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Ramona Bachmann spricht über ihren Kreuzbandriss und den Weg zurück

Blickt mit Optimismus in die Zukunft: Ramona Bachmann.
Blickt mit Optimismus in die Zukunft: Ramona Bachmann.Bild: Boris Bürgisser
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Ramona Bachmann über mentale Gesundheit und ihr Comeback: «So möchte ich nicht aufhören»

Klinik, Kreuzbandriss und Mutterglück statt Heim-EM: Ramona Bachmann blickt im Interview auf ein verrücktes Jahr zurück – und mit Optimismus in die Zukunft.
02.01.2026, 15:54
Raphael Gutzwiller / ch media

Ramona Bachmann lächelt bei der Begrüssung in einem Luzerner Café. «Mir geht es gut», sagt sie. Zum ersten Mal seit sie mit 16 Jahren von Luzern nach Schweden wechselte, um den Traum als Fussballprofi zu leben, wohnt sie wieder in ihrer Heimatstadt. Ungeplant, wie so vieles in Bachmanns Jahr 2025.

Sie haben in diesem Jahr so viel erlebt wie noch nie. Mit welchem Gefühl blicken Sie zurück?
Ramona Bachmann: Das war definitiv das intensivste Jahr, das ich je erlebt habe. Gleichzeitig bin ich auch ein bisschen dankbar für diese Erfahrungen. Ich habe unglaublich viel gelernt. Darum rede ich auch offen darüber, wie es mir geht und was ich erlebt habe. Weil ich das Gefühl habe, dass ich damit Menschen erreichen kann, die Ähnliches durchmachen.

«Die Klinik hat mir extrem geholfen. Ich habe mich voll geöffnet und stiess auf Verständnis.»

Sie sprechen von Ihrem siebenwöchigen Klinikaufenthalt Anfang Jahr.
Genau. Lange habe ich dagegen angekämpft, in die Klinik zu gehen, obwohl ich schon lange gemerkt habe, dass es mir richtig schlecht geht. Ich dachte: «Das kommt dann schon wieder, wenn ich alleine daran arbeite.» Zudem habe ich mir selber die Schuld gegeben an meinem Zustand. Ich hatte das Gefühl, dass ich selber dafür verantwortlich bin, wie es mir geht. Aber ich war krank. Die Klinik hat mir extrem geholfen. Ich habe mich voll geöffnet und stiess auf Verständnis. Ich weiss nicht, wie oft ich zusammengebrochen bin. Ich hatte viele schlaflose Nächte. Fast jeder Gedanke hat Panik ausgelöst.

Dann haben Sie sich Ihrer Nati-Mitspielerin Meriame Terchoun anvertraut.
Ich habe schon länger gesagt, dass es mir nicht gut gehe. Ich bin in der Nati zusammengebrochen, weil mir ein Hotelzimmer im sechsten Stock zugewiesen wurde. Ich habe gegen Australien und Frankreich sogar noch zweimal 90 Minuten gespielt. Etwa einen Monat später bin ich dann in die Klinik in Meiringen gegangen.

Nach dem Klinikaufenthalt sind Sie relativ schnell wieder in den Trainingsalltag eingestiegen. War das richtig?
Nein, ich habe komplett unterschätzt, was ein solcher Aufenthalt für den Körper bedeutet. Während des Klinikaufenthalts habe ich keinen Sport gemacht. Mein Körper war am Anschlag. Ich hatte einen Ruhepuls von über 100 und konnte nicht schlafen. Gleichzeitig hatte ich den Fokus der Europameisterschaft im eigenen Land. Das war der Grund, weshalb ich schnell wieder voll eingestiegen bin.

Zur Person
Ramona Bachmann debütierte mit 16 Jahren für das Schweizer Nationalteam. Seither bestritt sie 153 Länderspiele und erzielte 60 Tore. In ihrer grossen Karriere spielte sie unter anderem für Wolfsburg, Chelsea, Paris Saint-Germain und zuletzt für Houston. 2023 heiratete die 35-jährige Luzernerin die französische Tänzerin Charlotte Baret, im Mai 2025 bekam das Paar ein Kind.
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Bild: keystone

Den Medien wurde in jener Zeit jeweils kommuniziert, dass Sie wegen Trainingsrückstands nicht zum Zug kamen, dennoch standen Sie in jedem Aufgebot. Das war sehr ungewohnt.
Alle wollten, dass ich trotzdem beim Team bin, damit ich wieder in den Alltag komme. Aber ich war absolut nicht fit. Um wieder in Form zu kommen, habe ich sehr viel investiert. Aber es gelang nicht – ich war wie ausgelaugt. Ich habe vier bis fünf Kilo zugenommen durch die Medikamente und es fehlte mir an Energie.

«Ich muss ehrlich sagen: So schade ich es fand, an der Heim-EM nicht dabei zu sein, es ist in dem Moment enorm Druck abgefallen.»

Medial wurde Ihr körperlicher Zustand zum Thema, weil die Öffentlichkeit noch nicht wusste, was los war. Nati-Trainerin Pia Sundhage sagte dann öffentlich, dass Sie nicht fit seien. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Mir war meine Situation bewusst, und auch Pia wusste, weshalb ich körperlich noch nicht bei hundert Prozent war. Ich wollte unbedingt wieder fit werden, doch nach dem Klinikaufenthalt war mein Körper noch nicht bereit für die volle Belastung. Die Kommunikation nach aussen setzte mich zusätzlich unter Druck. Immer wieder zu lesen: «Ramona ist nicht fit», war kein gutes Gefühl. Vor allem, weil zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich bekannt war, dass ich zuvor mehrere Wochen wegen einer Angststörung in einer Klinik gewesen war.

Ramona Bachmann über die verpasste Heim-EM: «Ich hatte das Gefühl, ich hätte es verdient gehabt, an der Heim-EM auf dem Platz zu stehen nach 18 Jahren auf diesem Niveau.»
Ramona Bachmann über die verpasste Heim-EM: «Ich hatte das Gefühl, ich hätte es verdient gehabt, an der Heim-EM auf dem Platz zu stehen nach 18 Jahren auf diesem Niveau.»Bild: boris bürgisser

Dann rissen sich das Kreuzband und die Heim-EM war futsch.
Am Tag vor dem Kreuzbandriss haben wir noch einen Jojo-Test gemacht. Ich war so schlecht wie noch nie. Die EM war nur noch drei Wochen entfernt. Und dann habe ich mir bei einer einfachen Drehbewegung das Kreuzband gerissen.

Was ist Ihnen dabei durch den Kopf gegangen?
Es war mega schade. Ich hatte wirklich das Gefühl, ich hätte es verdient gehabt, an der Heim-EM auf dem Platz zu stehen nach 18 Jahren auf diesem Niveau. Ich konnte es in dem Moment aber gut annehmen, weil ich merkte, dass ich nie fit genug gewesen wäre. Schon beim Aufwärmen in jenem Training habe ich mich gefragt: «Soll ich überhaupt an die EM? Ergibt das in diesem Zustand Sinn?» Ich muss ehrlich sagen: So schade ich es fand, an der Heim-EM nicht dabei zu sein, es ist in dem Moment enorm Druck abgefallen. Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr alles daransetzen muss, innerhalb von drei Wochen fit zu werden. Mein Körper hat irgendwann einfach Stopp gesagt. Nun erhielt er die Pause, die er gebraucht hatte.

Wie haben Sie die EM erlebt – als Fan?
Ich konnte die EM mega geniessen. Das Eröffnungsspiel war schwierig, weil ich dachte, dass ich dort auf dem Platz stehen würde. Aber gleichzeitig hatte ich so eine Freude, dass das Stadion voll war. Und die Nati hat mir das Gefühl gegeben, dass ich ein Teil davon bin, auch wenn ich nicht auf dem Platz stand.

«Ich habe sportlich von der Nati wenig erwartet. Nach den Spielen davor, die wir nicht gewonnen hatten, war die Situation schwierig.»

Inwiefern hat es Sie überrascht, dass die Heim-EM eine so riesige Euphorie ausgelöst hat?
Extrem. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es so wird. Im Viertelfinale waren 25’000 Menschen beim Fanmarsch. Es war unglaublich. Ich muss ehrlich sagen: Ich habe sportlich von der Nati wenig erwartet. Nach den Spielen davor, die wir nicht gewonnen hatten, war die Situation schwierig. An der EM hat die Nati jedoch gezeigt, welches Potenzial und welche Qualität in ihr steckt.

Die besten Bilder der Fussball-EM 2025 in der Schweiz

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Die besten Bilder der Fussball-EM 2025 in der Schweiz

Da ist das Ding! Wie 2022 stemmt auch an der EM 2025 England den Siegerpokal in die Höhe.

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Und als wäre das noch nicht genug turbulent gewesen, kam Ihr erstes Kind direkt vor der Heim-EM.
Unglaublich, ja! Meine Frau war in Paris, weil wir entschieden haben, dass wir das Kind in Europa bekommen möchten. Ich wollte die Geburt auf keinen Fall verpassen, deswegen ging ich für mehrere Wochen von Houston nach Paris. Das hat zwar nicht geholfen, um in den besten körperlichen Zustand zu kommen, aber in diesem Moment war nicht einmal die EM wichtiger als die Geburt meines Sohnes. Sie war wunderschön und unglaublich emotional.

Von aussen könnte man sagen: Es war nicht perfekt geplant, dass das erste Kind ausgerechnet vor dem Karrierehöhepunkt geboren wird. Aber so etwas lässt sich wahrscheinlich gar nicht planen.
Jein. Bei zwei Frauen ist es logischerweise etwas anderes. Wir wussten aber natürlich nicht, ob es gleich beim ersten Mal funktionieren würde. Ich finde nicht, dass es ein falscher Zeitpunkt war, wenn dann eher wegen meines psychischen Zustands. Für meine Frau war es sehr schwierig, sie war hochschwanger und ich war emotional nicht wirklich da. Aber in dem Moment, als das Baby da war, war alles anders. Ich war unglaublich glücklich.

«Das ist meine erste grosse Verletzung, und ich möchte mir auch selbst beweisen, dass ich zurückkommen kann.»

Wird Ihr Kind Luan Maël irgendwann selber Fussballer?
Wer weiss (lacht!). Er hat auf jeden Fall schon jetzt Freude an Bällen, er lächelt jedes Mal, wenn er einen Ball sieht. Ich zwinge ihn sicher zu nichts. Aber wenn er sich mal für Fussball interessiert: Umso besser.

Dennoch sind Sie derzeit fleissig daran, sich zurückzukämpfen. Sie wurden vor Kurzem 35 Jahre alt. Gab es einen Moment, in dem Sie gedacht haben, der Kreuzbandriss könnte das Karriereende bedeuten?
Wenn ich nach dieser Verletzung zurückgetreten wäre, wäre mir meine Entscheidung abgenommen worden. Das ist meine erste grosse Verletzung, und ich möchte mir auch selbst beweisen, dass ich zurückkommen kann. Ich weiss, dass ich es noch einmal schaffen kann, in eine bessere Form als vor meiner Verletzung zu kommen. Ich habe immer noch sehr viel Freude am Fussball.

Doch Ihr Vertrag bei Houston wurde aufgelöst. Weshalb?
Das Telefonat kam überraschend. Der Klub bot mir eine Vertragsauflösung an. Es wurde schliesslich klar, dass sie meinen Platz für eine andere internationale Spielerin freimachen möchten. Houston hat mir den gesamten Vertrag ausbezahlt. Das war Zeichen genug, dass sie nicht mehr mit mir planten. Nun mache ich meine Reha in meiner Heimat, hier in Luzern, wo ich ein vertrautes Umfeld habe.

Haben Sie bereits eine Idee, wo es sportlich weitergehen könnte?
Das ist derzeit noch völlig offen. Es gibt internationale Klubs, die interessiert sind. Aber erst, wenn ich zu hundert Prozent fit bin. Die meisten bieten altersbedingt nur Einjahresverträge an. Das ist für mich in meiner jetzigen Situation ein Risiko. Ich suche etwas Langfristiges mit Perspektive – vielleicht auch über die aktive Karriere hinaus. Es geht nicht mehr nur um mich. Für ein Jahr mit der Familie irgendwohin zu ziehen, ist schwierig. Darum ist für mich auch die Schweiz eine Option. Auch da gab es schon Gespräche mit Klubs, aber noch nichts Spruchreifes.

Switzerland's Ramona Bachmann in action during an international women's friendly soccer match between the national soccer teams Switzerland and Poland, at Marbella Football Center, in Marbel ...
Ramona Bachmann möchte sich in die Nati zurückkämpfen.Bild: keystone

Ist das Nationalteam weiterhin ein Ziel für Sie?
Absolut. So möchte ich sicher nicht aufhören. Ich hatte sehr gute Gespräche mit dem neuen Nationaltrainer Rafael Navarro. Er hat mir gesagt, dass er mich sehr schätzt – auch als Führungsspielerin. Er ist offen für Feedback, auch nach Spielen, die ich von aussen beobachte. Das hat mir ein extrem gutes Gefühl gegeben. Es zeigt, dass da jemand verstanden hat, wie wichtig mentale Gesundheit, Familie und das Umfeld sind. Dass wir keine Maschinen sind, sondern Menschen.

Am Hals haben Sie ein neues Tattoo. «Resilience», steht dort. Welche Bedeutung hat das Wort für Sie?
Resilienz hat für mich eine sehr grosse Bedeutung. Nach allem, was ich erlebt habe, und nach all den Momenten, in denen ich immer wieder aufgestanden bin und mich zurückgekämpft habe.

Ein für Sie unglaublich turbulentes Jahr 2025 geht zu Ende. Was wünschen Sie sich für 2026?
Ein ruhigeres und ein gesundes Jahr. Ich wünsche mir, dass ich noch einmal Fussball spielen kann – mit Freude und Spass. Ich möchte mich noch einmal zurückkämpfen zu meinem bestmöglichen Fitnesszustand. Das Fussballerische ist da – das verliert man nicht so schnell. Ich möchte einfach die letzten Jahre meiner Karriere geniessen. (aargauerzeitung.ch)

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Alisha Lehmann im Wandel der Zeit
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Die Karriere der Schweizer Fussball-Nationalspielerin und Instagram-Berühmtheit.

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12 Kommentare
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Hohlraumverwalter
02.01.2026 16:26registriert August 2025
Ich habe jeweils schon etwas Mühe, wenn ich von Stars und Sternchen, sowie deren mentalen Herausforderungen lesen darf.

Ähm, jedes normal arbeitende Elternpaar mit Kindern ist da deutlich mehr gefordert und hat deutlich weniger Ressourcen...
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