Timo Meier: «Finnland vor dem Viertelfinal noch zu haben, ist perfekt»
Wie haben Sie den Cupsieg des FC St.Gallen erlebt?
Als leidenschaftlicher Fan…
… der auch nervös geworden ist nach der roten Karte gegen den FCSG?
Ich war ein wenig nervös, ja. Aber ich hatte gleichzeitig ein gutes Gefühl. Ich wusste, Watti ist ein grosser Teil dieser Mannschaft (Torhüter Lukas Watkowiak, d.Red.). Alle Spieler haben ihn extrem gern. Ich glaube, das gab dem Team nochmals einen Ruck, alle wollten es auch für ihn.
Kennen Sie einige Jungs des FCSG?
Ich kenne ein paar. Aber eben, ich bin wirklich einfach Fan. Ich geniesse es sehr, Fussball zu schauen, um abschalten zu können vom Eishockey. Natürlich die Spiele des FC St.Gallen, aber auch die Bundesliga verfolge ich. Es ist schön, mit Kollegen bei einem Bier im Pub über Fussball zu reden. So, wie das andere wohl auch über mich tun.
Aber den Cupsieg konnten Sie nun nicht mit Bier feiern gestern, oder?
Es gab ein Bier, aber nur ein alkoholfreies!
Sind Sie noch nach St.Gallen gereist, um zu feiern?
Nein, nein. Es haben mich zwar sehr viele gefragt, ob ich noch komme. Aber es war mir wichtig, zurück zu meinen Nati-Kollegen ins Hotel nach Zürich zu gehen. Ich bin froh, habe ich dieses historische Spiel im Stadion erlebt. Aber jetzt gilt der Fokus wieder der Eishockey-WM. Damit wir unsere Geschichte hier schreiben können.
Den Meistertitel des FCSG im Jahr 2000 haben Sie noch nicht wirklich miterlebt, oder?
Nein, dann war ich noch sehr jung (4-jährig, d.Red.). Man hat richtig gemerkt, wie die ganze Region darauf gewartet hat. Ein paar Mal waren wir nahe dran, im Cup zweimal und während Corona auch in der Meisterschaft. Wir wurden ein paar mal gekitzelt – schön, hat es endlich wieder geklappt mit einem Titel.
Sie waren der Edel-Fan des FCSG. Nun müssten Sie eigentlich für einen allfälligen WM-Final Matthias Hüppi in Loge der Arena Zürich einladen…
(lächelt) Ich denke schon, dass der eine oder andere vielleicht noch im Stadion auftaucht.
Wie müssen wir uns das vorstellen, wenn Sie während Ihre NHL-Saison läuft Bundesliga schauen?
Eigentlich ist es ziemlich perfekt wegen der Zeitverschiebung. Wenn wir frei haben, kann ich aufstehen, Kaffee machen und dann direkt Konferenz schauen.
Haben Sie auch in der Bundesliga ein favorisiertes Team?
Nicht einmal ein spezielles Team. Wir haben eine Fantasy-League, Kickbase heisst sie, dort habe ich dann «meine» Spieler im Team, die ich verfolge. Ich war nicht schlecht dieses Jahr, es kommt langsam! Dadurch verfolge ich das alles ein bisschen anders.
Wie unterscheidet sich die Stimmung, wenn Sie als Fan im Stadion stehen im Vergleich zu dem, was Sie mitbekommen als Spieler an der Eishockey-WM?
Die Stimmung bei unseren Spielen hier ist sensationell. Alle Jungs schwärmen davon. Extrem cool. Extrem antreibend. Natürlich, Fans eines Teams zu sein, ist etwas anderes als Fan eines Nationalteams. Zudem ist es auch schwierig, ein Stadion mit 10'000 Zuschauern mit einem für 30'000 zu vergleichen. Dafür ist beim Eishockey die Halle zu. Wir geniessen es mega! Wir sind begeistert vom Support, den wir erhalten.
Werden Sie durch die Emotionen angetrieben oder blenden Sie diese aus während der Spiele?
Mich treiben sie extrem an. Es gibt schon Spieler, die etwas nervös werden – aber ich gehöre definitiv nicht zu. Das gibt sehr viel Energie.
Wie nehmen Sie die Euphorie in der Schweiz wahr, die entstanden ist in dieser ersten WM-Woche?
Es ist wirklich riesig. Die Atmosphäre im Stadion sagt so viel aus. Und natürlich ist es auch toll, wie viele Familien und Freunde kommen können.
Sechs Spiele, sechs Siege – wie sieht das selbst auferlegte Zwischenzeugnis aus?
Gut. Auf der anderen Seite wissen wir auch, dass härtere Spiele kommen. Der ganze Weg wird hart. Aber die Partien, die wir schon siegreich gestalten konnten, die musst du auch erst einmal so gewinnen. Finnland vor dem Viertelfinal noch zu haben, ist perfekt.
Denken Sie schon weiter? An den Viertelfinal? Kann man das überhaupt verhindern?
Nein, als Mannschaft bleiben wir im Moment. Wir haben uns fest vorgenommen, nicht vorauszuschauen, sondern Tag für Tag zu nehmen. Ich weiss, das ist eine Floskel, aber schlussendlich muss das so sein in so einem Turnier. Unser Ziel ist es auch, unsere beste Version zu sein.
Ist dieses Denken fast zwingend, um sich nicht zu verzetteln?
Ja, das ist extrem wichtig bei so einer Heim-WM, wo viel Trubel und Euphorie zu spüren ist. Aber wir wissen, dass wir als Mannschaft einander vertrauen. Die Euphorie, die von aussen entsteht, die nutzen wir als Energie auf dem Eis.
Die Schweiz hat schon viermal Silber gewonnen. Gibt es irgendeinen Fehler, bei dem Sie sagen: Das darf uns nicht mehr passieren?
Nein, ich sehe es anders: Wir haben Erfahrungen gesammelt. Jeder Fehler ist eine Erfahrung. Wir werden auch jetzt unser Bestes geben, wir werden uns am Ende dieses Turniers in die Augen schauen und wissen, dass wir alles füreinander gegeben haben. Egal, wie die WM endet. Es ist Sport, es kann vieles passieren.
Was würde Ihnen der Weltmeistertitel bedeuten?
Sehr viel. Uns allen. Aber auch der Schweiz. Wenn ich all die Kinder sehe im Stadion, dann denke ich zurück an die Zeit, als ich klein war und so etwas hätte erleben dürfen... Es wäre das Grösste und auch für das Schweizer Eishockey riesig. Aber das ist noch weit weg. Der Weg zu Gold ist lang. Aber wir geniessen den Moment.
Im WM-Final 2018 schossen Sie gegen Schweden ein Tor – das bitterste Ihrer Karriere?
Auch hier: So würde ich das nicht sehen. Auch wenn wir verloren haben, kann ich mit einem Lächeln zurückblicken. Natürlich juckt es mich und alle anderen auch, und klar wollen wir nicht mehr in der Position der Silbergewinner sein. Aber es ist eine Erfahrung, die mich in der Karriere stärker gemacht hat.
Schweden könnte ein möglicher Viertelfinal-Gegner sein. In der Vergangenheit verlor die Schweiz gegen Schweden immer, wenn es zählte. Ist das ein Thema?
Nein, überhaupt nicht. Ich lüge nicht, wenn ich Ihnen sage, dass ich nicht genau weiss, was alles um uns herum passieren könnte und wenn und wo etc. Wir fokussieren uns auf unser Spiel morgen. Wer dann der Gegner ist am Donnerstag, sehen wir dann.
Könnte es ein Nachteil sein, so dominant gewesen zu sein in der Vorrunde?
Im Gegenteil. So, wie wir spielten, das war unsere Vorbereitung für den Viertelfinal. Wir fliegen nicht zu hoch nach den hohen Siegen. Wir wissen, dass es härter wird. Wir geniessen die Challenge, die kommen wird. Mehr können wir nicht tun.
Sie und Nico Hischier kennen sich sehr gut, weil Sie auch bei den New Jersey Devils zusammenspielen…
Ja, wir sind ein eingespieltes Team. Wir kennen uns auf und neben dem Eis sehr gut. Auf Road-Trips verbringen wir Schweizer viel Zeit miteinander, auch Jonas Siegenthaler ist häufig dabei. Nico und ich wohnen zudem im gleichen Appartment.
Aber nicht zusammen?
Nein, nein. Das würde auch nicht gehen, unser Tagesablauf ist nicht ganz derselbe.
Wer steht früher auf?
Ganz klar ich. Ich brauche etwas weniger Schlaf als er. Zum Training fahren wir meist gemeinsam. Wir wechseln uns ab.
Und Sie mussten ihn noch nie wecken?
Ich würde jetzt lügen, wenn ich sagte, das sei noch nie vorgekommen. Aber es ist sehr selten!
Letzte Frage: Welche Sommerpläne haben Sie?
Ich möchte viel Zeit in der Schweiz verbringen. Nach der WM werde ich einige Tage weg gehen, um den Kopf zu lüften. Und dann den Grossteil des Sommers in der Schweiz verbringen. Wer den Bodensee und den Alpstein vor der Türe hat, muss nicht weg. Ich bin sehr gerne zu Hause mit Familie und Freunden. (aargauerzeitung.ch)

