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Der «professionelle Verlierer» Lewis van Poetsch verlässt den Ring

171021 Anders Eggan of Norway celebrates victory against Lewis van Poetsch of Great Britain during the Oslofjord Fight Night on October 21, 2017 in Melsomvik. Photo: Fredrik Varfjell / BILDBYR�N / kod ...
Lewis van Poetsch (rechts) kennt das Gefühl, zu verlieren, wohl wie kein Zweiter.Bild: imago sportfotodienst

«Ich liebe es, ein professioneller Verlierer zu sein» – Journeyman van Poetsch tritt ab

170 Kämpfe, 152 Niederlagen und 14 Siege, so liest sich die Statistik von Lewis van Poetsch. Nun hängt der «professionelle Verlierer» seine Boxhandschuhe nach über zehn Jahren an den Nagel.
07.04.2023, 19:4908.04.2023, 15:03
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Es endete so, wie alles vor über zehn Jahren bei einem Kampf gegen den Letten Artur Geikins begonnen hatte. Lewis van Poetsch beschloss seinen 170. Profi-Boxkampf mit einem Sieg. Ein seltenes Gefühl für den Boxer, der sich selbst, als «professionellen Verlierer» bezeichnet.

Van Poetsch ist in der Boxszene als Journeyman bekannt. Als Aufbaugegner für junge aufstrebende Boxtalente, welche auf dem Weg nach oben ihre Bilanz aufhübschen müssen. Van Poetsch selbst beschreibt das Schicksal eines Journeymans wie folgt: «Als Journeyman trittst du an, erledigst deine Aufgabe und gehst dann wieder nach Hause.»

Die Aufgabe in diesem Fall ist allerdings nicht, sein Bestes zu geben, um zu gewinnen, sondern zu verlieren. Dies macht allerdings jeder Journeyman in seinem eigenen Stil. Van Poetschs Art war es, nicht in Runde eins gleich zu Boden zu gehen. Er wollte den Zuschauern dennoch eine möglichst gute Show liefern, um am Ende möglichst nach Punkten zu verlieren. Deshalb war er bei den Fans und Gegnern auch stets beliebt.

Den Weg als Journeyman schlug der Brite schon früh in seiner Boxkarriere ein. Nachdem er seinen ersten Kampf gewinnen konnte, hatte er zwar noch grosse Ziele: «Ich glaubte, ich könnte britischer Meister werden.» Doch sein zweiter Kampf verlief schon nicht mehr nach Plan. «Ich hatte zu viel trainiert und mir fehlte es daher an Energie. Ich verlor gegen einen Gegner, den ich hätte schlagen müssen.»

Daraufhin begann van Poetsch damit, seinen Karriereplan zu überdenken. «Der Ticketverkauf lief nicht mehr und ich begann alles zu hinterfragen. Ich fragte mich, ob ich wirklich gut genug bin, um es zu schaffen.»

Ein Anruf seines Managers sollte ihm die Entscheidung dann erleichtern. «Es war Mittwoch und ich bekam einen Anruf von meinem Manager, der mir einen Kampf am Samstag anbot. Ich sagte ihm, dass ich Probleme beim Verkauf der Tickets bekommen würde. Dann erklärte er mir, ich sei der Gastkämpfer. Ich bräuchte nur aufzutauchen, der andere Kämpfer kümmert sich um den Verkauf. Ich hielt dies für eine fantastische Idee und sagte zu.»

Van Poetsch gefiel diese Art von Kämpfen. Ohne den Druck, Tickets vor seinen Kämpfen verkaufen zu müssen, konnte er viel befreiter kämpfen. Doch ihm wurde schnell bewusst, dass die Entscheidungen der Schiedsrichter häufig eher zugunsten des Kämpfers ausfielen, der sie bezahlte.

«In einigen Kämpfen wurde ich betrogen. Ich kämpfte gut, dominierte sogar, doch ich verlor trotzdem nach Punkten. Es ist schwierig, sich in der Ecke des Gastkämpfers dagegen zu wehren, also dachte ich nach einiger Zeit: was soll's.» Van Poetsch liess sich nun völlig auf die Journeyman-Rolle ein.

171021 Lewis van Poetsch of Great Britain enters the arena during the Oslofjord Fight Night on October 21, 2017 in Melsomvik. Photo: Fredrik Varfjell / BILDBYR
Lewis van Poetsch beim Eintritt in die Halle.Bild: imago sportfotodienst

Seinen ersten richtigen Kampf als Journeyman hatte van Poetsch gegen Johnny Coyle. «Ich interessierte mich nicht mehr für den Ausgang des Kampfes. Ich wurde nie verletzt und bekam mein Geld. Seitdem klingelte mein Telefon durchgängig. Wenn du den Leuten gibst, was sie von dir wollen, dann bist du in diesem Geschäft begehrt.»

Seither kämpfte er drei- bis viermal im Monat in den kleinen Hallen in ganz Grossbritannien. Seine Titelträume legte er schnell beiseite und freute sich vielmehr über das zusätzliche Einkommen. «Vielleicht hätte ich britischer Meister werden können, aber ich liebte es, ein professioneller Verlierer zu sein.» Van Poetsch arbeitete nebenbei zunächst als Friseur und wurde dann Lift-Ingenieur.

Nach der Karriere wollte er sich eigentlich zunächst eine Pause vom Boxen gönnen und sich auf seine Arbeit konzentrieren. Doch der britische Schiedsrichter Marcus McDonnell hielt ihn für einen perfekten Unparteiischen. Erst kürzlich absolvierte van Poetsch seine erste Nacht als Schiedsrichter-Anwärter bei Anthony Joshuas Sieg über Jermaine Franklin. Van Poetsch scheint mit seiner neuen Aufgabe ebenfalls sehr glücklich zu sein: «Ich beende meine Karriere als Boxer, aber ich bleibe dem Boxen erhalten.» (mom)

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