Wirtschaft
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Swiss People's Party (SVP) newly elected National Councillor Roger Koeppel waits for the swearing-in ceremony of the Swiss Parliament at the beginning of the winter parliament session in Bern, Switzerland November 30, 2015. REUTERS/Ruben Sprich

Seine Rechnung ist aufgegangen: SVP-Nationalrat Roger Köppel.
Bild: RUBEN SPRICH/REUTERS

Warum jeder Rülpser von Köppel und Blocher verbreitet wird? Weil Journis wie Finanzanalysten ticken

Die Empörungspolitik von Blocher, Köppel & Co. geht meistens auf, weil es dem Anreizsystem des Journalismus entgegenkommt. Eine Erklärung.



Der Fall Köppel/Sommaruga wirft einmal mehr die Frage auf: Warum reagieren die Medien auf jeden Rülpser eines politischen Flegels? Weshalb breiten sie nicht einfach den Mantel des Schweigens über den neuesten Holocaust-Unsinn von Blocher? Um diese Frage zu beantworten, braucht es ein bisschen Spieltheorie und eine Prise Psychologie.  

«Die Menschen reagieren auf Anreize.» So lautet der psychologische Grundsatz, der unser wirtschaftliches Handeln bestimmt. In der Ökonomie ist dieser Grundsatz deshalb allmächtig, Sigmund Freud und Adam Smith werden nie zusammenfinden.  

This undated image released courtesy of Brian Silver shows author and statistician Nate Silver in Tokyo. The 34-year-old statistician, unabashed numbers geek, author, and creator of the much-read FiveThirtyEight blog at the New York Times, correctly predicted the presidential winner in all 50 states, and almost all the Senate races. (AP Photo/Robert Gauldin)

Magier mit Zahlen: Nate Silver.
Bild: AP courtesy of Brian Silver

Wie ein Anreizsystem funktioniert, erklärt Nate Silver in seinem Buch «The Signal and the Noise» am Beispiel von Finanzanalysten. Silver hat die Resultate der US-Präsidentschaftswahlen 2012 exakt vorausgesagt und wurde damit weltberühmt. Sein Modell für die Analyse des Handelns von Finanzanalysten hat grosse Ähnlichkeit mit der Art und Weise, wie Journalisten ticken. Schauen wir es uns also an.

Finanzanalysten sind notorische Optimisten. Ihre Prognosen sehen meist steigende Märkte voraus. Diesem Optimismus liegt keine böse Absicht zugrunde, sondern Kalkül. Diese vier Szenarien zeigen, weshalb:

Warum Finanzanalysten Optimisten sind

  1. Der Analyst gibt eine optimistische Prognose, und der Markt steigt. Alle sind glücklich und verdienen Geld. Der Analyst erhält einen fetten Bonus und kauft sich einen Porsche.
  2. Der Analyst gibt eine optimistische Prognose ab, und der Markt crasht: Niemand ist glücklich. Bank und Kunden haben zwar viel Geld verloren, doch die anderen Analysten sind in der gleich misslichen Lage. Die Banken bauen Personal ab. Etwa ein Fünftel der Analysten wird entlassen. Der einzelne Analyst hat trotz Fehlprognose eine 80-Prozent Chance, seinen Job zu behalten. Der Porsche allerdings muss warten, bis der nächste Boom kommt.
  3. Der Analyst gibt eine pessimistische Prognose ab, und der Markt crasht tatsächlich. Der Analyst wird mit positiven Artikeln in der Finanzpresse belohnt. Was Boni betrifft, ist aber tote Hose. Niemand hat Geld verdient und die Nachfrage nach Genies ist beschränkt.
  4. Der Analyst gibt eine pessimistische Prognose ab, und der Markt boomt. Für den Analysten ist dieses Szenario ein Desaster. Bank und Kunden haben es verpasst, viel Geld zu verdienen und sind megasauer. Der Analyst wird gefeuert.

Fazit: Die Chancen, mit einer optimistischen Prognose falsch zu liegen sind etwa gleich hoch wie bei einer pessimistischen. Nicht aber die Konsequenzen. Mit einer optimistischen Prognose hat der Analyst sehr gute Chancen, ungeschoren davon zu kommen, auch wenn er falsch liegt. Mit einer pessimistischen setzt er seinen Job aufs Spiel.  

Kein Porsche, aber gleiches System

Wenden wir dieses Modell nun auf den Journalismus an. Auf Redaktionen werden zwar in der Regel keine Boni verteilt – der Porsche fällt leider weg – aber das Anreizsystem funktioniert sehr ähnlich.

  1. Wenn einer der Krawallbrüder zuschlägt und der Journalist rasch reagiert, dann hat er eine sehr hohe Einschaltquote und viele Kommentare. Das freut seine Vorgesetzten und stärkt das Selbstbewusstsein. Das Motzen von ein paar politisch Korrekten kann man getrost ignorieren.
  2. Verbreiten die Krawallbrüder warme Luft, die keine Wirkung zeigt – auch das kommt gelegentlich vor –, dann sind die Sanktionen gering. Die Kollegen von NZZ über «Blick» bis «Tages-Anzeiger» haben ja auch mitgemacht. Dumm gelaufen, mehr nicht.
  3. Geht der Journalist den Krawallbrüdern nicht auf den Leim und hält sich vornehm draussen, dann sind die daraus entstehenden Vorteile überschaubar. Ein lobender Eintrag im Qualitätsjahrbuch des Journalismus und eine Einladung in eine Diskussion auf SRF2 vielleicht. Das ist nett, aber leider auch alles.
  4. Lässt der Journalist die Krawallbrüder links liegen und die Story dreht wie verrückt, dann hat er ein echtes Problem. Er muss sich vorwerfen lassen, die News verschlafen und das Leserinteresse missachtet zu haben. Zur Strafe muss er zwei Wochenenddienste und drei Strassenumfragen machen.

Fazit: Wenn Journalisten den Unsinn der Krawallbrüder hypen, werden sie nicht von Sensationsgier getrieben. Sie handeln rational und nach den Regeln des bestehenden Anreizsystems. Seid also bitte nachsichtig.

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