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Phantom-Abfahrt von Zermatt – die kurioseste Absage der Skigeschichte

Prachtswetter in Zermatt – gefahren wird trotzdem nicht.
Prachtswetter in Zermatt – gefahren wird trotzdem nicht.Bild: Klaus Zaugg

Phantom-Abfahrt von Zermatt - die kurioseste Absage der Skigeschichte

Die Mondlandung ist wieder verschoben worden. Aber warum? Es ist, als habe der Zorn des Berges den Verstand der Menschen vernebelt. Die Ski-Generäle sind in eine Falle geraten. Ein Augenschein vor Ort bei herrlichstem Ski-Wetter.
11.11.2023, 18:3212.11.2023, 12:42
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Ein Rennen so hoch oben mit einem Zielraum, der höher liegt als der Start der Lauberhorn-Abfahrt, ist eine kühne Herausforderung der Natur, der Dämonen der Berge. Es ist, vom logistischen Aufwand her, die Mondlandung des Skisportes.

Und nun beschert uns Zermatt einen der kuriosesten, wenn nicht gar den kuriosesten Tag der Skigeschichte: Das Wetter ist wunderbar. Aber wegen des Wetters ist die Abfahrt abgesagt und auf den Sonntag verschoben worden.

Es wird Ski gefahren in Zermatt.
Es wird Ski gefahren in Zermatt.Bild: Klaus Zaugg

Wenn der Chronist nichts zu tun hat, so bleibt ihm Zeit, Tourist zu sein. Also reist er im Bunde mit anderen Gästen hinauf aufs kleine Matterhorn und dorthin, wo das Rennen stattfinden sollte. Strahlend ist die Sonne über dem Dorf aufgegangen. Sie hat etwas Zeit gebraucht, um hinter den hohen Bergen hervorzukommen. Es ist 10.00 Uhr und längst ist das Rennen abgesagt.

Ein paar Wolkenfetzen verhüllen noch die Spitzen des Matterhorns. So als ob die Dämonen des Berges der Berge ein wenig die Stirn runzeln und es kaum fassen können, dass das Rennen wieder nicht stattfindet. Ach, die Fahrt hinauf mit den Gondelbahnen in die hochalpine Welt, mit dem Blick aufs Matterhorn und auf die umliegenden Gipfel, ist unbeschreiblich schön. Nicht einmal der Mount Everest ist eindrücklicher (der Chronist hat den höchsten Berg der Welt gesehen). Die Fahrt ermöglicht einen Blick auf die andere Seite des Matterhorns. Von hinten sieht der Berg aller Berge ganz gewöhnlich aus. Von Zermatt aus gesehen ist es das Matterhorn. Von der italienischen Seite her das «Doesn't Matter Horn».

Oben auf dem Kleinen Matterhorn (Glacier Paradise), der höchsten Bergstation Europas, geht der Blick hinüber zum Startgelände. Wären wir jetzt im Schulskilager, dann würden wir später sagen: Heute ist der schönste Tag überhaupt. Schöneres Wetter wäre nicht möglich. Der Wind? Kein Problem. Ja, natürlich, es zieht. Aber mehr nicht. Es ist ja normal, dass es im November auf fast 4000 Metern oben ein wenig zieht. Skifahren ist offenbar kein Problem. Jedenfalls fahren Touristen Ski. Sogar das Knattern eines Helikopters ist zu hören.

Nun, die Skigeneräle haben ihre Gründe für die Absage. Zu viel Schnee habe es über Nacht gegeben. Wobei der Laie sich immer wieder fragt: Wieso kann bei zu viel Schnee eigentlich nicht gefahren werden? Sind denn die Verhältnisse nicht für alle gleich? Aber wir wollen nicht grübeln.

Der Wind kann auch kein Problem sein. Oder doch? Auf der italienischen Seite – wohin der Blick jetzt schweift, sind die Bahnen geschlossen, angeblich wegen starkem Wind. Der Chronist ist kein Meteorologe und hat keine Erklärung. Vielleicht macht der Wind halt an der Landesgrenze. Nein, das ist Unsinn. Es ist eben die Unberechenbarkeit des Wetters in dieser Höhe. Und es geht letztlich um die Sicherheit. Wenn die Helikopter nicht fliegen können – was beispielsweise dann, wenn ein Fahrer verunglückt? Gegen Sicherheitsbedenken gibt es keine Argumente.

Und auch das Matterhorn zeigt sich von seiner besten Seite.
Und auch das Matterhorn zeigt sich von seiner besten Seite.Bild: Klaus Zaugg

Der wirtschaftliche Schaden hält sich in Grenzen. Die umsichtigen Organisatoren haben entsprechende Ausfallversicherungen abgeschlossen. Verletzt ist der Stolz der Männer um OK-Präsident Franz Julen. Die Premiere vor einem Jahr musste wegen zu wenig Schnee ausfallen. Jetzt hat es zu viel davon. Wieder sind die Dämonen der Berge, die auch über das Wetter gebieten, stärker.

Die Chancen, dass das Rennen am Sonntag nachgeholt werden kann, sind gering. Mit grösser Wahrscheinlichkeit bleibt diese Abfahrt der Männer eine «Phantom-Abfahrt». Und wenn die Frauen in einer Woche hier ihr beiden Rennen durchführen können, werden Romantiker sagen: Es sind die Frauen, die die Dämonen des Berges der Berge gezähmt haben.

Eigentlich ist die Erklärung für die kuriose Absage ganz einfach. Wie beim Turmbau zu Babel wollen die Ski-Generäle immer höher hinaus. Ein immer grösseres Spektakel bieten. In einer Sportwelt voller Erregungen wird nur wahrgenommen, wer noch mehr wagt und noch höhere Risiken eingeht.

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Viele Medienschaffende zog es an diesem Wochenende nach Zermatt.Bild: keystone

Aber noch nie in der Weltgeschichte hat es so viele Advokaten gegeben wie im 21. Jahrhundert. Je höher die Medienbeachtung, desto grösser die Lust zu klagen. Deshalb schrecken die wagemutigsten Pistenbauer und Rennveranstalter beim kleinsten Risiko zurück. Deshalb erleben wir in Zermatt die kurioseste, eigentlich absurdeste Absage eines Ski-Weltcuprennens. Die Ski-Veranstalter sind in eine Falle geraten – einerseits wollen sie immer mehr Spektakel, andererseits steigt parallel dazu das Risiko für alle und eben auch das Klage-Risiko.

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23 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Lightwood
11.11.2023 22:24registriert März 2020
Ähm, also das mit dem zu viel Neuschnee: der Schnee muss für Profirennen verdichtet und geglättet werden, weil sonst eben nicht für alle dieselben Bedingungen gelten. Nach Fahrer 10 hast du dann tiefe Kerben. Dann wird es sogar gefährlich, nicht nur unfair. Ein Hobby Schlittschuhläufer braucht auch nicht ein perfekt präpariertes Eis wie ein Eiskunstläufer.

Schon fast unseriös so eine Berichterstattung.
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Bruce Willić
11.11.2023 21:52registriert Juni 2021
Gibt’s eigentlich eine Autokorrektur die „ich“ mit „der Chronist“ ersetzt? 😉
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Steibocktschingg
11.11.2023 19:00registriert Januar 2018
Das Wetter auf 3500m und erst recht auf über 4000m ist immer unberechenbarer als weiter unten und es hat auch fast immer mehr Wind als unten im Tal. Gibt ja kaum höhere Berge, die als Windschutz fungieren können... Zudem ist das Kleine Matterhorn, auch aus dem Grund, dass der nächste höhere Berg in Richtung Westen fast schon der Mont Blanc ist, dem Wind und Wetter nochmal stärker ausgesetzt. Dass es da oben heute ungemütlich war habe ich am Mittelallalin selbst erlebt, war heute dort skifahren. Und dieser Ort ist besser geschützt...

PS: Die Bergkulisse um Zermatt ist wirklich grossartig
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