Goldenes Comeback nach eigenen Vorstellungen – Alysa Liu krönt ihre zweite Karriere
2019 war Alysa Liu eigentlich schon fast ganz oben angekommen. Mit 13 Jahren krönte sie sich damals zur jüngsten US-Meisterin der Eiskunstlaufgeschichte. Noch ein Jahr vorher war sie die jüngste Eiskunstläuferin, die je einen dreifachen Axel stehen konnte. Eine grossartige Karriere schien vorprogrammiert.
Doch der ganz grosse Erfolg wollte (noch) nicht kommen. Die Covid-Pandemie und Verletzungen bremsten die Amerikanische Überfliegerin aus. 2021 hatte sie Mühe, mit einem Wachstumsschub zurechtzukommen und verletzte sich bei einem Sturz an der Hüfte. In der Folge konnte sie ihre schwierigen dreifachen und vierfachen Sprünge lange nicht mehr trainieren und im Wettkampf zeigen. Immerhin: 2022 gewann sie an den Weltmeisterschaften in Montpellier Bronze und durfte die USA an den Olympischen Spielen in Peking (Rang 4) vertreten.
Die Spiele in Peking waren aber auch eine Belastung für die Familie Liu. Ihr Vater Arthur Liu (desen insgesamt fünf Kinder allesamt durch eine Eizellspende und Leihmutterschaft gezeugt wurden) war 1989, nach dem Tian'anmen-Massaker, als politischer Flüchtling aus China in die USA ausgewandert. Im Vorfeld der Spiele versuchte die chinesische Regierung Liu zu einem Nationenwechsel zu China zu überreden. Als das nicht klappte, sollen Vater und Tochter gemäss Medienberichten von chinesischen Spionen eingeschüchtert worden sein. Arthur erlaubte die Olympia-Teilnahme seiner Tochter erst, nachdem die US-Regierung zusätzlichen Schutz garantieren konnte.
Doch nach den Spielen und WM-Bronze rund einen Monat später schockte Liu die Eiskunstlauf-Welt. Rücktritt mit nur 16 Jahren. Entgegen den Wünschen ihres Vaters zieht sie sich aus dem Spitzensport zurück. Ihre Begründung damals: «Ich habe im Eiskunstlauf alles erreicht, was ich möchte, und will mich anderen Dingen widmen.»
Vier Jahre später klingt das etwas anders. Sie habe damals den Spass am Eiskunstlauf verloren, diesem Sport, den sie auch auf Drängen ihres Vaters ausgeübt hatte. «Es hatte sich mehr wie eine Bürde angefühlt», erklärt Liu mit etwas Distanz ihren Rücktritt. Die Pause tat ihr gut. Sie liess in dieser Zeit die Eisfelder links liegen. Statt täglich zu trainieren, verbrachte die Kalifornierin Zeit mit ihren Geschwistern, studierte Psychologie und kletterte auch bis ins Everest-Basiscamp in Nepal.
Doch irgendwann merkt Alysa Liu, dass sie das Skaten und das zugehörige Adrenalin vermisst. Sie schmiedet Comeback-Pläne – allerdings nach ihren eigenen Vorstellungen. Sie will selbst entscheiden: was sie anzieht, zu welcher Musik sie tanzt, wann sie trainiert und wann sie Pausen macht oder auch was sie isst. Der Spass soll bei der zweiten Karriere wichtiger sein als die Resultate. Und das zieht sie durch. Liu sticht ihr eigenes Frenulum-Piercing unter der Oberlippe, färbt ihre Haare so, wie sie möchte (ihr Ziel ist es, wie ein Baum jedes Jahr einen neuen Ring hinzuzufügen).
alysa liu dyeing her hair in a halo because she “just wanted to be a tree” is my favorite thing ever, icon behavior truly pic.twitter.com/QFfRueOdi7
— layla noor ♡ (@bylaylanoor) February 11, 2026
Fast am wichtigsten: Liu hat Spass an ihrem Comeback. Sie arbeitet wieder mit ihrem früheren Choreographen Massimo Scali zusammen. Die heute 20-Jährige erklärt, dass sie kaum beschreiben könne, wie viel dieser für sie getan habe. «Er versucht immer, mich als Person wahrzunehmen und zu verstehen», sagt Liu. Die rebellische Art des Italieners passe perfekt zur gleichen Persönlichkeit der Amerikanerin. Sein nächstes Piercing will er sich von seiner Athletin stechen lassen.
Neben Choreograph Scali holt Alysa Liu auch Trainer Phillip DiGuglielmo zurück. Beide waren während ihrer ersten Karriere von Vater Arthur entlassen worden. «Ich habe eine Frau gesehen, die weiss, was sie will und die mit viel Freude in den Eisstadien der Welt auflaufen wird», beschrieb Scali den Moment des neuerlichen Zusammenfindens.
Das Trio erreicht zusammen neue Sphären. Im Oktober 2024 bestreitet Liu ihren ersten Wettkampf seit zweieinhalb Jahren und landet bei der Budapest Trophy sogleich auf dem ersten Platz. Im März 2025 gewinnt sie WM-Gold im Einzel und verpasst ihrem Comeback damit eine erste Krönung.
Und nun also die Olympischen Spiele. Im Team-Wettkampf trägt sie schon zum Goldgewinn der USA bei. Nach dem Kurzprogramm rund eine Woche später im Einzel lag sie mit Rang 3 auf Medaillenkurs und damit in einer guten Position, um den USA nach 20 Jahren endlich wieder einmal eine Einzel-Medaille bei den Frauen zu bescheren. Druck setzte sie sich deshalb nicht auf. «Ich verspüre keine Nervosität, keinen Druck. Egal, was passiert, es ist eine gute Geschichte», sagte die 20-Jährige nach dem Kurzprogramm.
Diese lockere Einstellung war am Ende Gold wert. Während die Japanerinnen Kaori Sakamoto und Ami Nakai Fehler machten, gelang Liu eine beinahe perfekte und sehr ausdrucksstarke Kür. Die Amerikanerin holte für ihr Land nicht nur eine WM-Medaille, sondern den ersten Olympiasieg seit Sarah Hughes 2002 in Salt Lake City.
Was Alysa Liu aber viel wichtiger sein dürfte: Sie hat sich selbst und der Eiskunstlauf-Welt bewiesen, dass man auch in dieser Sportart sein eigenes Ding durchziehen kann. Und dass Spass und Erfolg sich nicht gegenseitig im Weg stehen.
