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A general view inside the swimming venue ahead of the 2016 Summer Olympics, Thursday, Aug. 4, 2016, in Rio. (AP Photo/Martin Meissner)

Im Olympic-Aquatics-Stadium von Rio haben die Schwimmwettbewerbe stattgefunden.  Bild: AP

Gab es im olympischen Pool von Rio eine unsichtbare Strömung? 

Sprichwörtlicher Wirbel um die olympischen Schwimmwettkämpfe von Rio. Fast zwei Wochen nach dem Ende der Sommerspiele veröffentlichten Forscher Daten, welche die Qualität des Schwimmbeckens in Rio infrage stellen.

Donat Roduner
Donat Roduner



Herrschte im olympischen Pool, in welchem die Schwimmwettkämpfe stattgefunden haben, tatsächlich eine Strömung? Diese Frage ist zulässig, wie Daten von Forschern der Indiana University suggerieren, welche Washington-Post-Reporter Jeff Guo in seinem Artikel anschaulich zusammengetragen hat.

Die Wissenschaftler Andrew Cornett, Christopher Brammer und Joel Stager, die sich bereits vor Rio mit Auffälligkeiten im Schwimmsport befasst haben, konnten aufzeigen, dass bei den Spielen in Brasilien auf den acht Bahnen unterschiedliche Bedingungen geherrscht haben.

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Die Zeitunterschiede auf den verschiedenen Bahnen. quelle: Cornett AC, Brammer c, stager jm (2015) / grafik: jeff guo/washington post

Grundsätzlich haben in einem Schwimmbecken, in dem offizielle Wettkämpfe stattfinden, auf allen Bahnen dieselben Bedingungen zu herrschen. Aus obiger Grafik ist aber zu entnehmen, dass dem in Rio nicht so war. Auf den Aussenbahnen waren die Schwimmer in den Langstreckenrennen (die Daten stammen aus den Disziplinen 800-m- und 1500-m-Crawl) jeweils in eine Richtung schneller unterwegs, je nachdem, ob sie rechts oder links der Mitte unterwegs waren.

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Die Streuungen im Schwimmbecken an den Olympischen Sommerspielen. quelle: cornett ac, brammer c, stager jm (2015) / grafik: jeff guo/ washington post

Beispielsweise schwamm der Norweger Henrik Christiansen (die pinken Punkte in der Grafik) über 1500 m im Vorlauf auf Bahn 2 auf den ungeraden Längen schneller, während das im Final auf Bahn 8 genau umgekehrt war. Die weiteren Schwimmer bestätigen diesen Trend grösstenteils.

2016 Rio Olympics - Swimming - Preliminary - Men's 400m Freestyle - Heats - Olympic Aquatics Stadium - Rio de Janeiro, Brazil - 06/08/2016. Henrik Christiansen (NOR) of Norway competes. REUTERS/Dominic Ebenbichler FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS.

Henrik Christiansen belegte im Final über 1500 m Rang 8. Bild: DOMINIC EBENBICHLER/REUTERS

Fragwürdige Tests des Herstellers

Weitere Beweise liefern Beobachtungen von Barry Revzin. Der amerikanische Datenanalyst verglich die Zeiten der Schwimmer über 50 m Crawl (eine Länge) je nach Startbahn und führte eine lineare Korrelation zutage, welche sich mit dem oben gezeigten Trend deckt.

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Die Korrelation zwischen dem Startbahn-Unterschied in zwei 50-m-Rennen und der Geschwindigkeits-Differenz. quelle: Barry Revzin / grafik: washington post

Die Vermutung liegt also nahe, dass irgendetwas mit dem Becken in Rio nicht so war, wie es hätte sein sollen. Insbesondere weil der Hersteller derselbe war wie bei den Weltmeisterschaften in Barcelona 2013, als selbiges Phänomen zum ersten Mal aufgezeigt werden konnte.

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Bei einer Strömung im Gegenuhrzeigersinn wären über 50 m die hohen Startbahnen bevorteilt. grafik: washington post

Die einfachste Erklärung wäre ein leichter Strom im Gegenuhrzeigersinn, was nicht sein sollte (das Reglement des internationalen Schwimmverbands FINA ist ziemlich vage). Der italienische Poolhersteller Myrthra wehrt sich aber und hält gegenüber der Schwimm-Seite swimswam.com fest, dass bei Tests «keinerlei Hinweise» auf Strömung gefunden wurden. Wobei für den «Test» einfach ein Basketball ins Wasser geworfen wurde, der sich im Lauf einer Minute zwar nicht sichtlich bewegt, sich aber immerhin an Ort und Stelle (sehr langsam) dreht.

ABER!

Bevor wir unsere Säbel wetzen und die Heugabeln aus dem Keller holen, sollten wir ganz kurz innehalten und die obigen Daten in den korrekten Kontext setzen. Auch wenn die Trends eindeutig sind und das olympische Schwimmbecken nicht hundertprozentig integer gewesen sein wird, ist festzuhalten, dass die mögliche Strömung nur auf eine Schwimmdisziplin Einfluss haben konnte: Auf die 50-m-Crawl.

Alle anderen (pro Geschlecht immerhin 15) Schwimmdisziplinen in der Halle finden über eine gerade Anzahl Längen statt, wodurch sich ein zirkulärer Strom über die Renndistanz auf jeder Bahn ausgleichen würde.

epa05482539 Pernille Blume of Denmark reacts on winning the women's 50m Freestyle Final race of the Rio 2016 Olympic Games Swimming events at Olympic Aquatics Stadium at the Olympic Park in Rio de Janeiro, Brazil, 13 August 2016.  EPA/DAVE HUNT   AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT

Wäre die Dänin Pernille Blume über 50 m 0,07 Sekunden langsamer geschwommen, hätte es anstatt Gold nur noch ein Diplom gegeben. Bild: EPA/AAP

Aber über 50 m müssten die Schwimmer gemäss den gemachten Beobachtungen mit den höheren Bahnnummern bevorteilt sein. Dies scheint sich aber nicht zu bewahrheiten, denn die Podestreihenfolge bei den Frauen wie bei den Männern suggeriert genau das Gegenteil. Zudem ist zu bedenken, dass die knapp 0,4 Sekunden Unterschied, welche die Strömung maximal ausmachen soll, auf die Gesamtzeit über 50 m nicht einmal 2 Prozent ausmacht.

Schwimmen, 50 m Crawl

Männer:
1. Anthony Ervin (USA, Bahn 3) 21,40
2. Florent Manaudou (FRA, Bahn 4) 21,41
3. Nathan Adrian (USA, Bahn 6) 21,49

Frauen:
1. Pernille Blume (DEN, Bahn 4) 24,07
2. Simone Manuel (USA, Bahn 7) 24,09
3. Alexandra Gerasimenia (BLR, Bahn 8) 24,11​

Bei den engen Zeitunterschieden (♀ 0,06 s zwischen Gold und Leder, ♂ 0,28 s) können 0,4 Sekunden die Welt bedeuten, klar. Aber mit in die Berechnung fliessen sollte auch, dass die durchschnittliche Reaktionszeit am Start etwa 0,7 Sekunden beträgt.

Und um noch ein bisschen weiter zu gehen: Der Datensatz ist vermutlich nicht genug gross, um wissenschaftlich stichhaltige Aussagen zu treffen. Man beachte auch die Streuung in den entsprechenden Grafiken. Zudem werden auch das einseitige Atmen wie ein möglicher Einfluss der Wandbeschaffenheit ins Feld geführt, um die Anomalien zu erklären.

epa05479154 Michael Phelps of USA reacts to his fellow second placed after the men's 100m Butterfly Final race of the Rio 2016 Olympic Games Swimming events at Olympic Aquatics Stadium at the Olympic Park in Rio de Janeiro, Brazil, 12 August 2016.  EPA/ESTEBAN BIBA

Michael Phelps hat gut lachen, er wurde im Wasser nämlich nicht beeinflusst. Bild: EPA/EFE

Summa summarum:

Die gemachten Beobachtungen sind definitiv spannend und verdienen ihre Aufmerksamkeit, sie sollten aber nicht dafür verwendet werden, die Schwimmresultate in Rio durch den Kakao zu ziehen, dafür sind sie zu schwach. Vielmehr sollten sie von den künftigen Schwimm-Grossanlässen (wie Tokio 2020) als Motivation aufgenommen werden, hundertprozentig faire Wettkampfbedingungen zu bieten.

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