Athletic Bilbao gegen den FC Barcelona, es ist in den 1980er-Jahren etwa das, was heute Real Madrid gegen Barça ist. Bilbao wird 1983 Meister, Barcelona holt sich den Cup. In der 4. Runde der neuen Saison treffen die beiden Teams zum Knüller aufeinander.
Die spielstarken Katalanen gegen die knallharten Basken, es treffen zwei Fussballwelten aufeinander. Das Camp Nou kocht mit damals noch gut 120'000 Fans fast über. Zwei Jahre zuvor hatte Bilbaos Abräumer Andoni Goikoetxea Barcelonas Künstler Bernd Schuster das Knie zertrümmert. Der 21-Jährige fiel gut ein Jahr aus. Die Szene ist noch nicht vergessen. Beide stehen heute wieder auf dem Feld.
Spätestens als Schuster seinerseits Goikoetxea brutal foult, erinnern sich alle wieder an die Vorkommnisse. «Schuster!»-Rufe hallen durch die Arena. Auf dem Platz beginnt Goikoetxea zu schäumen: «Ich bringe den Schuster um», soll der Verteidiger geschrien haben. Diego Maradona steht dabei und stichelt: «Nur ruhig, Baske, beruhige dich, ihr verliert doch schon ... Was willst du dir jetzt für einen Furz eine Gelbe holen.»
Die Partie verläuft einseitig. Barcelona führt bis zur Pause 2:0 und wird am Ende 4:0 siegen. Doch dazwischen liegt die 58. Minute – und die brennt sich in ganz Spanien und in der Welt ins Fussballgedächtnis.
Maradona schnappt sich im Mittelfeld den Ball. Doch kaum spitzelt der damals 25-Jährige das Leder weg, kommt «Goiko» angeflogen und säbelt den «Gaucho» mit gestrecktem Bein von hinten um. «Ich spürte den Schlag, ich hörte das Geräusch wie das eines Holzes, das bricht», schrieb Maradona später in seiner Biographie. Mitspieler Migueli will ihm aufhelfen, doch der «Goldjunge» sagt nur noch: «Nein, Migueli, nein. Er hat mir alles kaputtgetreten.» Maradona wird auf der Bahre vom Platz getragen.
Die «Süddeutsche» wird die Aktion später als «die berühmteste und brutalste Blutgrätsche aller Zeiten» betiteln, Goikoetxea erhält den Übernamen «Schlächter von Bilbao». Dabei gibt ausgerechnet er den filigranen Franz Beckenbauer als Vorbild an. Allerdings nicht den leichtfüssigen Spielmacher mit Übersicht, sondern der Beckenbauer, der 1970 im WM-Halbfinal gegen Italien das Jahrhundertspiel mit einbandagiertem Arm beendet hatte.
Goikoetxea kommt mit einer Gelben Karte davon. Mitspieler Manu Sarabia erklärt gelassen: «Andoni war halt so. Der hat auch im Training zugelangt. Ohne böse Hintergedanken. Was meinst du, was ich für Tritte bekommen habe? Und wir waren, sind Freunde!» 2007 kürt ihn die «Times» auf einer Liste der 50 härtesten Spieler aller Zeiten auf Platz 1, 2013 sieht ihn auch das Magazin «11 Freunde» auf seiner entsprechenden Rangliste zuoberst.
Als der Spieler selbst Jahre später auf die Szene angesprochen und gefragt wird, ob er Rot hätte sehen müssen, meint er vielsagend: «Vielleicht.» Maradonas damaliger Mitspieler Victor Munoz, später kurz Trainer von Xamax, erinnert sich so an die Szene: «Goiko wollte das Terrain markieren. Böse Absicht war vielleicht nicht dahinter, aber er musste das Risiko einer Verletzung in Kauf nehmen.»
Im Stadion läuft nach der Partie die Pressekonferenz mit den Trainern. Barças Cesar Luis Menotti fragt: «Muss denn erst jemand sterben, ehe jemand etwas tut?» Für ihn ist klar: «Goikoetxea gehört der Rasse der Antifussballer an.» Sein Antipode Javier Clemente giesst hingegen noch etwas Öl nach: «Lasst uns mal abwarten, ob Diego in ein paar Tagen nicht doch wieder aufsteht.»
Maradona steht nicht wieder auf. Zumindest nicht so schnell wie von Clemente kokettiert. Im Spital wird diagnostiziert, was Fouls im Fussball ansonsten selten anrichten: Das Ende des Wadenbeins ist zertrümmert, das Aussenband gerissen und das Fussgelenk ausgekugelt. 108 Tage wird Maradona ausfallen.
Goikoetxea seinerseits muss am Tag nach dem Foul vor der Disziplinarkommission aussagen. Er soll dabei geweint haben und wird schliesslich am Mittwoch, 28. September, mit 18 Spielsperren belegt. Am gleichen Tag tritt sein Team im Europacup gegen Lech Poznan an. Bilbao siegt im heimischen San Mames – der grosse Star ist Goikoetxea, dessen Sperre für den internationalen Wettbewerb nicht gilt, mit einem Tor und der Partie seines Lebens. Nach dem Spiel wird er von den Teamkameraden auf den Schultern getragen und vom Publikum gefeiert.
Der insgesamt 39-fache Nationalspieler Spaniens trägt dabei zum letzten Mal die gleichen Schuhe, mit welchen er vier Tage zuvor Maradona ausser Gefecht setzte. Danach bewahrt er sie auf. Nicht als «Schuhe, die Maradona stoppten», sondern – wie er beteuert – , weil die Treter für ihn den Fussball symbolisieren. Mit dem Tief wie dem Foul und dem Hoch wie der Feier gegen Lech Poznan.
Die Beziehung zwischen Bilbao und Barcelona wird für die nächsten Jahre angespannt bleiben. Im Januar 1984 treffen die beiden Teams in der Rückrunde aufeinander. Maradona ist wieder in Form und trifft beim 2:1-Sieg doppelt. Die Partie wird mit über 50 Fouls zwar hart geführt. Verletzte gibt es aber keine.
Am 5. Mai treffen die beiden Teams im Cupfinal ein drittes Mal aufeinander. Im Bernabeu holt sich Bilbao mit einem 1:0-Erfolg die Copa del Rey. Maradona – wohl während der Partie provoziert und mit einem blutenden Knie, das er Goikoetxea verdankt – rastet nach dem Schlusspfiff aus und löst eine Massenschlägerei aus. Es ist sein letztes Spiel für Barcelona, dann wechselt der «Göttliche» zum SSC Napoli und entwickelt sich dort endgültig zum Superstar.
Goikoetxea und Maradona treffen nie mehr aufeinander. An der WM 1986 in Mexiko verhindern die Belgier mit dem Penalty-Sieg im Viertelfinal gegen Spanien ein weiteres Rencontre.
Goikoetxea hängt seine Schuhe 1990 an den Nagel. Seither versucht er sich mehr oder weniger erfolgreich als Trainer. Nach neun Engagements bei spanischen Kleinklubs betreute er zuletzt bis im Dezember 2014 die Nationalmannschaft von Äquatorialguinea.