Das ist die wohl grösste Waffe der Europäer gegen Trump
Die Europäer rüsten sich im Kampf gegen Donald Trumps Annektionsgelüste in Bezug auf Grönland. Neben Macrons ins Spiel gebrachter «Handels-Bazooka», die für Aufsehen sorgte, steht seit einigen Tagen das Abstossen von US-Staatsanleihen als Druckmittel im Raum.
Worum geht es?
Am Sonntag machte eine Notiz eines Deutsche-Bank-Analysten die Runde. George Saravelos, globaler Leiter der Währungsforschung bei der Deutschen Bank, schrieb darin unter anderem:
Europäische Banken und Institute könnten diese Staatsanleihen nutzen, um die USA unter Druck zu setzen. Er fügte hinzu, dass die USA trotz «ihrer militärischen und wirtschaftlichen Stärke» eine entscheidende Schwäche hätten: «Sie sind darauf angewiesen, dass andere ihre Rechnungen über hohe Aussenhandelsdefizite bezahlen.»
Saravelos wies darauf hin, dass so etwas bereits geschehe. Tatsächlich hat der dänische Pensionsfonds AkademikerPension angekündigt, sämtliche US-Staatsanleihen in ihren Beständen – Papiere im Wert von rund 100 Millionen US-Dollar – verkaufen zu wollen. Der Schritt habe mit der Grönlandkrise nichts zu tun, obschon dieser Umstand die Entscheidung «nicht erschwerte». Der Grund liege woanders:
Warum ist das eine «Waffe»?
Laut Deutsche Bank besitzen europäische Länder US-Anleihen und -Aktien im Wert von rund acht Billionen US-Dollar. Das ist fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen.
Dass eine konzertierte Verkaufsaktion zweifelsohne ein grosses Druckmittel darstellt, war bereits im letzten Jahr zu sehen: Im Nachgang des sogenannten «Liberation Day», dem Tag, als Trump seine Handelszölle vorstellte, waren es mutmasslich die US-Staatsanleihen, die den US-Präsidenten zumindest teilweise zum Einlenken bewogen.
Das kommt nicht von ungefähr: Die USA haben eine Schuldenlast, die ihresgleichen sucht: rund 38,4 Billionen US-Dollar sind es zurzeit, das sind etwa 125 Prozent des gesamten US-BIPs, der grösste Teil davon wird in Form von Staatsanleihen am Markt gehandelt. Alleine die jährlichen Zinszahlungen belaufen sich bald auf eine Billion US-Dollar. 15 Prozent der gesamten US-Staatsausgaben pro Jahr werden alleine für dieses Stemmen der Schuldenlast verwendet. Verrückt: Noch im Jahr 2021 belief sich dieser Anteil auf gerade mal drei Prozent, wie Finanz und Wirtschaft schreibt.
Mit anderen Worten: Werden US-Treasurys im grossen Stil verkauft, also auf den Markt «geworfen», dürfte der Preis der gehandelten Papiere sinken – der Zins aber steigen. Schon kleine Zins-Veränderungen wiederum machen es für die USA schlagartig teurer, sich neu zu verschulden, aber auch die bestehende Schuldenlast in Form von Zinszahlungen zu begleichen.
Für Donald Trump wäre das ein handfestes Problem: Er hat versprochen, die Renditen zu senken.
Wer hält die meisten US-Staatsanleihen?
US-Treasury-Bonds sind nirgends mehr wegzudenken, sie gelten als äusserst stabile Anlage und befinden sich in den Büchern von Pensionsfonds, Banken, Versicherungen und Privaten. Zudem werden sie oft als Sicherheiten für Finanzgeschäfte hinterlegt.
In Japan werden noch immer die meisten US-Staatsanleihen gehalten, dahinter befinden sich Grossbritannien und China. Anlegerinnen und Investoren in der Schweiz besitzen insgesamt US-Treasury-Bonds im Wert von schätzungsweise 300 Milliarden US-Dollar.
Interessant: Zwar ist China noch immer drittgrösster «Financier» des US-Staates. Im Gegensatz zu den europäischen Ländern hat das Land sich aber bereits vor Jahren dazu entschieden, seine Bestände an US-Staatsanleihen kontinuierlich abzubauen: Befanden sich 2013 noch rund 1,3 Billionen US-Dollar in chinesischer Hand, sind es heute noch knapp die Hälfte.
Wie soll ein solcher Ausverkauf gehen?
Nun kann das ein einzelnes Land oder gar die EU nicht einfach so entscheiden: Sowohl der Europäischen Zentralbank als auch den Geschäftsbanken und sowieso den einzelnen Akteuren kann die Politik keine Verkaufsentscheidungen aufdrücken.
Aber die Politik kann unter Umständen lenken. Gemäss Spiegel wäre beispielsweise denkbar, «dass Aufseher europäische Banken dazu verdonnern, für US-Staatsanleihen höhere Risikogewichte zu verlangen, um die Bonds weniger attraktiv zu machen».
Doch möglicherweise entscheidender als eine konzertierte Aktion sind alleine die Gespräche über eine solche: Finanzmärkte sind bekanntlich sehr volatil, so preisen sie auch Entscheidungen aus der Politik und allgemeine Stimmungen sofort ein. Das bedeutet, dass reale Entwicklungen, wie beispielsweise eine Ankündigung von Politikern oder ein drohender Handelskrieg, sofort von den Märkten aufgegriffen werden. Das kann dazu führen, dass in Zeiten wie diesen die Unsicherheit in Bezug auf US-Staatsanleihen zunimmt, dass viele Akteure von alleine skeptischer werden und als Folge einmal mehr als weniger US-Treasury-Bonds verkaufen.
Ein Blick auf die Renditen von US-Staatsanleihen bestätigt das: Am Dienstag stieg die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen mit 4.30 US-Dollar auf ein 4-Monatshoch.
Immerhin: Die Rendite ist seither bereits wieder etwas gesunken. Dazu dürften mehrere öffentliche Beschwichtigungen beigetragen haben – nicht zuletzt wohl Donald Trumps Ansage am WEF in Davos, er würde gegen Grönland keine militärische Gewalt anwenden.
Was spricht dagegen?
Einerseits spricht dagegen, dass sich unmittelbar nach der Notiz des oben angesprochenen Deutsche-Bank-Analysten zahlreiche Finanzexperten meldeten und vor einer solchen Aktion warnten.
Auch US-Finanzminister Scott Bessent sah sich am Mittwoch am Rande des WEF gezwungen, auf die Gerüchte zu reagieren. Einem Bericht von Bloomberg zufolge habe er am Telefon mit dem CEO der Deutschen Bank persönlich über das Thema gesprochen, und dieser habe bereits dementiert:
«Diese Vorstellung, dass Europäer US-Vermögenswerte verkaufen würden, stammt von einem einzelnen Analysten der Deutschen Bank», so Bessent laut Bloomberg. «Der CEO der Deutschen Bank hat angerufen und klargestellt, dass die Deutsche Bank sich dieser Analystenmeinung nicht anschliesse.»
Andererseits, und das dürfte die grössere Hürde für ein solches Druckmittel darstellen, könnte ein solcher Schritt für die Europäer gegen hinten losgehen. Denn wer seinerseits so viele Anleihen in den eigenen Büchern hat, hat eigentlich überhaupt kein Interesse an deren Preiszerfall. Geschweige denn an einer grösseren Disruption der Finanzmärkte, welche zweifelsohne damit ausgelöst würde.
Es ist davon auszugehen, dass es bei einer Androhung bleibt. Allerdings: US-Staatsanleihen sowie der US-Dollar stehen aufgrund des stark ansteigenden US-Schuldenbergs und der politischen Tumulte derzeit ohnehin unter Druck. Gut möglich, dass angesichts der Bewegungen, welche die Renditen aufgrund der Diskussionen diese Woche zeigten, schon die Drohung alleine eine «Waffe» gegen Donald Trump darstellt.
