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EM 2024: Die Schweizer Nati ist nicht Federer, kann aber Wawrinka werden

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Ein Mann auf einer Mission: Stan Wawrinka 2014 beim Gewinn der Australian Open.Bild: EPA
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Wir werden mit der Nati nie wie Federer sein, aber wir können wie Wawrinka werden

Zu einer der weltweit dominerenden Fussball-Nationalmannschaften wird die Schweiz mutmasslich auch in Zukunft nicht gehören. Aber sie hat ein berühmtes Vorbild dafür, dass sich Beharrlichkeit auszahlen kann.
06.07.2024, 06:0806.07.2024, 07:02
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Heute gilt es ernst für die Fussball-Nati. Ein weiteres Mal, in ihrem zweiten K.-o.-Spiel an der EM 2024. Italien war kein Gradmesser – so unwahrscheinlich das klingen mag für einen, der die Partie nicht gesehen hat, aber den Stellenwert der beiden Nationen im Weltfussball kennt.

Nun im Viertelfinal (18 Uhr in Düsseldorf) wartet mit England das nächste Schwergewicht. Nach den bislang gezeigten Leistungen im Turnier ist das kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.

Ein Schweizer machte es seinen Landsleuten vor, wie man die Grossen stürzen kann. Tennisspieler Stan Wawrinka lebte lange Zeit im überlangen Schatten von Roger Federer. Der Baselbieter gewann ein Grand-Slam-Turnier nach dem anderen. Wawrinka spielte zwar auch stark, wurde aber ausserhalb der Szene wenig beachtet.

Bildnummer: 03872648 Datum: 15.08.2008 Copyright: imago/Paul Zimmer
Roger Federer (li.) und Stanislas Wawrinka (beide Schweiz) jubeln; Vdig, quer, Aufmacher, premiumd Olympische Spiele Peking 2008, S ...
Gemeinsamer Triumph: Federer und Wawrinka gewinnen Olympia-Gold 2008 im Doppel.bild: imago

Er war in einer ähnlichen Situation wie die Fussball-Nationalmannschaft in den letzten zwei Jahrzehnten. Da war sie mit Ausnahme der EM 2012 an jedem Turnier dabei, schaffte meistens die Qualifikation für die Achtelfinals, aber nur einmal (EM 2021) jene für die Viertelfinals. Ohne Zweifel eine starke Leistung für ein Land dieser Grösse, aber ausserhalb der Schweiz wurde das nicht gross registriert.

Stan Wawrinka trat 2014 aus Federers Schatten. Er triumphierte an den Australian Open, wobei er zuerst Novak Djokovic eliminierte und im Final Rafael Nadal schlug. Der Romand begeisterte mit seiner Beharrlichkeit, mit seinem Biss, mit seiner Leidenschaft. Und er legte nach: 2015 gewann Wawrinka die French Open, 2016 die US Open.

Wawrinka defeats Djokovic in French Open final Stan Wawrinka of Switzerland (R) and Novak Djokovic of Serbia praise each other following the French Open final match on June 7, 2015, in Paris. Wawrinka ...
Djokovic muss Wawrinka 2015 zum Gewinn der French Open gratulieren.Bild: imago sportfotodienst

An zwei Merkmale Wawrinkas werden sich Schweizer Sportfans noch lange erinnern. Zum einen an seinen Fingerzeig an die Schläfe, mit der er seine mentale Stärke anzeigte. Zum anderen Wawrinkas berühmtes Tattoo am linken Unterarm:

«Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.»

Das Zitat stammt vom irischen Schriftsteller Samuel Beckett. Es bedeutet: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.»

January 30, 2015: 4th seed Stan Wawrinka (SUI) in action in a Semifinals match on day twelve of the 2015 Australian Open grand slam tennis tournament at Melbourne Park in Melbourne, Australia. Sydney  ...
Der Blick auf Wawrinkas linken Arm.Bild: imago sportfotodienst

Gegen viele Widerstände schaffte es Wawrinka, die Grössten seiner Zunft zu schlagen. So erfolgreich wie Federer wurde er nicht, der «Maestro» war ein Jahrhundert-Talent. Aber Wawrinka holte sich den Respekt und die Liebe von Fans auf der ganzen Welt.

Die Tugenden, die den Schattenmann an die Weltspitze brachten, können auch die Fussball-Nationalmannschaft weit bringen. Die Spieler treten in Deutschland mit Biss auf, mit Leidenschaft, mit Kampfgeist. Und fast so wie Wawrinka mit seiner Rückhand begeistert die Nati mit ihrer Spielweise.

Im Gegensatz zu den Engländern, die bislang sehr von ihren Stars Jude Bellingham und Harry Kane abhängig waren, glänzte die Schweiz als Mannschaft. Auch wer nicht oder nur wenig spielt, zieht mit. Das Trainer-Team um Murat Yakin und Assistent Giorgio Contini hat es geschafft, die Gruppe zu einen. Es traf zudem lauter richtige Entscheide: bei den Aufstellungen, bei den taktischen Anweisungen.

Switzerland's assistant coach Giorgio Contini, head coach Murat Yakin, Remo Freuler and Granit Xhaka, from left, discuss during a training session at the "Stadion auf der Waldau" in Stu ...
Contini und Yakin mit den Zentrumsspielern Freuler und Xhaka (von links).Bild: keystone

Die Nati ist für Gegner unberechenbar geworden. Und offensiv ist sie nicht von einem Spieler abhängig: Sieben verschiedene Spieler haben die bisher sieben Schweizer EM-Tore erzielt.

Nicht zu unterschätzen ist im Viertelfinal zudem eine psychologische Komponente. Natürlich wollen beide Teams gewinnen. Aber die einen, die Engländer, «müssen», während die Schweizer «dürfen». Für das Mutterland des Fussballs wäre ein Ausscheiden eine Schmach, das kann lähmen. Die Schweizer lockt die Aussicht auf einen historischen Triumph, das kann beflügeln.

Das muss alles nichts bedeuten. Weil in einem Fussballspiel immer auch ein Gegner auf dem Platz steht, und dass England viel Qualität hat, ist unbestritten. Die Frage ist, ob es den «Three Lions» gelingt, ihre PS auf den Boden zu bringen. Oder ob unsere Fussball-Wawrinkas den nächsten Grossen nach Hause schicken.

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17 Kommentare
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LifeIsAPitch
06.07.2024 07:51registriert Juni 2018
Treffender Vergleich, wie ich finde. Es ist jetzt 7:52 Uhr und ich bin jetzt schon nervös-aufgeregt, habe aber ein angenehm positives Grundgefühl in der Bauchgegend. Hopp Schwiiz, das Epos Euro 2024 will um ein Kapitel erweitert werden!
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Sändala
06.07.2024 08:45registriert Mai 2023
Als ich Xhaka zum ersten Mal wahrnahm – und ich bin wirklich keine Fusballverrückte – erschien er mir als provokativer, in den Schritt greifender und mit dem Doppeladler herumschreiender Schnösel. Als ich bei dieser EM wieder einschaltete, konnte ich kaum glauben, dass dieser strahlende und sogar charmante Typ, derselbe Fussballer ist wie damals. Ich habe den Eindruck, dass seine souveräne Art massgeblich von den beiden Vorzeigetrainern Yakin und Contini geprägt wurde. Herzliche Gratulation an die gesamte Nati, einschliesslich der Trainer und des gesamten Teams – ihr macht uns stolz!
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