Beim Nati-Debüt verletzte er sich schwer – doch Alvyn Sanches war schnell wieder der Alte
Alvyn Sanches nimmt Platz und lächelt etwas verlegen in die Medienrunde. Hier im Gemeindesaal von Horben wird einmal mehr deutlich, dass Interviews nicht sein Ding sind. Er macht sie, weil sie eben zum Leben eines Fussballprofis dazugehören. Auf die Fragen antwortet der 23-Jährige mit leiser Stimme und hält sich kurz. Dazwischen wandern seine Augen vom Ball, der vor ihm auf dem Tisch liegt, zum Fenster. Und es scheint klar: Viel lieber würde er draussen kicken, als drinnen zu sitzen.
So wie früher, als er in Lausanne oft mit anderen Kindern auf der Strasse Fussball gespielt hat. Wie er schon damals zauberte und mit seinen Tricks selbst bei den älteren Jugendlichen für Erstaunen sorgte, hatte sein Jugendfreund Isaac Schmidt bereits vor einem Jahr erzählt.
Und auch heute geraten Mitspieler ins Schwärmen, wenn sie über Sanches reden: «Er schafft es, sich aus scheinbar aussichtslosen Situationen zu befreien», sagte Loris Benito, der Captain von YB, kürzlich in einem Klubvideo. «Mit seiner starken Ballbehandlung findet er immer eine Lücke oder macht noch einmal eine Finte.» Trainer Gerardo Seoane bezeichnete Sanches derweil als «Juwel». Und dieses soll – mit etwas Verzögerung – nun auch im Nationalteam glänzen.
Video-Nachricht der Teamkollegen
Dass es zu dieser Verzögerung kam, liegt an dem unglücklichen Debüt, das Sanches im Nationaldress hatte. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, als er sich im Windsor Park, benannt nach dem entsprechenden Stadtteil von Belfast, eine schwere Verletzung zuzog. Gegen Nordirland wird er in der 68. Minute eingewechselt und schafft es, das bis dahin triste Testspiel ein wenig zu beleben. So kämpft er auch in der Nachspielzeit an der Seitenlinie um den Ball, knickt dabei aber unglücklich um.
Die von aussen betrachtet fast unscheinbare Aktion hat schwerwiegende Folgen: Sanches erleidet einen Kreuzbandriss – und das ausgerechnet in der besten Phase seiner Karriere. Denn davor hatte er bei Lausanne-Sport brilliert und die Aufmerksamkeit verschiedener europäischer Topklubs auf sich gezogen. Es schien klar, dass er im Sommer den Sprung ins Ausland wagen würde. Die Verletzung macht ihm aber einen Strich durch die Rechnung.
Als diese bekannt wird, wenden sich seine Kollegen im Nationalteam per Video an Sanches. Geeint stehen sie da, während in der Mitte das Trikot mit Sanches' Namen hochgehalten wird. Sie sagen: «Wir stehen hinter dir», «Du wirst stärker zurückkommen» und «Wir warten auf dich». Eine Reaktion, die auch zeigt, wie schnell der junge Spieler Eindruck hinterlassen hat.
Schnelle und starke Rückkehr
Das Comeback nimmt jedoch Zeit in Anspruch. «Zuerst war es schwierig für mich. Dann war es vor allem auch eine mentale Sache, denke ich», sagt Sanches auf die Reha angesprochen. Vor allem der Wunsch, noch stärker auf den Platz zurückzukehren, habe ihn angetrieben. Nach seinem Sommer-Wechsel zu YB wurde vom medizinischen Team festgestellt, dass er noch Kraftdefizite im rechten Bein hatte. Es waren viele und lange Einheiten im Fitnessraum nötig. Damit es ihm nicht «ablöscht», durfte der ballverliebte Sanches aber auch immer wieder auf den Rasen und dort Übungen absolvieren.
Insgesamt vergehen sieben Monate, bis Sanches mit einem Kurzeinsatz auf das Spielfeld zurückkehrt. Abgesehen von der Trikotfarbe hat sich bei ihm wenig geändert. Als er erstmals wieder in der Startaufstellung steht, erzielt Sanches den ersten Treffer für die Berner. Das war Ende November. Seither sind acht weitere Tore hinzugekommen, vier davon in den letzten drei Spielen. In einem Team, das in dieser Saison hinter den Erwartungen blieb, ist Sanches der grosse Lichtblick.
Damit befindet er sich in einer ähnlichen Situation wie im Vorjahr. Wieder ranken sich Gerüchte um seine Zukunft, und es wird gemutmasst, wohin es Sanches bei einem allfälligen Transfer ziehen könnte. An diesen Spekulationen beteiligt sich der Spieler jedoch nicht: «Ich habe einen Vertrag in Bern und bin Spieler von YB», sagt er – erneut kurz und knapp. Und jetzt gehe es ihm sowieso nur um seine Aufgaben im Nationalteam.
Yakin sieht Sanches auf der Seite
Worte, die Murat Yakin freuen dürften. «Wir sind alle sehr glücklich und auch etwas erstaunt, wie schnell Alvyn wieder seine Form gefunden hat», sagt der Nationaltrainer bei der Kaderbekanntgabe am vergangenen Donnerstag. Dabei hebt der 51-Jährige «die Spielfreude und den Offensivdrang» des Waadtländers hervor.
Anders als bei YB, wo er mit der Rückennummer 10 oft auf der entsprechenden Position hinter der Sturmspitze spielt, sieht Yakin Sanches derzeit eher auf Seite. Dort wäre er ein Konkurrent von Ruben Vargas und Dan Ndoye, die aufgrund von Verletzungen (Vargas) und dem Verlust des Stammplatzes (Ndoye) zuletzt keine einfache Zeit im Klub hatten.
Mit seinen Qualitäten kann Sanches im Nationalteam aber weit mehr als nur ein Ergänzungsspieler sein. Gleichzeitig musste er auch lernen, dass es im Fussball schnell auch in die andere Richtung gehen kann. Deshalb hält sich Sanches auf die Frage nach seinen Zielen für die anstehenden Testspiele gegen Deutschland und Norwegen zurück: «Ich will im Training immer 100 Prozent geben. Und wenn ich in einem der Spiele zum Einsatz komme, will ich mein Bestes zeigen. Wenn ich das schaffe, bin ich zufrieden.» Eine für ihn fast schon ausführliche Antwort. (nih/sda)
- Skifahren ohne Piste: Schweiz bekommt grösste Indoor-Trainingshalle
- Holdener holt Podest zum Abschluss der Slalom-Saison – Shiffrin baut Vorsprung aus
- Wettskandal erschüttert den tschechischen Fussball – dutzende Festnahmen
- Pinheiro Braathen siegt und sichert sich die «Riesen-Kugel» – Meillard auf dem Podest
