KI-Firmen lassen Menschen ihre Arbeit filmen – um sie durch Roboter zu ersetzen
Die Frage, wie gross die Bedrohung der künstlichen Intelligenz für die menschliche Arbeit ist, treibt viele Leute um. Und ihre Ängste dürften durch Videos, wie sie derzeit auf den sozialen Medien zu sehen sind, nicht kleiner werden.
So zeigt ein neuer Clip eine Armada an indischen Arbeitern in einer Textilfabrik, vor Nähmaschinen sitzend. Was sofort ins Auge springt: Sie haben ein Stirnband an, an welchem eine Kamera montiert ist. Der Filmende kommentiert die Szene auf Hindi: «Alle tragen eine Kamera.» Obwohl die Authentizität des Videos nicht bestätigt ist, zeigt es eine Entwicklung, die in anderen, verifizierten Aufnahmen zu sehen ist: Angestellte, die ihre manuelle Arbeit filmen müssen, um mit den Daten die künstliche Intelligenz (KI) zu füttern.
Denn wenn die KI-Systeme genügend gut trainiert sind, können Roboter solche repetitiven Arbeiten übernehmen. Die ethischen Fragen, die sich dabei stellen, wurden auch von internationalen Medien aufgegriffen. Ein KI-Experte, der in einem CNN-Bericht zu Wort kommt, glaubt zum Beispiel, dass den betroffenen Angestellten nicht klar ist, wozu sie die Kameras tragen müssen und dass sie damit zur Abschaffung ihrer Jobs beitragen. Er fordert von den Firmen mehr Transparenz.
Nur: Auch mit dieser Transparenz ist fraglich, ob die Angestellten, die oftmals äusserst tiefe Löhne erhalten, sich überhaupt gegen die Aufforderung ihrer Arbeitgeber wehren könnten. So kam es zuletzt in Indien immer wieder zu gewaltsamen Protesten wegen der tiefen Saläre und der schlechten Arbeitsbedingungen.
Tatsächlich hat die Roboter-Offensive gar neue Jobprofile kreiert. So würden viele KI-Firmen derzeit Menschen auf der ganzen Welt im Stundenlohn anheuern, damit diese – ebenfalls mit einer Kamera auf der Stirn – ihre rudimentären Arbeiten im Haushalt filmen.
Die Stundenlöhner nehmen also die Tätigkeit ihrer Hände auf beim Schrubben der Küchenoberflächen, beim Wischen des Bodens, beim Schneiden von Zwiebeln oder Kartoffeln. Es handle sich dabei inzwischen um einen mehrere Milliarden Dollar schweren Sektor, berichtet CNN. Der Grund: Es würden unzählige Stunden an Filmaufnahmen benötigt, um die KI-Roboter perfekt zu trainieren, um sie später in den Verkauf bringen zu können.
«Fertigung, Fabriklager, Detailhandel, Pflegeheime, Krankenhäuser – in praktisch jeder Umgebung wird man diese Art von Daten benötigen, und das liegt daran, dass die Bewegungsabläufe überall unterschiedlich sind», sagt Arian Sadeghi, Vizepräsident der Silicon-Valley-Firma Micro1 gegenüber dem US-Nachrichtensender. Micro1 begann im vergangenen Jahr, eine eigene Armada an Filmenden zu rekrutieren. Sie sollen jede Woche mindestens 10 Stunden an Material liefern.
Micro1 hat seinen Sitz in Palo Alto, Kalifornien. Doch die 4000 Personen umfassende «Filmcrew» für die Roboter-Datensammlung befindet sich in 71 Ländern. Pro Monat erhält die Firma über 160'000 Stunden an Videomaterial zur Auswertung. Im Februar gab der US-KI-Chiphersteller Nvidia bekannt, dass auch er solche Filmaufnahmen verwenden will, damit Roboter zum Beispiel T-Shirts zusammenrollen, Spielkarten sortieren oder einen Flaschendeckel abschrauben können.
Für gut betuchte Menschen mit sicheren Jobs dürften diese Roboter irgendwann eine willkommene Entlastung im Haushalt darstellen – und futuristischen Unternehmern wie Elon Musk viel Geld in die Kassen spülen. Skeptiker rechnen hingegen mit Massenentlassungen in zahlreichen Berufsfeldern oder fürchten sich schlimmstenfalls gar vor «Terminator»-Szenarien – mit Robotern, die die Kontrolle über die Menschheit übernehmen. (aargauerzeitung.ch)

