Interne Konkurrenz für Pogacar? Scheichs ködern Wunderkind Seixas mit Öl-Millionen
26 Kilometer vor dem Ziel genügte ein kurzer Schulterblick – dann setzte sich Paul Seixas mühelos ab. Am steilen San Miguel de Aralar distanzierte er die Konkurrenz scheinbar spielend und stellte mit 24:57 Minuten für die 9,35 Kilometer lange, im Schnitt 8 Prozent steile Rampe eine neue Bestzeit auf. Die 750 Höhenmeter bewältigte er fast zwei Minuten schneller.
Auch in der Abfahrt baute Seixas seine Führung weiter aus. Wenig später erreichte er das Ziel 1:25 Minuten vor seinen Verfolgern und feierte seinen zweiten Etappensieg. Am Ostermontag hatte er schon die erste Etappe der sechstägigen Baskenland-Rundfahrt in beeindruckender Manier für sich entschieden, ein 13,8 Kilometer langer Prolog mit Start und Ziel in Bilbao. Nach vier von sechs Etappen führt Seixas in der Gesamtwertung 2:19 Minuten vor dem slowenischen Routinier Primoz Roglic.
Seixas ist ein Alleskönner
Zwar war es für den Franzosen der erste Erfolg in einem Zeitfahren bei den Profis, überraschend kam dieser aber nicht. Vor anderthalb Jahren war er in Zürich in dieser Disziplin bereits Junioren-Weltmeister geworden. Ob alleine im Zeitfahren, in hügeligem Gelände, steilen Bergetappen oder in Abfahrten: Paul Seixas ist bereits ein Alleskönner ohne Schwachstellen.
Seixas steht erst in seinem zweiten Profijahr und hat noch keine grosse, dreiwöchige Landesrundfahrt bestritten. Doch er liefert Leistungen ab, die Frankreich träumen lassen. Seit der Vuelta a Espana 1995 (Laurent Jalabert) wartet die Radsportnation auf einen Gesamtsieg bei einer Grand Tour. Noch weiter zurück liegt der letzte Erfolg bei der Tour de France, als Bernard Hinault 1985 Paris zum fünften Mal im Maillot jaune erreichte.
Frankreich wartet seit 1985 auf Tour-de-France-Sieg
Seither gab es zwar immer wieder Podestplätze – zuletzt 2016, als Romain Bardet mit über vier Minuten hinter Chris Froome Zweiter wurde, aber noch mehr Tragödien. Wie 2019, als Julian Alaphilippe während 14 Tagen in Gelb fuhr, dieses erst am drittletzten Tag abgeben musste und letztlich Fünfter wurde. Gleichentags musste auch der im fünften Rang klassierte Thibaut Pinot seine Hoffnungen begraben und das Rennen unter Tränen aufgeben, weil er einen Muskelfaserriss im Oberschenkel erlitten hatte.
Drei Monate vor dem Start der Tour de France in Barcelona (4. bis 26. Juli) beflügelt nun Paul Seixas die Fantasie der Franzosen. Viele sehen in ihm den grössten Herausforderer des viermaligen Siegers Tadej Pogacar. Dabei ist noch nicht einmal klar, ob er dort überhaupt am Start stehen wird.
Seixas: «Bin ich bereit für die Tour?»
«Natürlich ist die Tour mein grosser Traum. Die Situation ist aber etwas komplizierter, denn auf diesem Rennen liegt der grösste mediale Druck» Er stelle sich die Frage: «Habe ich wirklich Lust, die Tour schon nächstes Jahr zu fahren, bin ich wirklich bereit dafür?», sagte Seixas im Herbst.
Wobei daran inzwischen kaum Zweifel bestehen: Bei der Lombardei-Rundfahrt avancierte er als Siebter zum jüngsten Fahrer seit 100 Jahren, der ein Monument des Radsports in den ersten Zehn beendete. Bei den Europameisterschaften gewann er im Strassenrennen Bronze hinter Tadej Pogacar und Remco Evenepoel. Zuletzt war er bei seiner ersten Teilnahme bei Strade Bianche der einzige Fahrer, der dem vierfachen Sieger Pogacar einigermassen Paroli bieten konnte und fuhr auf den zweiten Rang.
Team Decathlon spielt noch auf Zeit
Kein Wunder, orientiert sich Seixas schon jetzt an Pogacar, ohne dabei in Ehrfurcht zu erstarren. «Das Ziel ist es nicht, Tadej erst zu schlagen, wenn es bei ihm langsam bergab geht, sondern solange er auf einem Topniveau ist», sagte der 19-Jährige gegenüber «Eurosport».
Dazu kommt: Sein Team Decathlon könnte kaum rechtfertigen, Seixas im wichtigsten Rennen des Jahres nicht zu nominieren. Für eine französische Equipe mit französischem Hauptsponsor ist die Tour de France der heilige Gral. Nirgendwo ist die Aufmerksamkeit grösser, nirgends Siege wichtiger.
Pogacars Teamchef schwärmt
Decathlon gehört zwar zu den zahlungskräftigeren Teams, kann aber nicht mit dem Team Emirates UAE um Pogacar und den Schweizer Teamchef Mauro Gianetti mithalten, das die besten Löhne zahlt. Finanziert werden diese mit staatlichen Geldern aus Abu Dhabi, aus dem Öl- und Gassektor.
Tadej Pogacar wird im Herbst 28 Jahre alt. Sein Vertrag läuft noch bis 2030, doch er hat in der Vergangenheit immer wieder angetönt, dass er sich vorstellen kann, 2028 nach den Olympischen Spielen in Los Angels aufzuhören.
Logisch, dass man sich beim Team Emirates UAE mit Nachfolgern befasst. Und logisch, dass man sich auch mit Paul Seixas befasst, dessen Vertrag Ende 2027 ausläuft. «Er ist das neue Phänomen im Radsport. Einer wie Tadej oder van der Poel», sagte Gianetti. Jeder träume davon, Seixas im Team zu haben. Und schob nach: «Für uns ist es mehr als ein Traum.»
Nächstes Duell Ende April
Darauf von der französischen Sportzeitung «L'Equipe» angesprochen, sagt Seixas: «Ich habe gerade andere Dinge im Kopf. Für mich ist das Gerede.» Dennoch sollen die Gespräche über eine Verlängerung des Vertrages mit Decathlon derzeit auf Wunsch Seixas' bis Ende April auf Eis gelegt worden sein, wie die belgische Zeitung «Het Laatste Nieuws» berichtet.
Davor kommt es am 26. April bei Lüttich-Bastogne-Lüttich zum nächsten Duell der beiden besten Fahrer des Jahres. Und vielleicht auch zu einem weiteren Fingerzeig: Tadej Pogacar ist der letzte Fahrer, der die Tour de France bei seiner ersten Teilnahme gleich gewann – 2020, nach Rang drei an der Vuelta im Jahr davor. Paul Seixas könnte der Nächste sein. Mit dem Unterschied, dass es für ihn sogar die erste Grand Tour wäre.

