Jetzt weiss die Schweiz hoffentlich Bescheid über Trump
Es wäre zu schön gewesen: Donald Trump kommt als Stargast ans WEF, liest eine gemässigte Rede vom Teleprompter ab und äussert sich wohlwollend über das Gastgeberland Schweiz. So hatten sich das manche vorgestellt, in Bern, Davos und sonst wo. Versöhnlichkeit aber ist für diesen US-Präsidenten in seiner zweiten Amtszeit kein Thema.
Seine Rede im Kongresszentrum begann trotz des verspäteten Fluges fast pünktlich. Und anfangs hielt er sich einigermassen ans Skript, auch wenn die erste Lüge nicht lange auf sich warten liess. «Wir haben die Inflation besiegt», behauptete Trump. Laut einer aktuellen Umfrage finden rund drei Viertel aller Amerikaner, er tue in dieser Hinsicht zu wenig.
Mit zunehmender Dauer aber erlebten die Zuschauer im Saal und im Stream jenen Trump, den die Amerikaner seit einem Jahr zur Genüge erlebt haben. Seine Ansprache entwickelte sich zu einem Sermon aus Abschweifungen, Selbstlob und Unwahrheiten. Mehrfach zog er über Vorgänger Joe Biden her, auf den er einen unbändigen Hass zu empfinden scheint.
Lügen über Chinas Windstrom
Die «gefälschte» Wahl 2020 erwähnte er beiläufig, ansonsten aber zeichnete er das Bild eines Landes, das unter Biden die Hölle war und sich seit seiner Rückkehr in ein Paradies verwandelt hat. Scheinheilige Sympathiebekundungen gab es für Europa, aber eigentlich bewege sich der Kontinent in die falsche Richtung, nicht zuletzt in der Energiepolitik.
Besonders heftig attackierte Trump die Briten, während der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz geradezu glimpflich davonkam. Seiner Verachtung für «Windmühlen» liess er freien Lauf, bis zur dreisten Lüge, Chinas Windparks dienten einzig als Werbevehikel für den Export von Windanlagen. Dabei ist China der weltgrösste Windstrom-Produzent.
Verhandlungen statt Gewalt
Und natürlich äusserte er sich zum Thema der Stunde: seinem Appetit auf die Einverleibung Grönlands in die Vereinigten Staaten. Gewalt schloss er aus (vielleicht hat er die Umfragen gesehen, nach denen fast 90 Prozent der Amerikaner dies ablehnen). Vielmehr kündigte er «sofortige Verhandlungen» über den Kauf der weltgrössten Insel an.
Dabei machte der Präsident keinen Hehl daraus, wie wenig ihn die Befindlichkeiten der Grönländer und ihres Mutterlandes Dänemark interessieren. Vielmehr bedauerte er mehrfach, dass die USA die Insel nach dem Zweiten Weltkrieg den Dänen zurückgaben. Offenkundig geht es ihm nicht um eine stärkere Militärpräsenz, sondern um den Besitz.
Island oder Grönland?
Weshalb er am Ende doch eine verkappte Drohung äusserte: «Wenn ihr nein sagt, werden wir uns das merken.» Dann wieder sprach er von Island statt von Grönland. Hat er es etwa auch auf diese Insel abgesehen? Oder deutet dies auf einen geistigen Verfall hin? Vor Ferndiagnosen muss man sich hüten, und meistens sprach er durchaus nachvollziehbar.
Das galt – leider – auch, als er auf die Schweiz zu sprechen kam. Höflichkeiten gab es keine, vielmehr zog er unser Land so richtig durch den Kakao – oder eher durch den Dreck. «Sie zahlen den USA nichts», lamentierte er mit Verweis auf das Handelsdefizit von 41 Milliarden Franken. Und erneut verhöhnte er «Premierministerin» Karin Keller-Sutter.
Schweiz im Visier
Beim Telefonat am 31. Juli sei sie «dermassen aggressiv» gewesen, dass er keine Wahl gehabt habe, als den Zoll auf Schweizer Produkte von 30 auf 39 Prozent anzuheben. Danach sei in der Schweiz «die Hölle los» gewesen, schnödete Trump. Es sind wahrlich ideale Vorzeichen für die anstehenden Gespräche über ein definitives Handelsabkommen.
Wer von Donald Trump Dankbarkeit erwartet, ist selbst schuld. «America First» bedeutet vor allem «Trump Only». Das bekamen nicht nur die Grönländer, sondern auch die Ukrainer zu spüren, die sich nach dieser Rede wenig Hoffnungen auf einen baldigen Frieden machen dürfen. Und was er über somalische Einwanderer sagte, war blanker Rassismus.
Letztlich erhielt man mit Trumps Davoser Rede, was zu erwarten war. Für das Image des Weltwirtschaftsforums war es eine zweischneidige Angelegenheit. Statt Lösungen zu liefern, verdeutlichte sie nur, warum gerade so vieles auf dieser Welt in die falsche Richtung geht.
