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Joël Kiassumbua (l.) im Training mit dem Kongo gegen Starstürmer Dieumerci Mbokani.
Joël Kiassumbua (l.) im Training mit dem Kongo gegen Starstürmer Dieumerci Mbokani.Bild: Sunday Alamba/AP/KEYSTONE
Interview

Kongos Schweizer Goalie: «Europäer können sich nicht vorstellen, wie das hier abgeht»

Joël Kiassumbua gewann mit der Schweizer U17-Nati 2009 den WM-Titel. Nach einer Karriere-Achterbahnfahrt entschied er sich vor zwei Jahren, für seine zweite Heimat, die Demokratische Republik Kongo, ins Tor zu stehen. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen beim Afrika-Cup.
31.01.2017, 15:2131.01.2017, 21:51
reto fehr, gabun

Joël Kiassumbua war als Doppelbürger für den Kongo am Afrika-Cup. Am Sonntag schied er mit seinem Team im Viertelfinal gegen Ghana mit 1:2 aus. Wir konnten uns kurz vor dem Spiel mit dem 24-jährigen, in Luzern geborenen, Goalie unterhalten.

Anmerkung: Das Interview mit Joël Kiassumbua hätte in Oyem, wo die Nationalmannschaft des Kongos ihr Quartier bezog, stattfinden sollen. Ich war auch auf den «Journalisten-Flug» gebucht. Doch eineinhalb Stunden vor dem Abflug beim Check-in in Libreville kam die Info: «Es müssen noch einige Offizielle auf den gleichen Flug. Es hat drum nur für 15 Journalisten Platz.» 

watson am Afrika-Cup
Reto Fehr besucht für watson seinen dritten Afrika-Cup. Bis am 5. Februar wird es in den nächsten Tagen in unregelmässigen Abständen Berichte aus Gabun geben. Dabei soll der Fussball nicht immer im Vordergrund stehen. Hier geht es zur gesamten Story-Sammlung aus Gabun.

Wir waren ca. 40 Journalisten. Wie die Plätze verteilt werden, werde jetzt ausgearbeitet, erklärte der Verantwortliche. Ein Journalist aus Kamerun meinte daraufhin: «Jetzt kommt die Mafia.» Tatsächlich waren die 15 Plätze innert Kürze irgendwie verteilt. Nach langen Diskussionen und heillosem Chaos durften doch noch weitere Journalisten mit. Abflug war 1,5 Stunden nach dem geplanten Start. Ich war nicht dabei. Darum fand das Interview telefonisch statt.

Joël Kiassumbua, Sie sind an ihrem ersten Afrika-Cup dabei. Was fällt besonders auf?
Joël Kiassumbua:
Ich war bisher nur bei der U17-WM 2009 mit der Schweiz an einem grossen Turnier. Hier ist alles nochmals grösser, auch wenn die Organisation teilweise chaotisch ist. Fussballerisch ist alles viel physischer, alles geht schneller und Zweikämpfe sind extrem wichtig. Das Einsteigen ist teilweise brutal. In Europa würde hier in einigen Situationen anders entschieden werden.

Sie sprechen die Organisation an. Gab es da auch für Ihr Team Überraschungen?
Grundsätzlich nicht. Wir hatten hier ein gutes Hotel und es funktionierte meist. Als wir allerdings vom dritten Gruppenspiel von Port-Gentil zurückflogen, ging unser Gepäck mit all den Trainings- und Fussballsachen unter. So mussten wir im ersten Training danach im «Ausgangstrainer» antreten. Zum Glück hatten die meisten Spieler ihre Fussballschuhe im Handgepäck.

Ist das Gepäck dann doch noch vollständig angekommen?
Ja, das klappte dann später noch.​

Wie reagiert man auf solche Vorkommnisse? 
Im ersten Moment dachten wir: Oh mein Gott, was soll das? Aber dann schauten wir uns an und lachten. Machen wir das Beste draus.

So feierte der Kongo das 3:1 gegen Togo und damit den Gruppensieg. Mittendrin: Joël Kiassumbua (Nr. 16).

Ist das nicht extrem anstrengend, wenn man Topleistungen abrufen muss und dann klappen so kleine Dinge nicht?
Das zehrt natürlich alles an den Nerven und ist nicht optimal. Aber es ist halt so. Auf der einen Seite ist es jedes Mal wieder überraschend, auf der anderen gewöhnt man sich auch daran. Das gilt auch für andere Bereiche, zum Beispiel, dass die Verpflegung vor dem Spiel immer einwandfrei klappt, ist nicht selbstverständlich.

Wie steht es eigentlich um das Stadion in Oyem. Das wurde noch nicht ganz fertig gestellt. Ist für die Spieler alles in Ordnung?
Ja, da können wir uns nicht beschweren. Die Garderoben sind tiptop, wir haben warmes Wasser zum Duschen. Das ist alles nicht selbstverständlich wie in Europa. Aber es passt schon.​

Der Trainingsplatz des Kongos: Hier ist der Rasen einwandfrei, im Stadion in Oyem leider nicht.
Der Trainingsplatz des Kongos: Hier ist der Rasen einwandfrei, im Stadion in Oyem leider nicht.Bild: Sunday Alamba/AP/KEYSTONE

Wie läuft es denn in der Garderobe ab? Man hört ja immer von Ritualen afrikanischer Spieler oder Betreuern?
Hier am Afrika-Cup gibt es das in unserem Team wenig. In anderen Partien habe ich auch schon Spieler gesehen, die versuchen mit verschiedenen Ritualen etwas zu erreichen. Einige Spieler gehen auf den Platz, spucken herum und machen irgendwelche Fetisch-Sachen. Aber wie gesagt: Hier nicht.

Habt ihr einen «Marabu» im Team, der mit seinen übernatürlichen Fähigkeiten zum Sieg verhelfen soll?
Nein, das haben wir bei der Nationalmannschaft nicht. Aber ja, es gibt Teams, bei welchen diese vor der Partie noch auf dem Platz herumtanzen.

Wie läuft die Vorbereitung im Vergleich mit Europa ab?
Das ist völlig anders. Europäische Fussballer können sich nicht vorstellen, wie das hier abgeht. In Europa ist es eher ruhig. Hier steigt jedes Mal ein Fest. Wir singen im Car zum Spiel. Das sind zu Beginn Kirchenlieder, mit welchen wir Gott danken, dann werden aber auch Fan-Lieder gesungen.

Und dann bei der Ankunft im Stadion?
Da wird auch mal getanzt. Vor dem zweiten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste ging es total ab. Ich hab ein Video auf Instagram gestellt. Das müssen Sie sich mal anschauen.

Wie gehen Sie damit um?
Ich kannte das überhaupt nicht. Es war zu Beginn völlig überraschend. Da musste ich mich erst daran gewöhnen. Ich bin in der Schweiz geboren und war bis vor zwei Jahren noch nie im Kongo. Erst durch den Fussball lernte ich das Land meines Vaters kennen. 

Vielen Spielern im Team geht es wie Ihnen. Sie sind in Europa gross geworden. Wie ist es für sie?
Sehr ähnlich. Sie kannten das nicht. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Aber wie gesagt: Manchmal, da schauen wir uns einfach an und müssen lachen und dann ist alles wieder gut.

Immer wieder geht es auch um das «wirkliche» Alter afrikanischer Fussballer. Gibt es rund um den Kongo auch solche Diskussionen?
Das gab es um Chancel Mbemba von Newcastle. Er habe vier Geburtstage, hiess es (1988, 1990, 1991 und 1994). Im Team ist das kein Thema. Für uns ist entscheidend, ob er uns hilft oder nicht. Und das ist bei ihm der Fall.

Joël Kiassumbua mit einigen seiner Teamkollegen am Strand in Port-Gentil.

Hatte Sie Ihr Vater nicht vorgewarnt, wie es im Kongo abgeht?
Doch. Er erzählte immer, wie fussballverrückt, fröhlich und euphorisch die Fans sind. Er erzählte von Tausenden Fans bei den grossen Teams. Aber ich dachte irgendwie immer, dass er etwas übertreibt.

Und heute?
Unser Nationalstadion, das Stade des Martyrs in Kinshasa, fasst 80'000 Zuschauer. Aber bei Heimspielen sind da über 100'000 Fans drin. Bei einem Training hatten wir 30'000 Zuschauer. Ich dachte nur: Was läuft hier? Es ist extrem eindrücklich. Da wusste ich, mein Vater übertrieb nicht.

Die Atmosphäre im Stade de Martyrs.Video: YouTube/Leopardsfoot TV

Was war das Speziellste, das Sie mit dem Nationalteam in diesen zwei Jahren erlebt haben?
Das war wohl das WM-Qualispiel in Burundi. Es fand auf einem uralten Kunstrasen statt, der eigentlich gar nicht mehr bespielbar war. Kurz vor Anpfiff begann es in Strömen zu regnen. Der Platz stand unter Wasser. Dann kamen die Ballbuben mit riesigen Schwämmen, saugten das Wasser auf und drückten es neben dem Platz wieder aus. In Europa wäre die Partie niemals angepfiffen worden. Hier schon. Wir siegten 2:1.

Was nehmen Sie mit nach Wohlen?
So einiges. Wir können uns sehr glücklich schätzen, was wir in der Schweiz haben. Nur schon normales Duschen, warmes Wasser zu haben, einen Platz, der bereit ist, eine Infrastruktur, die funktioniert.

Sie mussten am Afrika-Cup Vumi Matampi den Vortritt lassen.
Ja, er hatte beim African Nations Championship (ein Kontinentalturnier bei dem nur Spieler, die in Afrika spielen, eingesetzt werden) unser Team zum Titel geführt. Darum war er danach gesetzt. Aber ich werde meine Chance erhalten. Ich bin der jüngste Goalie im Kader und der Trainer schenkt mir Vertrauen.

Die Fans des Kongos: farbenfroh und sehr euphorisch.
Die Fans des Kongos: farbenfroh und sehr euphorisch.Bild: Sunday Alamba/AP/KEYSTONE

Da würde ein Vertrag in der Super League helfen. Was sind Ihre Zukunftspläne?
Die Rückrunde werde ich sicher mit Wohlen bestreiten und ich hoffe, dass ich gute Leistungen zeigen kann. Mein Ziel ist klar die Super League, wenn ein Wechsel im Sommer klappen würde, wäre das super. Ich nehme es einfach Schritt für Schritt.

Afrika-Cup 2017 in Gabun

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12 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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lilie ❤ Bambusbjörn
31.01.2017 19:05registriert Juli 2016
Danke für das tolle Interview! Ich finde es faszinierend, die Eindrücke von jemandem zu hören, der ein Stück weit in beiden Welten zuhause ist. Sehr authentisch.

Und von der Lebensfreude der Afrikaner, die mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und dann doch so viel Spass haben, könnten wir uns hier sicher eine Scheibe abschneiden!
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Karl Müller
31.01.2017 16:40registriert März 2015
Das im Video ist doch was ganz anderes, als was uns Sepp Blatter 2010 als "typisch afrikanische Fussballatmosphäre" verkaufen wollte. Man erinnert sich mit Grausen: Ein Tor für das Heimteam? "Trööööööööt!" Ein Tor für den Gegner? "Trööööööööt!" Ein Foul? "Trööööööööt!" Der Schiri-Assistent kontrolliert den Sitz des Netzes? "Trööööööööt!"
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Hockey-Goalie Ivan Fedotov legt gegen russische Zwangsrekrutierung Rekurs ein
Ivan Fedotov, der vor sechs Tagen zwangsweise rekrutierte russische Eishockey-Goalie, reicht gegen seine Einberufung in Russlands Nordmeerflotte Rekurs ein.

Das Rekursverfahren sei bereits bei Fedotovs Festnahme eingeleitet worden. «Jetzt warten wir auf die Annahme durch das Gericht, danach bewegen wir uns in Richtung Prozess», sagte Alexei Ponomarjov der Anwalt des 25-jährigen Torhüters. Fedotov leistet seit Montag Militärdienst beim Marine-Stützpunkt im nordrussischen Seweromorsk in der Nähe von Murmansk.

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