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Skispringer Deschwanden vor Olympia in der Krise – das sind die Gründe

Gregor Deschwanden of Switzerland during the men's FIS Ski Jumping World Cup competition at the Gross-Titlis Schanze on Saturday December 20, 2025 in Engelberg, Switzerland. (KEYSTONE/Urs Flueele ...
Bei Gregor Deschwanden läuft es in dieser Saison noch nicht nach Wunsch.Bild: keystone

Vor Olympia stimmt bei Schweizer Skisprung-Hoffnung «das innere Gefühl nicht»

Der Blick ist wach, die Resultate sind es nicht. Gregor Deschwanden reist mit einer klaren Analyse seines Zwischentiefs, aber auch als Suchender nach dem perfekten Körpergefühl an die Vierschanzentournee.
28.12.2025, 11:2628.12.2025, 12:12
hans leuenberger, engelberg / keystone-sda

Vor einem Jahr flog Gregor Deschwanden dem Jahreswechsel entgegen wie ein Springer im Aufwind. In den zehn Wettkämpfen vor Oberstdorf war ein 11. Rang das schlechteste Resultat, dreimal winkte er vom Podest und reiste als Co-Favorit ins Allgäu. Die Gross-Titlis-Schanze wurde zur Bestätigung, die Vierschanzentournee, so hoffte manch einer, könnte zur Bühne eines historischen Moments werden. Noch nie hat ein Schweizer die Gesamtwertung dieses Klassikers über die Neujahrstage gewonnen.

01.01.2025, Bayern, Garmisch-Partenkirchen: Ski nordisch/Skispringen: Vierschanzentournee, Weltcup, Gro�schanze, Herren, 1. Durchgang, Gregor Deschwanden aus der Schweiz reagiert nach seinem Sprung. F ...
Beim letzten Mal beendete er die Vierschanzentournee als Fünfter.Bild: keystone

Vor der 74. Auflage ist die Perspektive eine andere. Engelberg, sonst ein Ort der Zuversicht, wurde am vergangenen Wochenende zum Spiegel der aktuellen Probleme. Zweimal verpasste Deschwanden den Finaldurchgang. Am Samstag fehlten Nuancen, am Sonntag kam der Sprung nie richtig ins Gleiten. Statt Aufbruch herrschte Ernüchterung. Wo vor einem Jahr die Schanze trug, wirkte sie nun sperrig.

Dabei ist der Unterschied nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Die Weiten sind nicht dramatisch kürzer, die Grundlagen nicht verschwunden. Doch der Wettkampf kennt keinen Konjunktiv. «Letztes Jahr kurz vor der Saison hatte ich mein Päckchen plötzlich doch noch zusammengehabt. Dann konnte ich jeden Sprung wie aus einem Guss abrufen», blickt Deschwanden zurück. «Dieses Jahr ist es gerade umgekehrt. Ich hatte das Gefühl, das Päckchen besser zusammenzuhaben, brachte es aber nicht in den Wettkampf.»

Kaltschnäuzigkeit fehlt

Diese Diskrepanz wurde nicht erst in Engelberg sichtbar. Zweimal ein 10. Rang in der Anfangsphase der Saison bildete nicht wie erhofft die Grundlage, um wieder auf den Podestplätzen zu landen. Im Gegenteil: Es waren die Ausreisser nach oben. «Die Kaltschnäuzigkeit vom letzten Jahr, als ich die guten Sachen jeweils im richtigen Moment abgerufen habe, fehlt», sagt der 34-Jährige.

Besonders der Anlauf ist zur Baustelle geworden.«Ich habe das Gefühl, die Anlaufposition sei perfekt. Aber im Video sehe ich, dass sie es eben doch nicht ist. Sie ist zu passiv», erklärt der Luzerner. Das innere Empfinden und die objektive Analyse klaffen auseinander. Dies zwingt dem Routinier eine gefährliche Kombination auf. «Ich muss mich im Anlauf in eine Position setzen, die für mich nicht ganz stimmt. Das innere Gefühl ist falsch. Und unter Wettkampfdruck ist es schwer, dieses Gefühl zu verlassen.» In Engelberg zeigte sich genau das: Was in der Theorie funktioniert, zerbricht im Moment der Wahrheit.

Gregor Deschwanden of Switzerland speeds down the inrun slope during the men's FIS Ski Jumping World Cup competition at the Gross-Titlis Schanze on Saturday, December 20, 2025 in Engelberg, Switz ...
Das Gefühl beim Anlauf trügt Gregor Deschwanden derzeit.Bild: keystone

Erschwerend kommt das neue Materialreglement hinzu. Die Anzüge sind enger, die Tragfläche kleiner. Die neuen Anzüge würden weniger Fehler verzeihen und so eine grössere Schere öffnen, betont Deschwanden. Wer den perfekten Sprung trifft, der wird belohnt, wer minimal danebenliegt, verliert unverhältnismässig viel. Eine heikle Gratwanderung. «Ich bin momentan auf der falschen Seite der Klinge», fasst Deschwanden zusammen.

Das Wissen wäre da

Dabei fehlt es nicht an Wissen. «Ich kenne das Problem, aber die Umsetzung kommt zu wenig rüber.» Der Satz wirkt nüchtern, fast lapidar, beschreibt aber den Kern der Situation. Skispringen ist eine Sportart, die in besonderem Mass vom Gefühl lebt. Deschwanden ist kein Suchender ohne Kompass, sondern ein Könner, der den richtigen Pfad kennt, ihn aber derzeit nicht sauber trifft.

Zwischen Absprung und Landung liegen nur wenige Sekunden, doch in dieser kurzen Zeit entscheidet eine fein abgestimmte Mischung aus Körperwahrnehmung, Technik und mentaler Ruhe über Erfolg oder Misserfolg. Selbst die Top-Springer machen immer wieder Hochs und Tiefs durch. Und oft braucht es nur wenig, und das Erfolgspuzzle fügt sich wieder zusammen, das Selbstvertrauen ist wieder da. Aber das Selbstvertrauen entsteht primär im Wettkampf. Genau dort, wo es zuletzt hakte.

Deshalb reist Deschwanden zur Vierschanzentournee, die einen Monat vor den Olympischen Spielen endet, nicht mehr als Mitfavorit, sondern als Routinier mit offenem Visier. Vor einem Jahr trug ihn der Flow, jetzt fordert ihn die Realität. Vielleicht liegt darin auch eine Chance. Denn manchmal reicht ein einziger Sprung, um die Seite der Klinge zu wechseln, um aus dem richtigen Körpergefühl wieder Tragfläche zu machen.

Das Programm der Tournee
28./29. Dezember: Qualifikation und Wettkampf in Oberstdorf
31. Dezember/1. Januar: ​Qualifikation und Wettkampf in Garmisch-Partenkirchen
3./4. Januar: Qualifikation und Wettkampf in Innsbruck
5./6. Januar: Qualifikation und Wettkampf in Bischofshofen​
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