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Analyse

Warum jetzt der Crash kommt

Coronavirus und Ölkrieg sorgen für Chaos an den Finanzmärkten. Die Frage ist nicht ob, sondern wie weit die Kurse in die Tiefe rauschen werden.
09.03.2020, 09:3409.03.2020, 16:10

Die zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen, die sogenannte T-Bonds, sind der zuverlässigste Indikator für den Zustand der Weltwirtschaft. Jetzt ist die Rendite der T-Bonds unter 0,5 Prozent gesunken. Letztmals war dies beim Ausbruch des Golfkrieges im Jahr 1991 der Fall.

Wenn Investoren für eine langjährige Staatsanleihe praktisch keine Rendite mehr verlangen, dann bedeutet dies, dass sie nur noch eines wollen: Sicherheit. Und wenn diese Staatsanleihe von den USA emittiert wird, dann bedeutet dies: Die gesamte Weltwirtschaft ist in Gefahr, denn die USA sind der zuverlässigste Schuldner und die amerikanische Wirtschaft ist nach wie vor die grösste der Welt. Gerät Amerika in Schwierigkeiten, reisst es alle anderen in den Abgrund.

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Die US-Wirtschaft ist definitiv in Schwierigkeiten. Zwischen Saudi-Arabien und Russland ist ein Ölkrieg ausgebrochen. Der Preis für das schwarze Gold ist gegen 30 Prozent eingebrochen. «Tiefe Ölpreise werden Houston in eine Geisterstadt verwandeln», sagt Stephen Innes, Chefstratege der Beratungsfirma AxiCorp in der «Financial Times». «Das erhöht die Gefahr von Pleiten und Krediten, die nicht mehr bedient werden.»

Stehen sie bald still? Ölpumpen in Bakersfield, Kalifornien.
Stehen sie bald still? Ölpumpen in Bakersfield, Kalifornien.
Bild: AP

Dank dem Schieferöl sind die USA zum grössten Ölproduzenten der Welt geworden. Bei einem Preis pro Fass von unter 30 Dollar lohnt sich jedoch das Fracking nicht mehr. Das hat zur Folge, dass die Schieferöl-Produktion rasch zum Stillstand kommt, mit verheerenden Folgen: Arbeiter werden entlassen, Unternehmen gehen bankrott, Banken sitzen auf faulen Krediten.

Der Ölkrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland hat die Finanzmärkte bereits in Aufruhr gesetzt. Die Japan ist der Nikkei-Index mehr als 5 Prozent gefallen. Der Dollar verliert an Wert. Die europäischen Börsen sind am Montag eingebrochen, der Handel an der New Yorker Wall Street musste nach einem massiven Taucher zu Beginn sogar für kurze Zeit ausgesetzt werden.

Das wird weitreichende Folgen haben. Die US-Wirtschaft lebt zu rund 70 Prozent vom Konsum. Wer sein Vermögen schrumpfen sieht, hat wenig Lust zum Shoppen. Es ist damit zu rechnen, dass der Konsum schlagartig einbrechen wird und damit eine Verelendungsspirale in Gang kommt: Weniger Konsum führt zu mehr Arbeitslosigkeit, was wiederum den Konsum dämpft, etc.

Kunden vor einer Apotheke in Washington D.C.
Kunden vor einer Apotheke in Washington D.C.
Bild: EPA

Besonders betroffen von einem Börsencrash werden die Pensionierten sein, vor allem des oberen Mittelstandes. Ihr Altersvermögen ist mehrheitlich mit den sogenannten 401K-Plänen direkt mit den Aktienmärkten verbunden. Sinken die Kurse, sinken die Renten.

Es rächt sich jedoch generell, dass die US-Wirtschaft direkt vom Wohl der Aktienbörsen abhängig geworden ist. Der im längsten Börsenboom der Nachkriegszeit aufgebaute Wohlstand droht nun, über Nacht zu schmelzen. Daher hat die amerikanische Notenbank letzte Woche auch zu drastischen Massnahmen gegriffen und den Leitzins um 0,5 Prozent gesenkt.

Die Wirkung ist bereits verpufft. Trumps Steuersenkung hat dazu geführt, dass die US-Unternehmen ihre Aktienrückkäufe nochmals massiv hochgefahren haben. Das hat den Boom beschleunigt, aber auch die Gefahr eines Absturzes erhöht.

Der bedingungslose Glaube an den Shareholder Value wird sich nun rächen. Ein Crash wird den Amerikanern drastisch vor Augen führen, wie abhängig ihre Wirtschaft vom Wohl der Börsen geworden ist.

Dazu kommt, dass die USA sehr schlecht auf diesen Crash vorbereitet sind. Unternehmen und Privathaushalte sind höher verschuldet als 2008. Ob Unternehmensanleihen oder Auto- und Studentenkredite, alle befinden sich im tiefroten Bereich.

Die geringe soziale Absicherung wird sich ebenfalls rächen. Millionen von Amerikaner haben keine oder eine unzureichende Krankenversicherung und werden sich deshalb nicht auf Covid-19 testen lassen. Sie werden krank zur Arbeit gehen, weil sie keinen bezahlten Krankenurlaub haben. All dies wird die Ausbreitung des Coronavirus noch beschleunigen und damit die Panik anheizen.

Wie sieht es für die Schweiz aus? Auch bei uns werden reihenweise Anlässe abgesagt, bleiben Sportstadien, Kinos und Bars leer; und bei der Swiss und den Hoteliers dürfte die Stimmung auch schon besser gewesen sein.

Leere Tribünen beim Match zwischen EV Zug und den SC Langnau Tigers.
Leere Tribünen beim Match zwischen EV Zug und den SC Langnau Tigers.
Bild: KEYSTONE

Anders als die USA besitzen wir jedoch sogenannte «automatische Stabilisatoren», will heissen: Instrumente, die verhindern, dass die Wirtschaft ungebremst absackt. Dazu gehören Krankenkassen, Arbeitslosenversicherung, etc. Unsere AHV ist bloss bedingt vom Zustand der Aktienmärkte abhängig. Wer krank ist, kann – ja muss – zuhause bleiben, ohne dass er um seinen Lohn bangen muss.

Die Krise von 2009 hat zudem gezeigt, dass der Bund mit gezielten Massnahmen wie Finanzierung von Kurzarbeit das Schlimmste verhindern kann. Wir können den Turbulenzen daher gefasst entgegen blicken. Aber lustig werden wird es nicht.

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