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Venedig wird ab Sonntag abgeriegelt. bild: shutterstock

Italien im Ausnahmezustand – was du jetzt wissen musst

Im Kampf gegen das Coronavirus riegelt Italien Mailand und viele weitere Regionen ab. Über 10 Millionen Menschen sind direkt betroffen. Fahren die Züge aus der Schweiz nach Italien noch? Wird jetzt die Grenze geschlossen? Die wichtigsten Antworten.

Dominik Straub, Julian wermuth



Mitten in der Nacht zum Sonntag kam die Bestätigung der italienischen Regierung: Aufgrund der Verbreitung des Coronavirus werde man grosse Teile des Nordens unter Quarantäne setzen – eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen. Eine Übersicht über die aktuellsten Entwicklungen.

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Was ist passiert?

Ab sofort gilt in Norditalien eine Ein- und Ausreisesperre! Die Regierung riegelt die Lombardei und 14 andere Gebiete weitgehend ab, darunter die Wirtschaftsmetropole Mailand und der Touristenmagnet Venedig. Das sagte Ministerpräsident Giuseppe Conte am Sonntagmorgen. Er habe das entsprechende Dekret unterschrieben.

Welche Regionen sind betroffen?

Einige: Neben der Lombardei sind 14 Provinzen, unter anderem auch in den Regionen Emilia-Romagna und Venetien, betroffen. Doch auch die Marken in der Mitte Italiens sind dabei:

Wie viele Menschen sind davon betroffen?

Insgesamt sind mehr als zehn Millionen Menschen von den Ein- und Ausreiseverboten betroffen. Die neuen Ankündigungen der Regierung dürften den Alltag der insgesamt rund 60 Millionen Bürger weiter verändern, nachdem die bisher schon getroffenen Massnahmen wie landesweite Schulschliessungen bereits viele tagtäglich treffen.

Was genau wird beschränkt?

Zuerst einmal die Ein- bzw. Ausreise. Ausserdem bestätigte beziehungsweise verhängte die Regierung den Angaben nach Einschränkungen für ganz Italien wie den Stopp für Kinos, Theater, Museen, Demonstrationen und viele andere Veranstaltungen.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa sagte Conte, die Mobilität werde nicht komplett gestoppt. So gebe es keinen Stopp für Flüge und Züge. Aber eine Fahrt müsse einen Grund haben und die Polizei könne Menschen anhalten und danach fragen.

Was heisst das konkret für das tägliche Leben?

Supermärkte werden nur noch von Montag bis Freitag geöffnet sein; Schulen, Kinos, Theater, Museen, Schwimmbäder, Skigebiete und Fitnesszentren bleiben geschlossen. Mitarbeiter des Gesundheitssystems dürfen keinen Urlaub nehmen. Auch Pubs und Diskotheken sollen geschlossen bleiben, Feiern und Konzerte werden abgesagt. Religiöse Zeremonien, darunter Hochzeiten und Beerdigungen, müssen verschoben werden. Bars und Restaurants dürfen geöffnet bleiben, aber nur, wenn sie sicherstellen können, dass zwischen den Gästen eine Mindestdistanz von 1 Meter eingehalten werden kann. Viele dieser Vorschriften gelten auch für den Rest des Landes, namentlich die Schliessung der Schulen und das Verbot öffentlicher Kundgebungen und Versammlungen.

Was heisst das für die Einwohner und deren Bewegungsfreiheit?

Ministerpräsident Giuseppe Conte betonte zwar, dass die verordneten Massnahmen «Unannehmlichkeiten bereiten werden und persönliche Opfer erfordern». Gleichzeitig betonte er, dass das gigantische Sperrgebiet nicht «zum Stillstand» kommen werde: Wer «dringende Gründe» nachweisen könne – zum Beispiel berufliche –, dem bleibe die Ein- und Ausreise erlaubt. Auch der Flug- und der Bahnverkehr werde nicht komplett gestoppt. Die Polizeikräfte seien befugt, die Bürger anzuhalten und von ihnen Rechenschaft über ihre Bewegungen ausserhalb der eigenen vier Wände zu verlangen.

Wie hat die Bevölkerung in den neuen Sperrzonen reagiert?

Die bereits am späten Samstagabend durchgesickerten Nachrichten über die neuen Notmassnahmen haben in den betroffenen Gebieten zu Verunsicherung und zum Teil zu Panik geführt. Nur wenige Minuten nach Bekanntwerden des Dekrets hatten am Mailänder Bahnhof Porta Garibaldi Hunderte Studenten und Gastarbeiter aus Süditalien versucht, mit dem Nachtzug in ihre Heimat zu gelangen. Wie italienische Medien berichteten, war der letzte Intercity des Tages um 23.20 Uhr übervoll, als er abfuhr. Reisende hätten die Waggons auch ohne Ticket bestiegen und den Schaffnern gesagt, dass sie bereit seien, die Geldstrafe zu zahlen, um an Bord bleiben zu dürfen. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Um die ansässige Bevölkerung zu schützen, verhängten die Regionalpräsidenten Süditaliens für alle Rückkehrer eine zweiwöchige Heimquarantäne.

Wie lange dauert die Sperre?

Die neuen Sperrgebiete sollten von sofort bis zunächst zum 3. April gelten, schreiben Zeitungen. Man dürfe diese Zonen nur aus «ernsten und unvermeidlichen» Anlässen betreten oder verlassen, etwa zum Zwecke der Arbeit oder aus familiären Gründen, hiess es.

Ist die Grenze zwischen der Schweiz und Italien noch offen?

Die Grenze nach Italien bleibt weiter offen. Italien hat der Schweiz bestätigt, dass die Grenze zwischen den beiden Ländern für Grenzgängerinnen und Grenzgänger offenbleibe. Dies hat der italienische Aussenminister Luigi Di Maio seinem Amtskollegen Bundesrat Ignazio Cassis in einem Telefongespräch angekündigt. Der italienische Aussenminister hat diese Nachricht in einer Medienmitteilung heute Nachmittag bestätigt.

Was ist mit den Zügen zwischen der Schweiz und Italien?

Die fahren derzeit normal. «Passagiere aus der Schweiz können ohne Einschränkungen nach Italien reisen. Wir fahren, solange die italienischen Behörden keine anderen Weisungen erteilen», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli zu watson.

Die FART hingegen hat den internationalen Zugsbetrieb zwischen Locarno und Domodossola eingestellt. Die Regionalzüge auf der Schweizer Seite fahren normal.

Was ist mit den Grenzgängern?

Rund 70'000 Grenzgänger aus Norditalien arbeiten im Tessin. Diese dürfen weiterhin arbeiten gehen.

Alle Erwerbstätigen können sich weiterhin fortbewegen, um ihrer Berufstätigkeit nachzugehen, und das sowohl zwischen den italienischen Regionen wie auch zwischen der Schweiz und Italien. Der Fortbestand des Tessiner Gesundheitssystems sollte damit gesichert sein.

Der Bürgermeister der Grenzgemeinde Lavena Ponte Tresa, Massimo Mastromarino, beschwichtigte auf Facebook: Er habe mit Attilio Fontana – dem Präsidenten der Region Lombardei – gesprochen. Grenzgänger könnten weiterhin ohne Probleme in der Schweiz arbeiten – sofern Home-Office nicht möglich ist.

Was hat die Regierung zu den drastischen Massnahmen veranlasst?

Der Grund für die neuen Massnahmen ist die weiterhin galoppierende Ausbreitung des Corona-Virus in Italien: Am Samstag verzeichnete das Land die bislang grösste Zunahme an Infektionen mit dem neuen Virus an einem Tag. Nach Angaben der nationalen Zivilschutzbehörde vom Samstag stieg die Zahl der Fälle in 24 Stunden um 1326. Insgesamt waren damit am Sonntag 6387 Menschen mit dem Virus infiziert. Am Sonntag starben 133 Menschen an der von dem Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19, insgesamt sind es seit Beginn des Ausbruchs am 21. Februar bereits 366 Todesfälle. «Wir müssen die Ausbreitung der Infektionen begrenzen – und gleichzeitig müssen wir so vorgehen, dass eine Überlastung der Krankenhauseinrichtungen vermieden wird», betonte Conte.

epa08272719 Italian Prime Minister Giuseppe Conte attends a press conference at the end of the Council of Ministers for the Coronavirus emergency at the Palazzo Chigi in Rome, Italy, 05 March 2020.  EPA/ANGELO CARCONI

Ministerpräsident Giuseppe Conte. Bild: EPA

Ist das italienische Gesundheitssystem der Epidemie gewachsen?

Dies ist die grösste Sorge der Behörden. «Norditalien hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, und dennoch stehen wir einen Schritt vor dem Kollaps», betont Antonio Pesenti, Chef des lombardischen Krisenstabs für Intensivmedizin. Bereits heute befänden sich in 50 Spitälern der Region etwa 600 an Covid-19 erkrankte Patienten auf der Intensivstation.

Weil sich die Zahl der Infizierten seit dem Beginn der Epidemie durchschnittlich alle 2,5 Tage verdoppelt, rechnet Pesenti allein für die Lombardei bis zum 26. März mit 18000 Personen, die positiv auf das Virus getestet werden; davon würden zwischen 2700 bis 3200 Intensivpflege benötigen. Die Regierung hat beschlossen, 20000 neue Ärzte, Pfleger und andere Hilfskräfte in Krankenhäusern und Gesundheitsämtern einzustellen.

Warum trifft es Italien so heftig?

Die Experten sind sich einig: Der Hauptgrund liegt darin, dass sich das Virus wochenlang unbemerkt ausbreiten konnte. «Wir haben den Brand erst entdeckt, als schon fast das ganze Haus in Flammen stand», sagt der Mailänder Fachmann für Infektionskrankheiten Massimo Galli.

Epidemiologische Hochrechnungen würden nahelegen, dass das Virus bereits Anfang oder spätestens ab Mitte Januar in Italien zu zirkulieren begonnen habe – also schon mindestens einen Monat, bevor am 20. Februar der erste Fall publik wurde. Der eigentliche «Patient 1», so Galli, habe wohl keine Krankheitssymptome gehabt und nicht geahnt, dass er Träger des Virus sei. Er ist bis heute unbekannt. «Dass das bei uns in Italien passierte, ist eher zufällig. Das hätte in jedem anderen Land passieren können.»

Sind die 300'000 Italo-Chinesen an der Epidemie schuld?

In Italien wurde zunächst die grosse Chinesen-Comunity im eigenen Land für die Epidemie verantwortlich gemacht; es kam zu Diskriminierungen und Beleidigungen. In Italien leben rund 300000 Chinesen; die Vermutung, dass einer von ihnen das Virus nach Italien gebracht haben könnte, tönte durchaus plausibel. Nur: In den bisherigen «roten Zonen» von Codogno und Vo’ ist bisher kein einziger ­Chinese positiv auf das Virus getestet worden, in der Millionen-Metropole Mailand nur gerade einer. Am wahrscheinlichsten ist deshalb, dass das Virus als eine Art Kollateralschaden der Globalisierung nach Italien und Europa gekommen ist: Vor allem in Norditalien gibt es viele international tätige Firmen, die rege mit China Handel treiben.

Was bedeuten die neuen Quarantäne-Massnahmen für die Wirtschaft?

Die Folgen der Notmassnahmen für die Wirtschaft sind noch nicht absehbar: In den neuen Sperrzonen wird rund 40 Prozent des italienischen Bruttosozialprodukts und 60 Prozent der Exporte produziert. Dass Italien mit seiner riesigen Staatsverschuldung und seiner stagnierenden Wirtschaft wegen der Corona-Epidemie in diesem Jahr in eine Rezession abrutschen wird, galt bereits wegen der zuvor eingeführten Massnahmen ausgemacht. Insbesondere die für Italiens strategische Tourismusbranche erlebt ein veritables Desaster: Die Buchungen sind zum Teil um bis zu 90 Prozent zurückgegangen.

Können die anderen EU-Länder von Italien lernen?

Paolo Bonanni, Hygiene-Professor in Florenz, ist überzeugt, dass Italien den Nachbarländern einfach eine oder zwei Wochen voraus sei. «Wahrscheinlich wird die Entwicklung in den anderen Ländern ähnlich verlaufen wie bei uns», sagt Bonanni. Die Nachbarn könnten von den Erfahrungen in Italien profitieren: «Wenn unsere Massnahmen greifen, können sie von den anderen Ländern früher eingeführt werden.» Italien sei daher «ein Labor für andere Länder».

Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA, AFP und DPA

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