DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Zwei Egomanen auf Kollisionskurs: Trump und Erdogan am NATO-Gipfel vom 11. Juli in Brüssel.
Zwei Egomanen auf Kollisionskurs: Trump und Erdogan am NATO-Gipfel vom 11. Juli in Brüssel.Bild: EPA/EPA POOL
Analyse

Die türkische Lira hat Krebs – doch Erdogan will keine Chemotherapie

Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung beinahe die Hälfte ihres Werts gegenüber dem Dollar eingebüsst. Der türkische Präsident schaltet jedoch weiterhin auf stur – und streitet sich immer heftiger mit Donald Trump.
14.08.2018, 14:3314.08.2018, 15:31

Es ist das inzwischen sattsam bekannte Trauerspiel: Ein Schwellenland verspricht den Investoren deutlich höhere Renditen. Die Gier siegt über die Vernunft, die Investoren greifen zu und leihen Geld, allerdings nicht in der Landeswährung, sondern in der Regel in Dollar. Der Geldregen wirkt, die Wirtschaft des Schwellenlandes boomt.

Weil jedoch ein grosser Teil des fremden Geldes in unrentable Prestigeobjekte geflossen ist – Golfplätze und Luxushotels beispielsweise – platzt die Blase, die einheimische Währung kollabiert, die Schulden bleiben jedoch in Dollar und können nicht mehr bedient werden. Die Wirtschaft stürzt in eine schwere Rezession.

«Auch wenn wir es nicht mögen – wir brauchen jetzt eine Chemotherapie.»
Adnan Bali

Die Ökonomen kennen dieses Phänomen inzwischen so gut wie die Onkologen den Krebs. Von Argentinien über Thailand bis Russland hat diese Geldkrankheit in den letzten Jahrzehnten heftig gewütet und grosse Opfer gefordert.

Sie kennen auch die Medizin, die Heilung verspricht: Höhere Leitzinsen, Kapitalkontrollen oder gar ein Currency Board. Dabei wird die einheimische Währung fest an eine Fremdwährung wie den Dollar geknüpft, um so den grassierenden Wertverlust zu stoppen.

Wie eine Chemotherapie ist die Kur gegen den «Geld-Krebs» ebenfalls äusserst schmerzhaft. Die hohen Zinsen würgen die Wirtschaft ab. Die fremden Investoren fliehen, die einheimische Bevölkerung erleidet massive Wohlstandsverluste. Der Traum, den Anschluss an die reichen Nationen gefunden zu haben, platzt.

Worte statt Taten: Erdogan beruhigt seine Anhänger mit markigen Sprüchen. 
Worte statt Taten: Erdogan beruhigt seine Anhänger mit markigen Sprüchen. Bild: EPA/TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE

Die Türkei ist derzeit in dieser misslichen Situation. Die Wirtschaft hat in den letzten Jahren einen rasanten Aufschwung erlebt und zahlreiche ausländische Investoren angelockt. Gegen 300 Milliarden ausländisches Geld sind in die Türkei geflossen, 85 Prozent davon in Form von Dollars. Allein in den nächsten zwölf Monaten müssen türkische Unternehmen 66 Milliarden Dollar refinanzieren, die Banken gar 76 Milliarden Dollar.

Die seltsamen Thesen des Recep Tayyip

Das türkische Wirtschaftswunder ist jedoch jäh zu Ende gegangen. Die Lira saust in den Keller und die Investoren hauen ab. Über die Diagnose besteht daher kein Zweifel: Die Türkei hat Geld-Krebs. Das wissen auch die Betroffenen. Adnan Bali, der CEO der grössten türkischen Bank Isbank, erklärte gegenüber Bloomberg: «Auch wenn wir es nicht mögen – wir brauchen jetzt eine Chemotherapie.»

Recep Tayyip Erdogan verweigert sich jedoch dieser Einsicht. Aus einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz will er nichts von höheren Leitzinsen wissen. Der türkische Präsident behauptet gar, höhere Leitzinsen würden die Inflation beschleunigen, eine These, die unter Ökonomen etwa so gehandelt wird, wie die Erde sei flach.

Erdogans Stolz lässt es auch nicht zu, dass er Kapitalkontrollen einführen lässt, und es ist fraglich, ob er weiss, was ein Currency Board ist. Stattdessen droht Erdogan dem Westen mit anderen Geldgebern. In Frage kommen dabei China oder Russland. Es ist jedoch fraglich ob die beiden Lust haben, die Türkei aus ihrer Misere zu befreien, und vor allem auch, ob sie über das nötige Kleingeld dazu verfügen.

Das Gefährliche an der Krankheit Krebs liegt darin, dass er im ganzen Körper Ableger bilden kann. Das gilt im übertragenen Sinne auch für den Geld-Krebs. Betroffen werden könnten etwa Banken. Spanische, italienische und französische Geldinstitute haben grössere Kredite in der Türkei offen.

Werden andere Schwellenländer angesteckt?

Gerade diese Banken sind nicht für ihre grossen Geldpolster bekannt. Sollte eine von ihnen in ernste Schwierigkeiten geraten, könnte es wieder unangenehm in Euroland werden. Vorläufig scheint diese Gefahr jedoch gebannt zu sein.

Andere Schwellenländer könnten ebenfalls unter dem türkischen Geld-Krebs leiden, Brasilien beispielsweise, oder Südafrika. Auch sie haben in den letzten Jahren massive Schulden in Dollar gemacht. Nun legt der Greenback gegenüber ihren Währungen an Wert zu, und gleichzeitig werden die Investoren vorsichtiger. Sie müssen also einen doppelten Haken verkraften.

Zu den ökonomischen gesellen sich politische Probleme. Ausgelöst wurde der Kurssturz der Lira durch einen Streit zwischen Donald Trump und Erdogan. Der US-Präsident verlangt ultimativ, dass die Türkei den 2016 verhafteten Pastor Andrew Brunson ausliefert. Ihm wird eine Beteiligung am gescheiterten Militärputsch vorgeworfen.

Erdogan fordert derweil von den USA seit langem die Auslieferung seines in den USA lebenden einstigen Verbündeten Fethullah Gülen. Er wirft ihm vor, der Kopf hinter diesem Putsch gewesen zu sein. Aus Mangel an Beweisen weigert sich Washington jedoch, diesem Begehren nachzukommen.

Trump erklärt das Schicksal des Pastors zur Chefsache

Der Streit zwischen den beiden Egomanen spitzt sich zu. Trump soll das Schicksal des Pastors zur Chefsache erklärt haben. Er will deshalb schon morgen neue Strafzölle gegen die Türkei erheben. Erdogan schlägt zurück und hat einen Boykott gegen die Einfuhr von amerikanischen Elektrogeräten ausgesprochen.

Zwei Präsidenten mit fragwürdigen Kenntnissen der Ökonomie und aufgeblähten Egos rasen aufeinander zu. Höchste Zeit, dass jemand die Notbremse zieht.

Unsicherheit und Unmut in der Türkei

Video: srf
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

25 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Flexon
14.08.2018 14:54registriert Februar 2014
Erdogan hat noch ein Ass im Ärmel: Coca-Cola-Verbot in der ganzen Türkei!
14712
Melden
Zum Kommentar
avatar
Tomtom64
14.08.2018 15:20registriert Januar 2014
Die beiden letzten Sätze sagen alles. Schlimm, dass immer mehr Staaten von solch egomanen Populisten regiert werden. Noch schlimmer, wenn sie annähernd demokratisch gewählt und mit weitreichenden Machtbefugnissen ausgestattet wurden. Diese Wähler würden ihren Leithammeln wohl auch blindlings in einen Krieg folgen.
696
Melden
Zum Kommentar
avatar
Hierundjetzt
14.08.2018 14:54registriert Mai 2015
Yup. Erdogan ist am Zug die Krise zu entschärfen. Dabei bleibts. Jetzt bräuchte der Sultan halt Freunde, die er wegen seinen Nazi Sprüchlein nicht mehr hat. Aber vielleicht hilft ihm ja Turkmenistan. Wäre noch so flott
577
Melden
Zum Kommentar
25
«Wir sollten weg von Putins Erdgas» – findet FDP-Ständerat Ruedi Noser
Die Sanktionen gegen Russland erachtet der Zürcher FDP-Ständerat als nicht einschneidend genug. Damit Putin seinen Krieg gegen die Ukraine bald beende, solle der Westen kein Erdöl und kein Erdgas mehr aus Russland beziehen – auch wenn das die Wirtschaft belaste.

Der russische Präsident Putin führt den Krieg gegen die Ukraine fort. Was kann der Westen dagegen tun?
Ruedi Noser: Meiner Meinung nach sollten die Länder des Westens dem russischen Präsidenten klar signalisieren, dass er nicht zum Ziel kommt. Anderseits sollte man die Bereitschaft zeigen, dass nach einem Friedensschluss die Beziehungen zu Russland weitergeführt werden.

Zur Story