ihr Leben für immer verändert hat.
11.12.2021, 17:04
Simon Häring / ch media

Belinda Bencic, wir haben in diesem Herbst Strandbilder vermisst. Waren Sie nach der Saison gar nicht in den Ferien?
Belinda Bencic: Nein, ich war tatsächlich nicht weg (lacht). Durch den Billie Jean King Cup ist die Saison sehr spät zu Ende gegangen, erst Mitte November. Ich habe mich dann entschieden, eine Woche Zuhause zu bleiben und Familie und Freunde zu sehen, die Zeit hier zu geniessen, statt wieder irgendwohin zu fliegen. Ich hatte wenig Lust, für ein paar wenige Tage wieder in ein Flugzeug zu sitzen. Aber als ich Anfang Oktober am Knie verletzt war und deswegen nicht in Indian Wells spielen konnte, habe ich mir in Kalifornien ein paar Tage Ruhe gegönnt. Das waren im Prinzip meine Ferien in diesem Jahr.

Sie stehen bereits in der Vorbereitung auf die neue Saison, die im Januar beginnt. Zuletzt sah man Sie in Vollmontur auf Schlittschuhen beim Eishockey spielen. Was bringt Ihnen das fürs Tennis?
Ich stand bis zu vier Mal in der Woche auf dem Eis. Eishockey ist ein wichtiger Teil meiner konditionellen Vorbereitung. Es geht vor allem um die Kräftigung der Beine. Dazu ist es ein gutes Intervalltraining, mit dem ich den Puls in die Höhe treiben kann. Martin (Freund und Fitnesstrainer, d. Red.) hat das Programm zusammengestellt. Mit auf dem Eis steht jeweils Peter Podhradský. Er war Eishockeyspieler, hat fast den Sprung in die NHL geschafft, ist heute ein guter Freund von Martin. Auch mein Vater kennt ihn. Peter kann mir auch Tipps geben, dass ich mich etwas eleganter übers Eis bewege (lacht).

Dabei haben Sie doch schon als Kind Eishockey gespielt!
Ja, einmal in der Woche in Uzwil. Ich stand schon als kleines Kind jede Woche auf dem Eis, noch bevor ich mit Tennis angefangen habe. Als Familie haben wir unsere Sonntag jeweils auf dem Eis verbracht. Und auch als wir dann später wegen des Tennis nach Wollerau gezogen sind, habe ich in Rapperswil als Ausgleichssport Eishockey gespielt.

Zuletzt sah man Sie auch bei Leistungstests auf dem Laufband. Welche Erkenntnisse gewinnen Sie daraus?
Ich habe einerseits den VO2-Maxtest gemacht, bei dem die maximale Sauerstoffaufnahme der Lunge gemessen wird. Anderseits auch einen isometrischen Test, wo die Muskelkraft überprüft wird. Dann können wir konkret feststellen, woran ich noch arbeiten muss.

Wie haben Sie im Vergleich zum letzten Jahr abgeschlossen?
Ich bin besser geworden! Ich habe immer Angst vor diesem Test, weil man in den Maximalpuls reingeht, und das tut einfach weh. Es sind 12 Minuten auf dem Laufband, beginnend bei 8 Stundenkilometern, jede Minute wird schneller, bis es nicht mehr geht. Am Ende war ich bei 19 Stundenkilometern. Das kostet zum Teil viel Überwindung.

Das hat sich aber ausgezahlt. Mit Gold und Silber an den Olympischen Spielen haben Sie eines der schönsten Kapitel im Schweizer Sportjahr geschrieben. Welche Emotionen weckt der Gedanke daran heute?
Es bleibt unbeschreiblich. Wenn ich Bilder und Videos davon sehe, habe ich noch heute Gänsehaut. Das sind Emotionen, die wohl nie mehr weggehen werden. In dieser Woche lief einfach alles positiv. Und das kann mir niemand wegnehmen. Wenn man ein Turnier gewinnt, dann spielt man im Jahr darauf als Titelverteidigerin dort. Olympiasiegerin ist man aber für den Rest seines Lebens. Klar, die Grand-Slam-Turniere sind im Tennis das Grösste. Aber ich habe den Eindruck, dass Olympische Spiele auch Menschen wahrnehmen, die sich sonst weniger fürs Tennis oder für den Sport interessieren.

Reagieren die Menschen auf der Strasse heute anders auf Sie, nachdem Sie bei den Olympischen Spielen Gold und Silber gewonnen haben?
Nein, diesen Eindruck habe ich nicht. Wenn es passiert, dass jemand nach einem Foto fragt, ist das für mich immer noch überraschend und schön. Das hat sich auch mit dem Olympiasieg nicht geändert und das gefällt mir auch. Wir haben in der Schweiz so viele gute Athletinnen.

Gold und Silber gewann Belinda Bencic bei den Olympischen Spielen in Tokio.
Gold und Silber gewann Belinda Bencic bei den Olympischen Spielen in Tokio.Bild: keystone

Wie ist das in der Slowakei, wo Sie inzwischen teilweise leben? Sieht man Sie dort ihrer Wurzeln wegen auch ein wenig als Slowakin?
Nicht unbedingt. Bratislava liegt nahe der österreichischen Grenze und die Menschen sprechen Deutsch. Wenn ich dann sage, dass wir uns auch auf Slowakisch unterhalten können, reagieren sie meist überrascht (lacht). Dazu kommt: Mein Name ist nicht Slowakisch, sondern Kroatisch. Was speziell ist, weil ich dort keine Wurzeln habe.

Sie sind in der Schweiz zur Welt gekommen und in der Ostschweiz aufgewachsen, in einer eher ländlichen und konservativen Region. Sind Sie nie mit Fremdenfeindlichkeit in Berührung gekommen?
Nein, wirklich nie, auch in der Schule nicht. Dass ich wegen meines Namens nach meinen Wurzeln gefragt werde, kommt vor und ist für mich kein Problem. Meine Grosseltern sind in die Schweiz geflüchtet, als mein Vater fünf Jahre alt war. Sie haben sich schnell integriert und die Sprache gelernt. Mein Grossvater arbeitete als Eishockeytrainer, meine Grossmutter war in der Slowakei Lehrerin und hat auch in der Schweiz schnell wieder gearbeitet. Auch ihnen gegenüber habe ich nie Vorbehalte gespürt. Heute ist unsere Gesellschaft noch bunter durchmischt. Für mich ist die Schweiz diesbezüglich vorbildlich: Jeder ist willkommen. Wichtig ist einfach, dass man sich integriert und sich mit den Regeln des jeweiligen Landes auseinandersetzt. Wir würden ja auch nicht im Stringtanga nach Abu Dhabi gehen (lacht).

Andrea Petkovic, mit der Sie ab und zu in Stuttgart trainieren, beklagte jüngst, im Frauentennis herrsche noch immer ein «latenter Sexismus», sie erhalte regelmässig anzügliche Nachrichten und es werde dauernd über die Outfits und Frisuren diskutiert. Teilen Sie diesen Eindruck?
Ich sehe das nicht so eng, für mich ist es noch kein Sexismus, wenn über Outfits oder Frisuren geredet wird. Wenn das kommentiert wird, kümmert mich das nicht. Mir persönlich ist es wichtig, und ich habe Freude an einem schönen Outfit, Haaren oder gemachten Nägeln. Man kann ja sagen: Hey, die hat eine gute Rückhand und man kann ein Outfit oder eine Person schön finden. Das ist bei den Männern ja nicht anders. Generell habe ich persönlich den Eindruck, dass man in der heutigen Zeit sehr viel schneller als Sexist gebrandmarkt wird.

Im Sommer trennte sich Belinda Bencic von Vater Ivan als Trainer.
Im Sommer trennte sich Belinda Bencic von Vater Ivan als Trainer.Bild: EPA

Nachdem die Tennisspielerin Peng Shuai einen ehemaligen Politiker des sexuellen Missbrauchs beschuldigt hat, zieht sich das Frauentennis per sofort aus China zurück. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?
Ich begrüsse das sehr. Es ist ein enorm starkes Zeichen von der WTA und von Steve Simon. Offenbar weiss man nun, wo sie ist. Aber was wirklich vorgefallen ist, weiss wohl nur sie selber. Niemand weiss, was Sache ist. Diese Vorwürfe muss man ernst nehmen und ihr Wohl steht über finanziellen Interessen. Deshalb finde ich diesen Schritt gut.

Hätten Sie sich sicher gefühlt, wenn die WTA anders entschieden und Sie in den nächsten Monaten in China Turniere gespielt hätten?
Eine schwierige Frage, ich habe mir das auch überlegt, ohne eine abschliessende Antwort darauf geben zu können. Der Auslöser waren ihre Äusserungen, dass etwas vorgefallen ist, zudem ist sie Chinesin. Ob ich Angst gehabt hätte um mich selber? Vermutlich nicht. Aber es ist ein richtiges und wichtiges Zeichen, jetzt nicht in China zu spielen.

Zu reden gab in den letzten Wochen auch, dass geimpft sein muss, wer an den Australian Open teilnehmen will. Sehen wir Sie in Melbourne?
Ich werde spielen (lacht). Man kann ja nur in Australien einreisen, wenn man geimpft ist. Dazu möchte ich hier sagen: Ich habe mich nicht umentschieden und mich nun doch impfen lassen. Für mich hat sich einfach die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt gestellt. Nun habe ich mich gleich nach der Saison mit Johnson & Johnson impfen lassen, wo ich nach drei Wochen die volle Schutzwirkung habe. Nun hoffe ich, dass ich in Australien nicht einmal in Quarantäne muss.

Das mussten Sie im Januar, weil Sie auf einem Charterflug nach Australien gelangt waren, auf dem das Virus eingeschleppt worden war. Wie sehr hat das Ihre Saison in den ersten Monaten geprägt?
Das waren damals die Regeln, auch wenn es für mich natürlich sehr unglücklich war. Zwei Wochen in Quarantäne in einem Hotelzimmer zerstören eine ganze Vorbereitung: die Muskeln, der Tonus – das alles verliert man. Danach fehlte mir das Selbstvertrauen, ich spürte den Ball nicht und spielte dennoch Turniere. Ich brauchte dann zwei, drei Monate, bis ich in Fahrt gekommen bin. Deshalb betrachte ich diese Saison für mich als sehr erfolgreich, vor allem natürlich wegen Tokio.

Nach der Hotelquarantäne in Melbourne hatte Belinda Bencic zu Beginn der Saison zu kämpfen.
Nach der Hotelquarantäne in Melbourne hatte Belinda Bencic zu Beginn der Saison zu kämpfen.Bild: keystone

In der Schweiz wurde zuletzt über das Covid-Gesetz abgestimmt, die Diskussionen werden sehr hitzig geführt. Nehmen Sie das wahr?
Ich muss gestehen, dass ich inzwischen versuche, die Nachrichten zu meiden, weil es seit zwei Jahren immer um das gleiche Thema geht, das zieht mich negativ mit. Klar, ist es wichtig, zu wissen, was gilt und wie sich die Situation entwickelt. Andererseits liegt es nicht in meinen Händen und es macht für mich keinen Sinn, mich daran abzuarbeiten.

Empfinden Sie die Situation als belastend?
Zu Beginn der Pandemie hat man den Fernseher eingeschaltet, verfolgte die Zahlen: Wie viele Menschen haben sich angesteckt? Wie viele sind im Spital? Später dann: Wie viele sind geimpft? Es belastet mich zwar nicht persönlich, aber die Negativität nehme ich wahr.

Das Reisen ist aufwendiger geworden. Wie sehr schränkt Sie das ein?
Menschen, die ihre Restaurants oder ihre Läden schliessen mussten, waren sehr viel stärker betroffen als ich. Ich hatte das Glück, dass es bei uns schnell weitergegangen ist mit Turnieren. Natürlich ist es nicht angenehm. Ich habe immer einen grossen Stapel an Papieren dabei: Ausnahmen, Erklärungen, Impfnachweis, es gibt spezielle Apps und QR-Codes, dazu kommen die regelmässigen Tests. Und dennoch: Ich darf reisen, das ist ein Privileg, für das ich sehr dankbar bin.

Andererseits müssen Sie auch Opfer bringen, verpassen Festtage, Hochzeiten, Geburtstage. Wie feiern Sie in diesem Jahr Weihnachten?
Im Hotelzimmer in Dubai, leider. Von dort fliege ich dann auch nach Melbourne. Ich wäre gerne Zuhause bei Familie und Freunden. Aber nach der Karriere wird es noch genügend Möglichkeiten geben. Was mich schmerzt, ist, dass ich meine Grosseltern nur selten gesehen habe. Sie sind zwar geimpft, aber wir sind dennoch sehr vorsichtig. (aargauerzeitung.ch)

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