Wirtschaft
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epa06943382 (FILE) - US President Donald J. Trump (L) looks at Turkey's President Recep Tayyip Erdogan (R) at NATO headquarters in Brussels, Belgium, 11 July 2018 (reissued 11 August 2018). Turkish President Erdogan condemned US President Trump's doubling of tariffs on Turkish steel and aluminium imports up to 50 percent. The Turkish lira plunged over 20 percent against the US dollar after Trump's announcement on 10 August 2018, which has been exacerbated over the disputed imprisonment of US pastor Andrew Brunson in Turkey.  EPA/TATYANA ZENKOVICH

Zwei Egomanen auf Kollisionskurs: Trump und Erdogan am NATO-Gipfel vom 11. Juli in Brüssel. Bild: EPA/EPA POOL

Analyse

Die türkische Lira hat Krebs – doch Erdogan will keine Chemotherapie

Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung beinahe die Hälfte ihres Werts gegenüber dem Dollar eingebüsst. Der türkische Präsident schaltet jedoch weiterhin auf stur – und streitet sich immer heftiger mit Donald Trump.



Es ist das inzwischen sattsam bekannte Trauerspiel: Ein Schwellenland verspricht den Investoren deutlich höhere Renditen. Die Gier siegt über die Vernunft, die Investoren greifen zu und leihen Geld, allerdings nicht in der Landeswährung, sondern in der Regel in Dollar. Der Geldregen wirkt, die Wirtschaft des Schwellenlandes boomt.

Weil jedoch ein grosser Teil des fremden Geldes in unrentable Prestigeobjekte geflossen ist – Golfplätze und Luxushotels beispielsweise – platzt die Blase, die einheimische Währung kollabiert, die Schulden bleiben jedoch in Dollar und können nicht mehr bedient werden. Die Wirtschaft stürzt in eine schwere Rezession.

«Auch wenn wir es nicht mögen – wir brauchen jetzt eine Chemotherapie.»

Adnan Bali

Die Ökonomen kennen dieses Phänomen inzwischen so gut wie die Onkologen den Krebs. Von Argentinien über Thailand bis Russland hat diese Geldkrankheit in den letzten Jahrzehnten heftig gewütet und grosse Opfer gefordert.

Sie kennen auch die Medizin, die Heilung verspricht: Höhere Leitzinsen, Kapitalkontrollen oder gar ein Currency Board. Dabei wird die einheimische Währung fest an eine Fremdwährung wie den Dollar geknüpft, um so den grassierenden Wertverlust zu stoppen.

Wie eine Chemotherapie ist die Kur gegen den «Geld-Krebs» ebenfalls äusserst schmerzhaft. Die hohen Zinsen würgen die Wirtschaft ab. Die fremden Investoren fliehen, die einheimische Bevölkerung erleidet massive Wohlstandsverluste. Der Traum, den Anschluss an die reichen Nationen gefunden zu haben, platzt.

epa06940777 A handout photo made available by Turkish President Press Office shows Turkish President Tayyip Erdogan greeting supporters after the Friday prayer in Bayburt city, Turkey, 10 August 2018. Reports state Erdogan called on the Turkish people to convert their hard currency and gold into lira in an aim to support his country's currency that dropped by almost 30 percent against the US dollar since the end of last year. Turkish Lira hit a record low on 10 August against the US dollar after US President Donald Trump announced he had authorized a doubling of steel and aluminum tariffs on Turkey, deepening the dispute between the two countries.  EPA/TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Worte statt Taten: Erdogan beruhigt seine Anhänger mit markigen Sprüchen.  Bild: EPA/TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE

Die Türkei ist derzeit in dieser misslichen Situation. Die Wirtschaft hat in den letzten Jahren einen rasanten Aufschwung erlebt und zahlreiche ausländische Investoren angelockt. Gegen 300 Milliarden ausländisches Geld sind in die Türkei geflossen, 85 Prozent davon in Form von Dollars. Allein in den nächsten zwölf Monaten müssen türkische Unternehmen 66 Milliarden Dollar refinanzieren, die Banken gar 76 Milliarden Dollar.

Die seltsamen Thesen des Recep Tayyip

Das türkische Wirtschaftswunder ist jedoch jäh zu Ende gegangen. Die Lira saust in den Keller und die Investoren hauen ab. Über die Diagnose besteht daher kein Zweifel: Die Türkei hat Geld-Krebs. Das wissen auch die Betroffenen. Adnan Bali, der CEO der grössten türkischen Bank Isbank, erklärte gegenüber Bloomberg: «Auch wenn wir es nicht mögen – wir brauchen jetzt eine Chemotherapie.»

Recep Tayyip Erdogan verweigert sich jedoch dieser Einsicht. Aus einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz will er nichts von höheren Leitzinsen wissen. Der türkische Präsident behauptet gar, höhere Leitzinsen würden die Inflation beschleunigen, eine These, die unter Ökonomen etwa so gehandelt wird, wie die Erde sei flach.

Erdogans Stolz lässt es auch nicht zu, dass er Kapitalkontrollen einführen lässt, und es ist fraglich, ob er weiss, was ein Currency Board ist. Stattdessen droht Erdogan dem Westen mit anderen Geldgebern. In Frage kommen dabei China oder Russland. Es ist jedoch fraglich ob die beiden Lust haben, die Türkei aus ihrer Misere zu befreien, und vor allem auch, ob sie über das nötige Kleingeld dazu verfügen.

Das Gefährliche an der Krankheit Krebs liegt darin, dass er im ganzen Körper Ableger bilden kann. Das gilt im übertragenen Sinne auch für den Geld-Krebs. Betroffen werden könnten etwa Banken. Spanische, italienische und französische Geldinstitute haben grössere Kredite in der Türkei offen.

Werden andere Schwellenländer angesteckt?

Gerade diese Banken sind nicht für ihre grossen Geldpolster bekannt. Sollte eine von ihnen in ernste Schwierigkeiten geraten, könnte es wieder unangenehm in Euroland werden. Vorläufig scheint diese Gefahr jedoch gebannt zu sein.

Andere Schwellenländer könnten ebenfalls unter dem türkischen Geld-Krebs leiden, Brasilien beispielsweise, oder Südafrika. Auch sie haben in den letzten Jahren massive Schulden in Dollar gemacht. Nun legt der Greenback gegenüber ihren Währungen an Wert zu, und gleichzeitig werden die Investoren vorsichtiger. Sie müssen also einen doppelten Haken verkraften.

Zu den ökonomischen gesellen sich politische Probleme. Ausgelöst wurde der Kurssturz der Lira durch einen Streit zwischen Donald Trump und Erdogan. Der US-Präsident verlangt ultimativ, dass die Türkei den 2016 verhafteten Pastor Andrew Brunson ausliefert. Ihm wird eine Beteiligung am gescheiterten Militärputsch vorgeworfen.

Erdogan fordert derweil von den USA seit langem die Auslieferung seines in den USA lebenden einstigen Verbündeten Fethullah Gülen. Er wirft ihm vor, der Kopf hinter diesem Putsch gewesen zu sein. Aus Mangel an Beweisen weigert sich Washington jedoch, diesem Begehren nachzukommen.

Trump erklärt das Schicksal des Pastors zur Chefsache

Der Streit zwischen den beiden Egomanen spitzt sich zu. Trump soll das Schicksal des Pastors zur Chefsache erklärt haben. Er will deshalb schon morgen neue Strafzölle gegen die Türkei erheben. Erdogan schlägt zurück und hat einen Boykott gegen die Einfuhr von amerikanischen Elektrogeräten ausgesprochen.

Zwei Präsidenten mit fragwürdigen Kenntnissen der Ökonomie und aufgeblähten Egos rasen aufeinander zu. Höchste Zeit, dass jemand die Notbremse zieht.

Unsicherheit und Unmut in der Türkei

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Video: srf

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36Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Richu 15.08.2018 20:33
    Highlight Highlight Sehr guter Bericht von Herrn Löpfe. Zu ergänzen ist vielleicht noch, dass auch der Euro gegenüber dem USD und dem CHF in den letzten ca. 7 Tagen an Wert verloren hat!
  • Der Rückbauer 14.08.2018 19:53
    Highlight Highlight Sollen doch die 60% der Deutsch-Türken, welche Erdogan gewählt haben, ihre Euros runterschicken! Oder haben sie ihn gewählt, damit sie dort mit ihren Euros den Macker heraushängen können?
  • rodolofo 14.08.2018 19:30
    Highlight Highlight Für Erdogan sind Alle, die ihn nicht toll finden, insbesondere Westler und Kurden, "Krebszellen am Volkskörper", die ER mit einer Chemotherapie zerstören will...
    Jetzt ist sehr vieles möglich.
    Erdogan wäre es zuzutrauen, dass er einfach sagt: "Wir bezahlen den Krebszellen keine Zinsen mehr!"
    Und dann haben gewisse Europäische Banken ein Problem, denn sie sitzen noch auf anderen "Toxischen Wertpapieren".
    Sollte es wieder einen Finanz-Crash geben, können die hoch verschuldeten Staaten die Banken nicht mehr retten. Usw. ...
  • Firefly 14.08.2018 18:23
    Highlight Highlight Das Problem ist, wenn mehr und mehr Länder rund um Europa instabil werden oder gar kollabieren, hat auch Europa ein Problem. Andere haben ein Interesse daran, ich nicht, denn die Schweiz liegt mittendrin. Mehr Instabilität rund um Europa gleich mehr Flüchtlinge.
  • Mova 14.08.2018 17:59
    Highlight Highlight Zwei Egos rasen aufeinander, der Kampf wird mit unterschiedlich langen Lanzen ausgetragen. Die Türken werden in die Zeit vor Erdogan zurückreisen, wenn es so weitergeht.
  • David Rüegg 14.08.2018 17:43
    Highlight Highlight Vielleicht muss der Kapitalismus ja gar nicht überwunden, sondern überlebt werden. Als Totengräber scheinen sich dabei komischerweise ausgerechnet grosse Köpfe des vorherrschenden Systems zu betätigen.
  • Flexon 14.08.2018 17:35
    Highlight Highlight Der Erdogan weiss schon was er macht...
    Benutzer Bildabspielen
    • DonChaote 14.08.2018 19:40
      Highlight Highlight @flexon
      😂 super gif 👍🏼 Müsst bis zum ende schauen, lohnt sich 😉
  • maricana 14.08.2018 17:05
    Highlight Highlight Den Zerfall einer Währung mit Krebs zu vergleichen ist schlichtweg menschenverachtend. Wer diese Schlagzeile schreibt, geht wortwörtlich über Leichen.
    • Firefly 14.08.2018 18:18
      Highlight Highlight Naja Krebs wird schon lange und oft als Metapher für ein ausser Kontrolle geratenes Wachstum verwendet. Und was bitteschön soll dabei menschenverachtend sein? Krebs als Krankheit ist ja nicht mal auf die Menschheit begrenzt.
    • Philipp Löpfe 14.08.2018 18:30
      Highlight Highlight #Danke Firefly
    • honesty_is_the_key 14.08.2018 18:41
      Highlight Highlight Der Vergleich scheint mir nicht menschenverachtend. Ich kann mir allerdings sehr gut vorstellen dass jemand der seinen Partner, sein Kind, sein Elternteil etc. an Krebs verloren hat, mit diesem Vergleich grosse Mühe haben kann.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Raphael Stein 14.08.2018 16:54
    Highlight Highlight Die Gier siegt über die Vernunft, die Investoren greifen zu.

    Umschreibt das Problem auf der einen Seite gut.
  • zombie woof 14.08.2018 16:51
    Highlight Highlight Bevor Erdowahn zugibt dass er Schuld hat an der ganzen Misere, wird er allen anderen die Schuld in die Schuhe schieben, und das könnte noch ganz böse enden.
  • Liselote Meier 14.08.2018 16:34
    Highlight Highlight Bezüglich China wäre ich mir da nicht so sicher.
    Stichwort Seidenstrassenprojekt.

    Das BTK-Teilstück, hauptsächlich durch Aserbaidschan finanziert, wurde im letzten Jahr fertiggestellt. Bei einer so schwachen Währung ist es für China ziemlich billig in der Türkei zu Investieren für chinesische Logstikbauten.
    • Hierundjetzt 14.08.2018 16:48
      Highlight Highlight Spannende These: Die türkische Wirtschaft schmiert stündlich (!) weiter ab und da hilft eine (1) Strasse nach China wie genau? Weil da ein Etikett China draufklebt? Weil man dann via 5 (!) Kriegsgebiete einen Lastwagen mit Samsungsmartphones rascher liefern kann? Die relevante Fracht kommt immer noch via Suez und das bleibt noch ein paar Jahrzehnte so. Die Seidenstrasse ist ein Jahrhundertprojekt, der Währungszerfall ein Minutenprojekt. Ok?
    • Stan_the_man 14.08.2018 19:30
      Highlight Highlight @hierundjetzt:

      Kasachstan, Turkmenistan, Azerbaidschan, Georgien.

      Unterstreiche die Kriegsgebiete.

      Und die Strasse ist eine Eisenbahnstrecke.
    • Hierundjetzt 14.08.2018 23:25
      Highlight Highlight Georgien? Wie um himmelswillen kommst Du auf Georgien und Aserbeidschan? Nimmt der Zug das U-Boot?

      Der Weg führt via Usbekistan, Iran, Irak, Syrien in die Türkei.

      Vielleicht.

      In 80 - 100 Jahren
      Benutzer Bild
    Weitere Antworten anzeigen
  • glüngi 14.08.2018 15:31
    Highlight Highlight notbremse ziehen... ooooder popcorn machen.
  • Tomtom64 14.08.2018 15:20
    Highlight Highlight Die beiden letzten Sätze sagen alles. Schlimm, dass immer mehr Staaten von solch egomanen Populisten regiert werden. Noch schlimmer, wenn sie annähernd demokratisch gewählt und mit weitreichenden Machtbefugnissen ausgestattet wurden. Diese Wähler würden ihren Leithammeln wohl auch blindlings in einen Krieg folgen.
  • Ueli der Knecht 14.08.2018 15:15
    Highlight Highlight Wenn man das Theater von Trump betrachtet, und dessen Auswirkungen auf Erdogan, und sich schliesslich frägt, "cui bono?", dann nährt das schon wieder den Verdacht, dass Trump in der Hand von Putin ist. Denn zufälligerweise ist gerade jetzt Putin in der Türkei auf Besuch und präsentiert dort seine Forderungen. Seine Verhandlungsposition könnte nicht besser sein.

    Die Staatsschulden der Türkei (in Dollar) übersteigen inzwischen die Währungsreserven der Türkei. Sowieso schaut es etwas seltsam aus, wenn man die Währungsreserven betrachtet. Da fällt auch die Schweiz auf (http://bit.ly/2BaHZL7).
    Benutzer Bild
    • simiimi 14.08.2018 16:22
      Highlight Highlight Angesichts der Grösse der türkischen Volkswirtschaft glaube ich kaum, dass Russland wirklich etwas machen kann. China vielleicht, aber die werden es sich auch zweimal überlegen, mit einem Hitzkopf wie Erdogan in ein brennendes Bett zu legen.
    • Ueli der Knecht 14.08.2018 16:59
      Highlight Highlight Ich meine, das Gespann Russland, Iran, China, Irak, Syrien, Türkei wäre sehr wohl überlebensfähig, denn letztlich geht es nur darum die Bevölkerung zu ernähren (um Unruhen zu vermeiden). Für die Türkei und Iran wäre es sinnvoll, wenn Europa eine Art Gegengewicht zum IWF aufbauen, und zB. das ESM zum Europäischen Währungsfonds erweitern würde. Dadurch könnte die Türkei stabilisiert, Syrien und Irak wieder aufgebaut und die Zusammenarbeit mit Iran gestärkt werden.

      Eine langfristige Strategie gegen "America First" könnte lauten: "United States of Eurasia"
      Play Icon

    • Firefly 14.08.2018 18:28
      Highlight Highlight Russland hat kein Interesse an einer stabilen Region rund um Europa, im Gegenteil, der Flüchtlingesstrom zieht nach Europa, nicht nach Russland und destabilisieren die EU weiter, stärken die Putin freundlichen nationalistischen Kräfte, und so weiter.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Flexon 14.08.2018 14:54
    Highlight Highlight Erdogan hat noch ein Ass im Ärmel: Coca-Cola-Verbot in der ganzen Türkei!
    • Rubby 14.08.2018 17:48
      Highlight Highlight Dieser kranke alte mann gehört in eine geschlossene Anstalt...!!!...weg mit viel dreck...
    • Johnny Geil 14.08.2018 19:48
      Highlight Highlight Wenn die Lira weiter so sinkt, werden sich die Türken nicht mal eine Coca-Cola leisten können.
    • Alterssturheit 15.08.2018 11:33
      Highlight Highlight Vivi Kola wird einspringen -:))
  • Hierundjetzt 14.08.2018 14:54
    Highlight Highlight Yup. Erdogan ist am Zug die Krise zu entschärfen. Dabei bleibts. Jetzt bräuchte der Sultan halt Freunde, die er wegen seinen Nazi Sprüchlein nicht mehr hat. Aber vielleicht hilft ihm ja Turkmenistan. Wäre noch so flott

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