Wie der Kenianer Sawe den Marathon unter 2 Stunden rennen konnte
Von einem Marathonlauf zu sprechen, wäre bei Sabastian Sawe vermessen. Der 31-jährige Kenianer rannte die 42,195 Kilometer am Sonntag in London in 1:59:30 Stunden, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 21,19 km/h entspricht. Damit unterbot er den alten Weltrekord um 65 Sekunden und lief als erster Mensch einen Marathon unter Wettkampfbedingungen in weniger als zwei Stunden. Es ist ein grosser Meilenstein, auf den die Sportwelt schon lange hingefiebert hat.
Nun stellt sich natürlich die Frage, weshalb Sawe gerade am gestrigen Sonntag beim London Marathon diese Marke unterbot. Zumal auch seine Kontrahenten Yomif Kejelcha (1:59:41), der erstmals einen Marathon lief, und Jacob Kiplimo (2:00:28) unter dem alten Weltrekord blieben. Auch für ein reines Frauenrennen gab es einen neuen Weltrekord: Tigst Assefa unterbot ihre alte Bestmarke mit einer Zeit von 2:15:41 Stunden um neun Sekunden. Dafür gibt es mehrere Gründe.
Hervorragende Bedingungen
Eigentlich ist der London-Marathon für Rekordzeiten nicht so geeignet wie beispielsweise Berlin oder Valencia. Doch die Bedingungen, die Sabastian Sawe, Tigst Assefa und Co. am Sonntag vorgefunden hatten, waren nahe an der Perfektion. Eine wichtige Rolle spielte das Wetter.
Beim Start betrug die Temperatur rund 13 Grad, bis zum Zieleinlauf stieg das Thermometer bis auf 16 Grad. Anders als im letzten Jahr in Berlin war es also nicht zu heiss für absolute Top-Leistungen. Und es gab auch keine starken Winde, die das Rennen in London 2024 sehr herausfordernd machten. Stattdessen herrschten sehr milde Temperaturen, gerade für die Sportlerinnen und Sportler aus Ostafrika optimal.
Dies half womöglich auch den Tempomachern, die lange mithalten und ein schnelles Tempo vorgeben konnten. So liefen die Spitzenleute lange in einer Gruppe, was es vereinfacht, ein hohes Tempo zu halten. Ausserdem trieben sich Sawe und Konkurrent Kejelcha, der erst auf den letzten beiden Kilometern abreissen lassen musste, gegenseitig an.
Sawe rannte eine schnellere zweite Hälfte des Marathons (59:01 Minuten), was er auch dank Kejelcha schaffte. «Wir haben uns gegenseitig geholfen», sagte Sawe über den Äthiopier.
Superschuhe
In London trugen sowohl Siegerin Assefa als auch Sieger Sawe die gleichen Schuhe: den Adizero Adios Pro Evo 3, der am Donnerstag in den Handel kommt und 600 Franken kostet. Die neue Version des Modells, das schon im letzten Jahr von vielen Siegerinnen und Siegern der wichtigen Marathons getragen wurde, wiegt nur noch 97 Gramm – auch Adidas durchbrach damit eine magische Marke, indem es erstmals einen Laufschuh unter 100 Gramm entwickelte. Dafür wurde ein enorm dünnes Obermaterial verwendet und auch sonst alles nicht absolut Notwendige entfernt.
Gemäss dem deutschen Kleiderhersteller ist der Pro Evo 3 nochmal 30 Prozent leichter als das Vorgängermodell, ausserdem sei die Energierückgabe um elf Prozent gesteigert worden. Insgesamt ergebe dies eine Verbesserung der Laufökonomie von fast zwei Prozent. Was das Marketinggerede wohl sagen will, bringt der Zweitplatzierte Kejelcha auf den Punkt: «Es ist sehr dünn und fühlt sich schneller an. Ich weiss auch nicht, aber es ist anders.»
Möglich wurde die Weiterentwicklung des Schuhs vor allem durch den «Lightstrike Pro Evo Foam» in der Sohle, der eben leichter und reaktionsfreudiger sei. Die Energie, die man beim Aufsetzen verliere, bekomme man direkt wieder zurück, schreibt GQ. Ein Video von Run Repeat lässt erahnen, wie das in etwa funktioniert:

Zusätzlich pumpe Adidas die Sohlen mittlerweile mit Stickstoff auf und würde sie den Athleten millimetergenau anpassen, wie die Schweizer Marathonlegende Viktor Röthlin beim Tages-Anzeiger verrät. Schon die ersten Schuhe mit integrierten Carbonplatten sorgten vor rund zehn Jahren für einen grossen Fortschritt, seither wurden diese stets weiterentwickelt. Und Adidas hat Konkurrent Nike den Rang als bester Hersteller längst abgelaufen.
Riesentalent
Doch allein wegen des Wetters und der Schuhe bricht man natürlich keinen Weltrekord. Sabastian Sawe ist ein aussergewöhnlicher Läufer. Oder wie Viktor Röthlin sagt: «Ein unglaubliches Marathontalent, das es so wohl noch nie gegeben hat.» Der 51-Jährige hielt es schon länger für wahrscheinlich, dass Sawe die 2-Stunden-Schallmauer früher oder später durchbrechen würde. Röthlin trainiert jeweils in der Gruppe von Sawes italienischem Trainer Claudio Berardelli, wenn er sich in Kenia aufhält.
Beinahe wäre der neue Weltrekordhalter aber gar nie zum Marathon gekommen, wie der Spiegel schreibt. Der in ärmlichen Verhältnissen im kenianischen Hochland aufgewachsene Sawe begann auf der Bahn, lief lange über 800 Meter. Sein Talent blieb vielen verborgen. Bis er zu einem Meeting zu spät kam. So blieb ihm lediglich ein Startplatz über 5000 Meter. Sawe gewann das Rennen direkt – obwohl er weder einen Plan noch Zeit für ein passendes Aufwärmprogramm hatte.
Fortan blieb er bei den langen Strecken. International trat er erstmals 2022 ins Scheinwerferlicht. Beim Halbmarathon in Sevilla war er eigentlich als Tempomacher gebucht und sollte nach zehn Kilometern aussteigen. Doch Sawe lief einfach durch und siegte mit Weltjahresbestzeit. Es folgten Triumphe bei der Halbmarathon-WM 2023, dem Marathon in Valencia 2024 und 2025 dann erstmals in London, wo er nun Geschichte schrieb.
Und noch was?
Selbstverständlich kommen nach so einer Leistung auch Zweifel auf. Gerade bei einem Kenianer, in dessen Heimatland es regelmässig zu Dopingskandalen kommt. Und auch, weil sein Trainer Claudio Berardelli bereits vor Gericht stand, weil er verdächtigt wurde, die erfolgreiche Marathonläuferin Rita Jeptoo mit EPO versorgt zu haben.
Doch Sabastian Sawe legt alles offen, um jegliche Zweifel beiseitezuräumen. Im letzten Jahr liess er sich vor dem Berlin-Marathon innert acht Wochen freiwillig 25 Mal testen. «Es war seltsam zu sehen, dass es Zweifel gibt, obwohl wir wissen, dass wir sauber laufen. Das ist nicht gut», sagte Sawe damals. Auch vor dem Marathon in London dürfte der 31-Jährige als Topfavorit regelmässig getestet worden sein.
Auch der Schweizer Viktor Röthlin ist sich sicher, dass Sawe keine unerlaubten Hilfsmittel verwendet hat. Seinem alten Trainer Claudio Berardelli würde er vollkommen vertrauen. «Er hat eine absolute Nulltoleranz, das hat er mir immer wieder versichert», sagt er dem Tages-Anzeiger. Die Offenheit von Trainer und Athlet spreche ebenfalls dafür. Und Sabastian Sawe habe ja ohnehin genügend Talent, um auch ohne Doping Unglaubliches zu erreichen.
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