Heute gilt es ernst für die Fussball-Nati. Ein weiteres Mal, in ihrem zweiten K.-o.-Spiel an der EM 2024. Italien war kein Gradmesser – so unwahrscheinlich das klingen mag für einen, der die Partie nicht gesehen hat, aber den Stellenwert der beiden Nationen im Weltfussball kennt.
Nun im Viertelfinal (18 Uhr in Düsseldorf) wartet mit England das nächste Schwergewicht. Nach den bislang gezeigten Leistungen im Turnier ist das kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.
Ein Schweizer machte es seinen Landsleuten vor, wie man die Grossen stürzen kann. Tennisspieler Stan Wawrinka lebte lange Zeit im überlangen Schatten von Roger Federer. Der Baselbieter gewann ein Grand-Slam-Turnier nach dem anderen. Wawrinka spielte zwar auch stark, wurde aber ausserhalb der Szene wenig beachtet.
Er war in einer ähnlichen Situation wie die Fussball-Nationalmannschaft in den letzten zwei Jahrzehnten. Da war sie mit Ausnahme der EM 2012 an jedem Turnier dabei, schaffte meistens die Qualifikation für die Achtelfinals, aber nur einmal (EM 2021) jene für die Viertelfinals. Ohne Zweifel eine starke Leistung für ein Land dieser Grösse, aber ausserhalb der Schweiz wurde das nicht gross registriert.
Stan Wawrinka trat 2014 aus Federers Schatten. Er triumphierte an den Australian Open, wobei er zuerst Novak Djokovic eliminierte und im Final Rafael Nadal schlug. Der Romand begeisterte mit seiner Beharrlichkeit, mit seinem Biss, mit seiner Leidenschaft. Und er legte nach: 2015 gewann Wawrinka die French Open, 2016 die US Open.
An zwei Merkmale Wawrinkas werden sich Schweizer Sportfans noch lange erinnern. Zum einen an seinen Fingerzeig an die Schläfe, mit der er seine mentale Stärke anzeigte. Zum anderen Wawrinkas berühmtes Tattoo am linken Unterarm:
Das Zitat stammt vom irischen Schriftsteller Samuel Beckett. Es bedeutet: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.»
Gegen viele Widerstände schaffte es Wawrinka, die Grössten seiner Zunft zu schlagen. So erfolgreich wie Federer wurde er nicht, der «Maestro» war ein Jahrhundert-Talent. Aber Wawrinka holte sich den Respekt und die Liebe von Fans auf der ganzen Welt.
Die Tugenden, die den Schattenmann an die Weltspitze brachten, können auch die Fussball-Nationalmannschaft weit bringen. Die Spieler treten in Deutschland mit Biss auf, mit Leidenschaft, mit Kampfgeist. Und fast so wie Wawrinka mit seiner Rückhand begeistert die Nati mit ihrer Spielweise.
Im Gegensatz zu den Engländern, die bislang sehr von ihren Stars Jude Bellingham und Harry Kane abhängig waren, glänzte die Schweiz als Mannschaft. Auch wer nicht oder nur wenig spielt, zieht mit. Das Trainer-Team um Murat Yakin und Assistent Giorgio Contini hat es geschafft, die Gruppe zu einen. Es traf zudem lauter richtige Entscheide: bei den Aufstellungen, bei den taktischen Anweisungen.
Die Nati ist für Gegner unberechenbar geworden. Und offensiv ist sie nicht von einem Spieler abhängig: Sieben verschiedene Spieler haben die bisher sieben Schweizer EM-Tore erzielt.
Nicht zu unterschätzen ist im Viertelfinal zudem eine psychologische Komponente. Natürlich wollen beide Teams gewinnen. Aber die einen, die Engländer, «müssen», während die Schweizer «dürfen». Für das Mutterland des Fussballs wäre ein Ausscheiden eine Schmach, das kann lähmen. Die Schweizer lockt die Aussicht auf einen historischen Triumph, das kann beflügeln.
Das muss alles nichts bedeuten. Weil in einem Fussballspiel immer auch ein Gegner auf dem Platz steht, und dass England viel Qualität hat, ist unbestritten. Die Frage ist, ob es den «Three Lions» gelingt, ihre PS auf den Boden zu bringen. Oder ob unsere Fussball-Wawrinkas den nächsten Grossen nach Hause schicken.