In der Carrick-Tabelle ist ManUnited 1. – und doch gibt es Zweifel am Interimstrainer
Als Michael Carrick Manchester United Mitte Januar übernommen hat, stand der Klub auf dem 7. Platz der Premier League. Aus 21 Spielen hatten die Red Devils unter Ruben Amorim 32 Punkte geholt. Nicht genug für ihre Ansprüche, weshalb der junge Portugiese nach etwas mehr als einem Jahr bereits wieder entlassen wurde.
Carrick verdoppelte die Punktzahl in seinen bisher 14 Partien in seiner zweiten Phase als Interimstrainer bei ManUnited nach Ende 2021. Zu zehn Siegen und zwei Unentschieden führte der 44-Jährige das Team, für das er 464 Spiele absolvierte und unter anderem fünf Meistertitel sowie die Champions League gewann. In der Carrick-Tabelle ist Manchester United Erster – und zwar mit vier Punkten Vorsprung auf den Stadtrivalen City (bei einem Spiel mehr) und gar fünf auf Leader Arsenal. Gleich in den ersten beiden Spielen nach seinem Amtsantritt bezwang ManUnited das Topduo.
Dank der Erfolgsserie ist der englische Rekordmeister auf Platz 3 geklettert und hat sich am Wochenende dank eines 3:2-Siegs gegen Liverpool die Teilnahme an der nächsten Champions-League-Saison gesichert. Diese wurde nach der Entlassung Amorims als Saisonziel ausgegeben. Dennoch ist die Zukunft Carricks unsicher. Manchester United wartet weiterhin darauf, dem früheren Sechser ein Angebot als neuer Cheftrainer zu machen.
Unter ihm brilliert der Jungstar wieder
Dabei ist der Leistungsausweis Carricks beeindruckend. Er hat der Defensive eine neue Stabilität gegeben, indem er die Viererkette wieder einführte. Amorim hatte fast bis zum Schluss stur an einer Dreierkette festgehalten, obwohl die Spieler sich damit schwer taten. Kobbie Mainoo hatte unter Amorim einen schweren Stand, doch Carrick gab dem 21-jährigen Mittelfeldspieler das Vertrauen zurück. Mainoo war in den letzten Wochen einer der besten Spieler von Manchester United.
Die Wiedererstarkung des jungen englischen Nationalspielers hatte einen weiteren positiven Effekt. So konnte Carrick Bruno Fernandes, der unter Amorim häufig auf den zwei Mittelfeldpositionen vor der Dreierkette agierte, wieder ins offensive Mittelfeld beordern. In 14 Spielen bereitete der 31-jährige Portugiese zwölf Tore vor und erzielte drei weitere selbst. Ohnehin ist bei vielen Spielern eine Steigerung gegenüber der Zeit unter Amorim zu beobachten.
«Er hat den Job erfüllt, für den er geholt wurde. Er hat die Chance verdient, weiterzumachen», sagte BBC-Experte Alan Shearer, schränkte aber ein: «Vielleicht mit einem Einjahresvertrag mit verschiedenen Klauseln, die greifen, wenn er gewisse Ziele erreicht.» United-Legende Gary Neville sieht Carrick in der Pole Position für den Job als Cheftrainer, zweifelte bei Sky aber daran, dass er der richtige Mann für die langfristige Zukunft sei. «Wenn ein Weltklassetrainer verfügbar ist, der Titel gewonnen hat, sollte Manchester United sich um diesen bemühen», so Neville.
Sogar die Fans zweifeln
Selbst die Fans, denen ihr Herzensverein in den letzten Monaten endlich wieder Freude bereitete, sind sich unschlüssig. In einer Umfrage vom Fan-Magazin «United We Stand» antworteten gemäss The Athletic nur 27 Prozent, dass sie den Job in jedem Fall Carrick geben würden. 70 Prozent hingegen nur dann, «wenn die idealen Kandidaten nicht zur Verfügung stehen».
Doch woher kommen die Zweifel? Ein Grund dafür ist die Vergangenheit von Manchester United. Die Angst vor einem weiteren Fall Ole Gunnar Solskjaer ist nicht unerheblich – ob gerechtfertigt oder nicht. Der Norweger wurde nach einem hervorragenden Start als Interimstrainer zum Headcoach befördert, gut zweieinhalb Jahre später aber wieder entlassen. Solskjaer führte die Red Devils in seinen beiden kompletten Saisons zwar zu den Plätzen 3 und 2, doch trübt das schlechte Ende die Erinnerung. Auch bei anderen Klubs gibt es eine Menge Beispiele, wo sich die Ergebnisse unter Interimstrainern nach der Beförderung deutlich verschlechtern.
Eine grosse Rolle spielt auch der Wunsch von Minderheitsaktionär und Entscheidungsträger Sir Jim Ratcliffe. Er will Manchester United wieder «dorthin bringen, wo der Klub hingehört». Möchte Ratcliffe deshalb einen grossen Namen an der Seitenlinie sehen? Michael Carrick wäre dies bisher nicht. Sein bisheriger Leistungsausweis als Cheftrainer mit knapp drei Jahren bei Middlesbrough in der zweithöchsten englischen Liga, wo er nur einmal die Aufstiegs-Playoffs erreichte, schreit ebenfalls (noch) nicht gerade, dass er ein Toptrainer ist.
Carrick zeigt sich unbeeindruckt
Doch dann sind da eben die letzten Monate. Und die Tatsache, dass er im Team grossen Rückhalt geniesst. «Er hat unser vollstes Vertrauen», sagte Stürmer Matheus Cunha und lobte: «Es ist unglaublich, wie er uns die Sachen beibringt. Er hat diese besondere Ausstrahlung wie damals Sir Alex Ferguson.» Auch Captain Bruno Fernandes und Harry Maguire sollen sich gemäss Guardian wünschen, dass Carrick bleibe. Und so langsam scheint er auch die Führungsetage zu überzeugen. Zuletzt mehrten sich die Gerüchte, dass der Klub bald Verhandlungen aufnehmen wolle.
Und was macht der Trainer in all diesem Trubel? Arbeitet einfach in Ruhe weiter, wie er es von Beginn an getan hat, und hat damit Erfolg. Wie kalt Carrick die Diskussionen um seine Person lassen, ist beeindruckend. Dennoch lässt er durchblicken, dass er sich auf dem Trainerstuhl ganz wohl fühle: «Ich liebe, was ich tue. Es ist eine fantastische Position, in der ich mich befinde.»
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